Neue Corona-Testverordnung

„Was gilt denn nun, drei Euro oder zehn?“

Von Christian Geinitz, Berlin
01.07.2022
, 12:31
Vorbei mit kostenlos: Corona-Schnelltests kosten jetzt meistens etwas, wie viel, darüber herrscht Verwirrung.
Seit Donnerstag sind für Bürgertests Zuzahlungen fällig. In den Zentren herrscht Verwirrung über die Abrechnung. Die Kassenärzte halten das ganze System für überflüssig und verweigern sich der Abrechnung.
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Große Verwirrung an einer Teststation im Norden von Berlin. „Wieso 10 Euro?“, fragt eine ältere Dame und zeigt auf den Preisaushang an dem weißen Container. „Ich dachte, es wären drei.“ Tatsächlich gibt es seit Inkrafttreten der neuen Corona-Testverordnung am Donnerstag drei Kategorien von Abrechnungen. Die gänzlich kostenfreien Tests stehen so genannten vulnerablen Gruppen zur Verfügung. Dazu zählen Kinder unter fünf Jahren, Frauen im ersten Schwangerschaftsdrittel, Angehörige von Covid-Infizierten, Menschen mit Behinderung in Einrichtungen, chronisch kranke Menschen, die sich nicht impfen lassen können, pflegende Angehörige, Haushaltsangehörige eines Infizierten sowie Besucher von Altenheimen, Kliniken, Dialysezentren, Hospizen oder anderen medizinisch-pflegerischen Stellen. Auch Personen mit positiven PCR-Tests, sie sich aus der Isolation freitesten wollen, zählen zu dieser Gruppe.

Drei Euro Zuzahlung müssen solche Kunden leisten, die Veranstaltungen in Innenräumen besuchen, die Kontakt zu Personen im Alter von 60 oder mehr Jahren oder zu Hochrisikopatienten mit Behinderungen oder Vorerkrankungen haben. Auch wenn die Corona-Warn-App rot leuchtet, kann man sich für drei Euro Selbstbeteiligung untersuchen lassen. „Bei allen anderen bezahlt der Staat keinen Corona-Test“, heißt es auf dem Aushang. „Wir bieten die Durchführung des Tests für zehn Euro an.“ PCR-Tests nach positivem Schnelltest seien im übrigen weiter unentgeltlich.

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Jeder, der hier einen Abstrich nehmen lassen will, muss vorher online oder auf Papier ein Formular ausfüllen. Neben den persönlichen Daten ist auch der Testgrund anzugeben. Für die gänzlich kostenfreie Version gibt es fünf Kästchen (Kind, schwanger und so weiter), für die Drei-Euro-Selbstbeteiligung steht als Möglichkeit die Kategorie „Schnelltest Risikoexposition“ zur Verfügung, für die Zehn-Euro-Alternative das Kästchen „kostenpflichtiger Test“.

Wahrheitsgemäße Angaben

Der Testwillige bestätigt mit seiner Unterschrift, dass er zu der gewählten Gruppe gehört und dass er „wahrheitsgemäße Angaben“ gemacht hat. Außer im Zehn-Euro-Fall sollen die Testgründe nachgewiesen werden, etwa durch Ausweise, Atteste, Bescheinigungen oder glaubwürdige Erklärungen. Ganz klar ist das Verfahren aber nicht, denn der Aushang sagt: „Teilweise sind Nachweise erforderlich, etwa Eintrittskarten für Veranstaltungen.“ Für Heim- und Klinikbesucher hält die Station einen Vordruck bereit, in dem die Einrichtung mit Stempel und Unterschrift bestätigt, dass der Antragsteller „eine bei uns betreute und untergebrachte Person besucht“.

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Für jeden anlassbezogenen Test erhält die Station nicht mehr 11,50 Euro wie noch vor zwei Tagen, sondern nur noch 9,50 Euro. In der Regel kommen 6,50 Euro vom Staat und 3 Euro von den Getesteten. Bei den vulnerablen Gruppen erstatten die Behörden den Gesamtbetrag. Für Tests außerhalb der vorgegebenen Anlässe gibt es aber keinerlei Erstattung, weshalb der Stationsbetreiber, ein Arzt, zehn Euro nimmt. „Warum nicht 9,50 Euro? Naja, das Bargeldhandling ist schon mühsam genug, wir wollten nicht auch noch ständig 50 Cent rausgeben müssen“, sagt der Mann im hellblauen Polohemd.

