Von Großbritannien initiiert

Milliarden für globale Impf-Offensive

Von Philip Plickert, London
04.06.2020
, 20:17
Durch das Gavi-Programm erhalten Millionen Menschen auf der Welt Impfschutz, wie zum Beispiel dieses Mädchen in Bangladesch gegen Cholera.
Großbritannien macht größte Einzelspende für den Schutz von Kindern. Unternehmer Bill Gates unterstützt die Kampagne. Amerika gibt mehr als 10 Milliarden Dollar für Corona-Forschung an private Initiativen.

Mehr als 7,4 Milliarden Dollar für die globale Impf-Allianz Gavi – so lautete das Ziel des Gavi-Kongresses mit Reden zahlreicher Regierungschefs und Minister, den die britische Regierung per Videokonferenz ausgerichtet hat. Bis Donnerstagnachmittag sagten Dutzende Länder und auch einige Unternehmen dann Beträge von insgesamt 8,8 Milliarden Dollar zu, wie Premierminister Boris Johnson hervorhob, das sind knapp 7,8 Milliarden Euro.

Großbritannien werde mit 1,65 Milliarden Pfund (1,8 Milliarden Euro) die größte Einzelspende für die nächsten fünf Jahre machen, kündigte Johnson an. Gavi helfe jedes Jahr, etwa die Hälfte aller neugeborenen Kinder zu impfen und zu schützen – dies sei ein wunderbarer Erfolg. Johnson rief zur Zusammenarbeit von Staaten, Pharmaunternehmen und privaten Organisationen zur Entwicklung und Verbreitung einer Corona-Impfung auf.

Amerikas Präsident Donald Trump wünschte der Konferenz und Johnson viel Erfolg im Kampf gegen das Coronavirus. Das Virus kenne „keine Grenzen, es diskriminiert nicht, es ist gemein und böse“, sagte Trump. Er werde ein Partner sein – Geld sagte er für Gavi nicht zu.

Initiator Bill Gates ist vom Nutzen der Impfungen überzeugt

Die höchste Einzelzusage vor dem Kongress kam aus Norwegen, das 1 Milliarde Dollar für die Aktivitäten von Gavi in 68 ärmeren Ländern in den Jahren 2021 bis 2025 geben wird. Kanada gibt 600 Millionen Dollar, Japan 300 Millionen Dollar. Deutschland sagte am Donnerstag 700 Millionen Euro zu, Frankreich 500 Millionen Euro, die EU 300 Millionen Euro. Mit 7 Milliarden Dollar könnten Impfungen von rund 300 Millionen Kinder gegen lebensbedrohliche Krankheiten finanziert werden.

Damit könnten bis zu acht Millionen Tote vermieden werden, hieß es. Der Microsoft-Gründer Bill Gates, einer der Initiatoren von Gavi, sagte in einem BBC-Interview, dass das Geld auch genutzt werde sollte, um Impfungen gegen Coronavirus-Infektionen für Entwicklungsländer zu kaufen. „Die Bedeutung von Impfungen ist heute klarer als jemals vorher“, sagte Gates.

Gavi (Global Alliance for Vaccines and Immunisation), gegründet im Jahr 2000, ist eine Initiative öffentlicher Organisationen wie der Weltgesundheitsbehörde WHO und dem UN-Kinderhilfswerk Unicef und privater Partner wie der Stiftung von Bill und Melinda Gates. Diese stellten bei der Gründung eine Dreiviertel Milliarde Dollar bereit. Eine Geberkonferenz 2011 brachte mehr als 4 Milliarden Dollar hinzu.

In den vergangenen 20 Jahren hat Gavi nach eigenen Angaben geholfen, dass mehr als 760 Millionen Kinder in unterentwickelten Ländern Impfschutz erhielten gegen Krankheiten wie Diphtherie, Tetanus, Hepatitis B, Gelbfieber, Meningitis, Pneumokokken und Rotavirus. Dies habe 13 Millionen Leben gerettet. Fachleute sehen einen klaren Beitrag der Impfungen zur verringerten Kindersterblichkeit gerade in Entwicklungsländern.

Washington unterstützt die private Impfstoffforschung

Unterdessen verschärft sich das Rennen um eine Corona-Impfung. In der EU taten sich Deutschland, Frankreich und Italien zusammen, um mit Pharmaunternehmen zu verhandeln, darunter auch der britische Pharmakonzern Astrazeneca, der zusammen mit Forschern der Universität Oxford einen Impfstoff entwickelt und eine Massenproduktion vorbereitet.

Die Vereinigten Staaten stellen Astrazeneca mehr als 1 Milliarde Dollar zur Verfügung und hat dafür die Zusage von 300 Millionen Impfdosen erhalten, falls die Entwicklung erfolgreich ist. Die britische Regierung trägt 65 Millionen Pfund bei und soll 30 Millionen Impfdosen erhalten. Insgesamt strebt Astrazeneca eine Produktionskapazität von einer Milliarde Impfdosen an – dies würde dann auch reichen, um Entwicklungsländer zu versorgen.

Washington finanziert auch die Forschung des französischen Pharmakonzerns Sanofi, der mit Glaxo-Smith-Kline, dem größten Impfhersteller der Welt, kooperiert. Zudem gibt Washington hohe Zuschüsse an die amerikanischen Unternehmen Moderna, Johnson & Johnson, Merck & Co sowie Pfizer. Insgesamt stellen die Vereinigten Staaten für die Forschung und Produktion mehr als 10 Milliarden Dollar zur Verfügung.

Das stellt die Summen aller anderer Länder weit in den Schatten. Kritiker sagen, dass Amerika sich nationalistisch verhalte, weil es für seine finanziellen Beiträge auch die Zusage einfordert, zuerst Impfstoffe geliefert zu bekommen. Einige Fachleute sagen indes, dass die ganze Welt mit profitiert, wenn eine durch Amerika vorangetriebene Impfstoffentwicklung schneller zum Ziel kommt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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