Euro-Geldpolitik

Warme Worte von Lagarde

EIN KOMMENTAR Von Gerald Braunberger
22.04.2021
, 17:29
Die Zeit für die Diskussion um eine allmähliche Anpassung der Geldpolitik wird in den kommenden Monaten Fahrt aufnehmen. Und die „Tauben“ werden ihr nicht ausweichen können.

In den vergangenen Wochen wurde an den Finanzmärkten viel geraunt über Spannungen zwischen „Falken“ und „Tauben“ im Zentralbankrat der Europäischen Zentralbank (EZB). Der Mehrheit der „Tauben“, die auf unbestimmte Zeit eine Fortsetzung der sehr expansiven Geldpolitik befürworteten, stehe ein wachsendes Lager von „Falken“ gegenüber, die mit einer absehbaren Belebung der Wirtschaft auch eine Diskussion über einen allmählichen Ausstieg aus der gegenwärtigen Geldpolitik erhofften.

Bestätigung dürften die „Falken“ einer überraschenden Ankündigung der Bank of Canada entnehmen, die am Mittwoch eine Reduzierung ihrer Anleihekäufe in Aussicht stellte.

„Falken“ und „Tauben“

EZB-Präsidentin Christine Lagarde war am Donnerstag auffallend bemüht, warme Worte für die Tauben zu finden. So betonte sie klipp und klar, dass eine sehr expansive Geldpolitik notwendig bleibe. Daher wird die EZB weiterhin versuchen, neben den kurzfristigen Zinsen auch die langfristigen Renditen der Anleihen im Griff zu halten.

Andererseits verabschiedet sich Lagarde allmählich von einer düsteren Rhetorik, die den Weg in die Zukunft vor allem von einer großen Zahl von Risiken bedroht sieht. Vom zweiten Halbjahr 2021 an hält die EZB in der Eurozone eine robuste Erholung der Konjunktur für wahrscheinlich. Die Zeit für die Diskussion um eine allmähliche Anpassung der Geldpolitik wird Fahrt aufnehmen.

Jeder erfahrene Geldpolitiker weiß, dass nichts schwieriger ist, als den optimalen Zeitpunkt einer Änderung eines geldpolitischen Kurses zu bestimmen. Insofern wären die Debatten zwischen „Falken“ und „Tauben“ nicht erheblich, wenn sich hinter ihnen nicht grundlegende Diskrepanzen über das künftige Selbstverständnis der EZB befänden.

Auch in der akademischen Welt finden sich Befürworter eines Modells, in dem Notenbanken nicht nur Geldpolitik betreiben, sondern sich zudem als Garanten der Zahlungsfähigkeit hochverschuldeter Staaten und als Förderbank zur Finanzierung von Klimapolitik verstehen. Die Warmherzigkeit, mit der sich Lagarde zur Kanzlerkandidatur Annalena Baerbocks äußerte – für Geldpolitiker ein glatter Regelverstoß –, zeigt, wohin die politische Reise der EZB geht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
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