F.A.Z.-Elite-Panel

Vorschusslob der Eliten für die Ampel

Von Heike Göbel
20.01.2022
, 06:07
Haben viel vor und noch viel Vertrauen: Olaf Scholz und Robert Habeck
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Die deutschen Führungsspitzen begleiten den Start von SPD, Grünen und FDP mit außergewöhnlichem Wohlwollen. Aber die neue Allensbach-Elite-Umfrage birgt auch unerfreuliche Befunde und Handlungsaufträge für die Ampel – nicht zuletzt mit Blick auf China.
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Die Spitzen aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung in Deutschland verfolgen den Amtsantritt der Ampelregierung mit außergewöhnlichem Wohlwollen. Das zeigt die aktuelle Elite-Umfrage der Allensbacher Meinungsforscher im Auftrag der F.A.Z. und der Zeitschrift „Capital“. Obwohl sich die Mehrheit der 489 Entscheider einen anderen Wahlausgang gewünscht hätte, sagen 76 Prozent, sie seien mit dem Ergebnis der Koalitionsverhandlungen zufrieden.

Auffällig ist, dass die Zufriedenheit in den oberen Etagen der Unternehmen mit 82 Prozent sogar höher ist als in der Politik. Zwei Drittel der repräsentativ Befragten sehen die Koalition aus SPD, Grünen und FDP als handlungsstark an. Entsprechend traut die Mehrheit Olaf Scholz zu, ein starker Bundeskanzler zu werden und erwartet gute Zusammenarbeit der neuen Partner.

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Allensbach-Chefin Renate Köcher zeigt sich von dem klaren Befund überrascht. Die im Elite-Panel vertretenen Führungsspitzen aus der Wirtschaft neigten eigentlich überwiegend zur Union oder zur FDP, sagte sie der F.A.Z. Die CDU stecke damit in einer ganz schwierigen Lage: „Ihre Anhänger haben der neuen Regierung einen sehr freundlichen Empfang bereitet. Sie blicken nun erst mal auf die Ampel und geben ihr viel Vorschusslorbeer.“ Das könnte daran liegen, dass fast die Hälfte der Führungskräfte im Koalitionsvertrag vor allem die Handschrift der FDP entdeckt hat. Nur knapp ein Fünftel meint, die SPD habe am meisten durchgesetzt, bloße 10 Prozent sehen die Grünen vorn.

Nicht gefallen dürfte der Union auch, dass die einflussreichen Führungsspitzen die meisten zentralen Vorhaben der Ampel mehrheitlich „richtig“ finden und als fortschrittlich loben. Nur ein Drittel bezweifelt den Nutzen der Ampelpläne für Deutschland. Weit weniger zuversichtlich sind die Entscheider allerdings – ungeachtet ihres Vertrauens auf Scholz’ Führungskraft – , wenn es um die Frage geht, wie viele Vorhaben die Ampel verwirklichen kann. „Generell überwiegt zurzeit die Skepsis, ob die Ampelkoalition bei wichtigen Kernzielen große Fortschritte erreichen wird“, lautet der für SPD, Grüne und FDP dann doch etwas ernüchternde Befund der Umfrage. Das gilt vor allem für die Stabilisierung des Rentensystems, aber auch für den Bürokratieabbau, die Modernisierung der Verwaltung und der Verkehrsinfrastruktur.

Nur zwei Beschlüssen geben die Eliten eine sichere Chance: der Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro und der Legalisierung von Cannabis. Dass der Kohleausstieg schon 2030 erfolgen kann, glaubt bloß die Hälfte. Das Ziel, 80 Prozent des Stroms bis 2030 aus erneuerbaren Quellen zu produzieren, hält nur ein Viertel für realistisch. Trotzdem wünscht und erwartet die Mehrheit des Panels durchaus, dass die Ampel den Klimaschutz stark voranbringen wird. Keine Illusionen macht man sich aber über die Kehrseite: Drei Viertel befürchten erhebliche Belastungen für Bürger und Wirtschaft. 64 Prozent rechnen mit Problemen bei der Energieversorgung, wenn die letzten drei deutschen Atommeiler Ende des Jahres abgeschaltet werden. Hoffnungen auf ein politisches Umdenken und eine Verlängerung der Laufzeiten macht sich aber nur jeder Vierte.

