Ausländer verlassen China

Pekings strenge Covid-Politik stößt auf Zorn

Von Hendrik Ankenbrand, Schanghai
05.12.2021
, 14:18
Covid-Kontrolle in der nordostchinesischen Stadt Harbin.
Pekings Null-Covid-Politik hat aus dem Land ein Gefängnis gemacht. Die in China lebenden Ausländer fliehen daher vor lauter Unmut in Scharen. Einheimische schaffen es jedoch nur mit großer Mühe, das Land derzeit zu verlassen.
ANZEIGE

Es ist Freitagnachmittag und im Schanghaier Kunstmuseum Liu Haisu sollen die „kulturellen Beziehungen und die Freundschaft“ zwischen China und Deutschland gefeiert werden. Die Kulturabteilung des deutschen Konsulats hat eine beeindruckende Ausstellung über das Thema Zeit auf die Beine gestellt. Die Kunstwerke, die in den vergangenen zwei Jahren entstanden sind, wurden geschaffen von Künstlern aus beiden Ländern. Doch bei der Eröffnung ihrer Ausstellung sind die Deutschen nur Randobjekt. Auf einem Monitor an der Seite bleiben die Gesichter der drei Frauen stumm. Sie haben kein Visum für die Einreise nach China erhalten, so wie die meisten Nicht-Chinesen seit Beginn der Pandemie.

ANZEIGE

So wie die deutschen Künstlerinnen nicht sprechen dürfen, vermeidet die Leiterin des Museums auch das Wort „Covid“, doch der deutsche Generalkonsul adressiert den Elefanten im Raum und spricht von den „Herausforderungen“, der die deutsch-chinesischen Beziehungen zwei Jahre nach Beginn der Pandemie ausgesetzt seien. Jeder Ausländer im Raum weiß, was damit gemeint ist: Einreisevisa erteilt die Volksrepublik seit zwei Jahren nur noch nach einer nervenaufreibenden Prozedur nur noch an jene, die nachweisen können, dort einer für Steuerbehörden und lokale Beschäftigte bedeutenden Tätigkeit nachzugehen. Künstler fallen nicht darunter.

F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

Werktags um 6.30 Uhr

ANMELDEN

Der Grund dafür zeigt sich fast jeden Abend in den Hauptnachrichten des Staatsfernsehens, wo von Deutschland ein weit weniger einfühlsames Bild als in der Ausstellung im Liu-Haisu-Museum gezeichnet wird. Vor dem Blaulicht von Krankenwagen, die mit quietschenden Reifen vor deutschen Krankenhäusern halten und unter Sauerstoffmasken röchelnde Infizierte ausladen, wird den Zuschauern anhand von Säulendiagrammen die jüngste katastrophale Covid-Statistik der Bundesrepublik erläutert: „67.186 Neuinfektionen und 446 Tote an einem einzigen Tag.“

Das weit größere China dagegen meldete am Donnerstag nur 96 Neuinfektionen und null Todesfälle. Laut offizieller Statistik sind seit Ausbruch des Virus in Wuhan überhaupt nur 4636 Menschen daran gestorben, 4 Prozent der Anzahl der von Deutschland gemeldeten Covid-Toten. Vor 10 Tagen veröffentlichte die Peking-Universität eine Studie von Mathematikern, nach der bei einer Öffnung von Chinas Grenzen mit einem „kolossaler Ausbruch“ mit 640.000 Neuinfektionen pro Tag zu rechnen sei, der einen „verheerenden Effekt“ auf das Gesundheitssystem habe und das Land in ein „Desaster“ führen würde.

ANZEIGE

Stimmung unter den Ausländern kippt

Wu Zunyou, Chefepidemiologe des Nationalen Seuchenbekämpfungszentrums, taxiert die Zahl der Toten auf 950.000, sollte China seine strikte Null-Covid-Strategie aufgeben, während sich die Omikron-Variante des Virus in der Welt breit macht. Wie dicht der Staat in der Folge die Grenzen weiter verschlossen hält, zeigt die Zahl der internationalen Flüge. Pro Woche sind es mittlerweile 200. Vor der Pandemie waren es 9090 – ein Rückgang um 98 Prozent. Weil zudem Flüge ausgesetzt werden, wenn diese bei vorhergehenden Landungen im Land mit dem Virus infizierte Passagiere an Bord hatten, nimmt die Zahl der Verbindungen nach China ab, nicht zu.

