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Am Limit

Von MAJA BRANKOVIC und KERSTIN SCHWENN
Illustration: Kai Simons

08.01.2019 · Auf deutschen Straßen und Schienen wird es immer enger. Droht uns der Verkehrskollaps?

G ünther Krause plagte ein Albtraum. Russen kamen darin vor, Polen und Tschechen und Balten auch. In seiner Schreckensvision ging es den Menschen aus diesen Ländern wirtschaftlich gut. So gut, dass sie die finanziellen Mittel hatten, um sich in ihren Lastwagen und Ladas auf den Weg nach Deutschland zu machen. Nicht dauerhaft, sondern vor allem, um mit den Deutschen Geschäfte zu machen, mit ihnen Waren auszutauschen und vielleicht auch, um hier ein paar Tage ihrer Freizeit zu verbringen. So wie in Italien, Frankreich oder Spanien auch. Doch das alles verhieß in den Augen des Bundesverkehrsministers nichts Gutes: Denn der Slawen-Treck in den Westen rollte schnurstracks auf die deutsche Autobahn.

Das war vor 25 Jahren. Der Osten Europas war noch arm und vergleichsweise immobil, was für den Verkehr in Deutschland von Vorteil war. Doch nicht nur dem damaligen Bundesverkehrsminister war klar, dass dieser Zustand nicht von Dauer sein würde. Seine Worte hätte der CDU-Politiker aus Rostock vielleicht weniger drastisch wählen können, doch im Kern hat seine Prognose bis heute Bestand: Die Blechlawine, die über deutsche Straßen rollt, wird größer und größer, und das liegt nicht nur am inländischen Verkehr. Jedes Jahr aufs Neue verschärfen die Staupropheten ihren Pessimismus, denn noch immer hält die Entwicklung der Verkehrswege mit dem wirtschaftlichen Fortschritt Europas nicht Schritt. Und glaubt man Fachleuten wie Michael Schreckenberg von der Uni Duisburg-Essen, dann „deutet nichts auch nur ansatzweise auf eine Besserung hin“.

Am deutlichsten zeigt sich in der Ferienzeit im Sommer oder an Weihnachten, wie sehr das ganze Land unter der Last des Verkehrs ächzt. Doch auch an jedem beliebigen Freitagnachmittag kann man garantiert ein Land im Stillstand erleben. 723.000 Mal standen 2017 irgendwo im Land die Autofahrer im Stau. Das war, wie fast jedes Jahr, wenn der deutsche Autofahrerclub ADAC seine neue Bilanz zieht, ein Allzeithoch. Die Karawanen erstreckten sich über eine Länge von 1,45 Millionen Kilometern. Das heißt: Sie gingen mehr als 36 Mal um die Erde.

Der Stillstand kostet nicht nur Nerven, sondern auch enorm viel Geld. Berufspendler kommen zu spät zur Arbeit, Waren verspätet an ihr Ziel. Speditionen müssen Standzeiten in ihrer Kalkulation berücksichtigen, Unternehmen geben die Kosten in Form von höheren Preisen an die Bevölkerung weiter. Nicht zu vergessen der erhöhte Kraftstoffverbrauch und die damit verbundenen höheren Ausgaben aller Verkehrsteilnehmer für Benzin. Zwar gibt es nach wie vor kein einheitliches Modell, das den volkswirtschaftlichen Schaden berechnet, der durch Staus entsteht. Aber unter dem Strich liegen die Summen immer dicht beieinander. Die Beratungsfirma Inrix schätzte den Schaden durch Staus auf deutschen Straßen 2017 auf knapp 80 Milliarden Euro, Verkehrsforscher Schreckenberg spricht von Einbußen von 60 bis 100 Milliarden Euro im Jahr. In den 30 Stunden, die der deutsche Autofahrer im vergangenen Jahr durchschnittlich stehend verbrachte, zahlte er 1770 Euro obendrauf.

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