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Unzufrieden sind die Entscheider mit der Rentenpolitik. Dass die Ampel eine Absenkung des Rentenniveaus und die Erhöhung des Renteneintrittsalters über 67 Jahre hinaus im Koalitionsvertrag ausgeschlossen hat, halten die meisten angesichts der alternden Bevölkerung und stark steigender Rentenausgaben für falsch. Mit einer überzeugenden Rentenpolitik könnte die Union daher vielleicht ihre Klientel zurückgewinnen.

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Auf die Konjunktur schauen die Entscheider weniger zuversichtlich als vergangenen Sommer. Hauptsorgen bereiten den Unternehmensspitzen nun Lieferengpässe und steigende Energiekosten: Jeweils etwa 40 Prozent sehen hier große oder sehr große Probleme für ihr Unternehmen. Hingegen klagt nur noch jeder Fünfte über starke Einbußen seines Betriebs durch die Pandemie, vergangenen Winter waren es noch 30 Prozent. Allerdings vermissen zumindest die Wirtschaftseliten Lerneffekte in der Corona-Politik. Die Mehrheit hat nicht den Eindruck, das Virus werde nach zwei Jahren gezielter bekämpft.

Für die heftig umstrittene Einführung einer allgemeinen Impfpflicht hat die Ampel aber breiten Rückhalt der Eliten. Und obwohl gleich der erste große Beschluss der Ampel, die Beendigung der epidemischen Notlage, von den Entscheidern als Fehler angesehen wird, überwiegt unter ihnen das Vertrauen in die Pandemiebekämpfung der neuen Regierung. Diese Meinung teile die breite Bevölkerung nicht, berichtet Köcher. Die Politik mache nach Ansicht der meisten Bürger zu viel in zu kurzer Zeit, sie seien von der Unübersichtlichkeit der Maßnahmen genervt. Für die Demoskopin ist das ein weiteres Indiz, dass „die Ampel von der Zustimmung der höheren sozialen Schichten getragen“ werde. Das sei spannend, normalerweise gebe es keine klaren Schichtenunterschiede in der Beurteilung einer Regierung.

Noch ein ganz anderer Befund verdient nach Köchers Einschätzung Aufmerksamkeit der Ampel: das veränderte Urteil der Entscheider über China. Waren 2018 nur 15 Prozent „sehr besorgt“ über den wachsenden Einfluss Chinas, ist es nun fast die Hälfte. Ein Grund für die negativere Einschätzung dürften Chinas Drohgebärden gegen Taiwan sein. 65 Prozent befürchten die Eskalation des Konflikts und bewerten eine mögliche Annexion der Insel als enorme Gefahr für Deutschlands Wirtschaft.

Fast drei von vier Befragten sind auch stark beunruhigt über das gespannte Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und China. 78 Prozent befürchten, europäische Unternehmen könnten unter Druck geraten, sich zwischen China und Amerika zu entscheiden. Diese Zahl deckt sich mit der Elite-Umfrage 2019. Im Gegensatz zu damals würden sich heute aber im Fall des Falles zwei Drittel der Wirtschaftsspitzen für die USA entscheiden, 2019 hätte das bloß jeder Zweite getan. Das bessere Abschneiden der Vereinigten Staaten in den Augen der Eliten ist wohl auch Präsident Joe Biden geschuldet. Zwar äußert sich nach dem ersten Amtsjahr nur die Hälfte zufrieden über ihn. Immerhin zwei von drei Befragten bescheinigen ihm aber, sein Land eher gestärkt zu haben.

An der Anfang Januar abgeschlossenen Elite-Umfrage haben unter anderem 89 Vorstände von Unternehmen mit mehr als 20.000 Beschäftigten, 19 Minister und Ministerpräsidenten und 31 Leiter von Bundes- und Landesbehörden teilgenommen. Es ist die am prominentesten besetzte Umfrage Europas.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Göbel, Heike
Heike Göbel
Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.
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