Die Leute haben das Kleingeld und sind bereit zu zahlen

Rund 200 Tests am Tag finden an der Teststelle statt, das habe sich seit der Neuordnung nicht wesentlich geändert. „Die Leute haben das Kleingeld und sind bereit zu zahlen“, sagt der Chef. „Ich halte das auch für richtig, weil es viel Betrug gab, das muss man eindämmen.“ In ungeregelten Zeiten zählten die Betreiber am Abend die Testbögen und meldeten deren Zahl ohne Prüfung an die Abrechnungsstellen weiter. „Niemand hat gemerkt, ob man 100 oder 1000 Tests abgerechnet hat“, sagt der Arzt. „Das hat ja förmlich zum Schummeln eingeladen.“

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Zwar fänden sporadisch Überprüfungen statt, aber die zuständigen Stellen seien mit der Vielzahl der Stationen und den oft nur in Papierform vorliegenden Nachweisen völlig überfordert; allein in Berlin gebe es 1000 Testzentren. Die Überforderung zeige sich leider auch in der Abrechnung, klagt der Arzt. Die Honorarüberweisung sei stets drei Monate in Verzug, und dann gebe es zunächst nur einen Abschlag von 50 Prozent. Zuletzt hat er für Februar Geld bekommen, 90.000 statt 180.000 Euro. „Nachvollziehbar wird die Abrechnung für uns noch viel später, mein letzter offizieller Honorarbescheid stammt vom August letzten Jahres.“

Die Neuordnung hält der Arzt prinzipiell für richtig. Sie sei aber zu plötzlich gekommen, sorge für Unverständnis und Missmut bei einigen Besuchern und für Mehrarbeit in den Teststellen. „Es gibt für uns weniger Geld, aber gleichzeitig mehr zu tun.“ Um die Formulare auszuwerten und weiterzugeben, brauche er jetzt vier statt zwei Mitarbeiter. Das Computerprogramm müsse geändert werden, hinzu komme die Bargeldabrechnung und die Bankeinzahlung. „Das ist ein Riesenaufwand, und man muss sich teilweise von den Leuten noch beschimpfen lassen.“ Tatsächlich hat es hier schon böse Rufe und Schmähungen des Personals gegeben. Die meisten Besucher aber nehmen die neue Lage gelassen. „Drei Euro bringen niemanden um. Außerdem gibt es ja auch billigere Selbsttests in der Drogerie“, sagt ein Herr mit Gehstock. Ein Jugendlicher, der ein Kellerkonzert besuchen will, meint: „Dann trink ich halt ein Bier weniger und hab das wieder raus.“

In den ersten drei Stunden an diesem Freitagmorgen sind schon 30 Personen zum Testzentrum gekommen, nicht weniger als sonst. Eine Hälfte musste gar nichts bezahlen, die andere jeweils drei Euro. Einen Zehn-Euro-Fall gab es bisher nicht. „Einen triftigen Anlass gibt es immer“, sagt der Inhaber mit einem Augenzwinkern. „,Kontakt zu einem Übersechzigjährigen‘, kann ja schon heißen, dass man in der Supermarktschlange hinter einem gestanden hat.“ Im Gesundheitswesen schlagen die Wellen indes hoch wegen der neuen Coronatestverordnung. Nach Kritik der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) schrieb Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbnach (SPD) am Freitag auf Twitter: „Die Tests werden bleiben und ab heute korrekt abgerechnet.“ Sein Haus sei mit der KBV „in konstruktiven Gesprächen zur Abrechnung der Bürgertests“. Diese seien „nicht sinnfrei, sondern helfen, dass Infizierte andere nicht anstecken“.

Der KBV-Vorstand Andreas Gassen hatte zuvor die vollständige Einstellung der Corona-Bürgertests gefordert. „Diese unsinnigen Tests müssen abgeschafft werden“, sagte er der „Bild“-Zeitung. „Sie sind viel zu teuer, der bürokratische Aufwand ist riesig, und die epidemiologische Aussagekraft ist Null.“ Die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) haben in einem Brief an Lauterbach angekündigt, fortan keine Bürgertests mehr „abrechnen und auszahlen“ zu wollen. Die KVen sind für die Honorierung der Zentren zuständig. Sie können es nach eigener Aussage „nicht verantworten, sehenden Auges Auszahlungen auf Abrechnungen zu leisten, deren Richtigkeit sie nicht ansatzweise prüfen können“.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
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