Während die USA und Europa ihre Grenzen längst wieder geöffnet haben, zieht das Reich der Mitte seine neue Covid-Mauer immer höher. Mittlerweile lebten im Zwergstaat Luxemburg mehr Ausländer als in den Megametropolen Schanghai und Peking zusammen, rechnet Jörg Wuttke vor, Präsident der Europäischen Handelskammer in China. Der Deutsche, der seit Anfang der 80er-Jahre im Land ist, zählt noch 260.000 „Laowais“, wie Nicht-Chinesen genannt werden – bei einer Bevölkerungszahl von 1,45 Milliarden. Prozentual ist der Ausländeranteil sogar in Nordkorea höher.

ANZEIGE

Wuttke, der seine beiden erwachsenen Kinder in Deutschland seit Weihnachten 2019 nicht mehr gesehen hat, weil er bei der Rückkehr nach China in eine zeitraubende dreiwöchige Hotelquarantäne müsste, spürt, wie die Stimmung unter den Ausländern kippt. Angesichts der immer härteren Gangart, mit der die Kommunistische Partei ihre Null-Covid-Strategie verfolgt und selbst bei einem Dutzend Infektionsfällen ganze Städte wochenlang in den Lockdown schickt, sei ein Ende der Isolation nicht absehbar.

F+Newsletter – das Beste der Woche auf FAZ.NET

Samstags um 9.00 Uhr

ANMELDEN

Passhalter müssen guten Grund für die Ausreise angeben

Von der sind die chinesischen Bürger selbst noch härter betroffen als die Ausländer. Zwar dürfen sie theoretisch nach allerhand Covid-Tests wieder in das Land einreisen, müssen allerdings in Quarantäne, die im Fall der Provinz Shenyang 3 Wochen im zugewiesenen Hotelzimmer beträgt und anschließend 1 Woche zuhause. Danach ist an 28 weiteren Tagen die Körpertemperatur an das lokale Nachbarschaftskomitee zu melden.

Allerdings haben nur 13 Prozent der Chinesen überhaupt einen Reisepass, und neue Pässe werden in der Pandemie nicht mehr ausgestellt. Passhalter, die nicht mit einem Geschäfts- oder Studienvisum, sondern mit Touristenvisum ins Ausland reisen wollen, müssen an vielen Flughäfen den Grenzbeamten einen guten Grund für die Ausreise angeben, etwa den Besuch von Familie, Freunden oder eine Hochzeit – und dies oft mit der Vorlage von Einladungsschreiben oder Chat-Konservationen auf dem Smartphone belegen.

ANZEIGE

Auch in Schanghai sind die Folgen spürbar

Mit Blick auf Reisen im Inland ist in China eine Debatte darüber aufgeflammt, warum Bürger eigentlich die Kosten dafür tragen sollen, wenn sie im Urlaub wie jüngst in der Provinz Xinjiang nach lokalen Ausbrüchen vom Staat wochenlang ins Isolationshotel gezwungen werden. EU-Kammerchef Wuttke hält es besonders für Familien mit kleinen Kindern angesichts der allerorten drohenden Quarantäne für riskant, im Land zu verreisen – dies sei wie „Roulettespielen“.

Doch während die meisten Chinesen mit der Isolation leben müssen und das laut Umfragen auch mehrheitlich wollen, können die Ausländer gehen. In Schanghai, wo die Zahl der Nicht-Chinesen vor der Pandemie 170.000 betragen hat, dürfte sie nach Schätzungen zu Beginn kommenden Jahres auf 40.000 sinken. Für die beiden Deutschen Schulen in der Stadt, die in der Folge immer weniger Schüler und somit auch weniger Gebühreneinnahmen haben, könnte sich in ein paar Jahren die Existenzfrage stellen.

Von ihrem Null-Covid-Kurs abrücken dürfte die Staatsführung wohl nur aus einem Grund: Falls sich Chinas immer krassere Isolation negativ auf die Konjunktur auswirkt, was die Stimmung im Volk umschlagen lassen könnte. Doch selbst wenn das Wachstum im kommenden Jahr infolge der vielen Probleme wie am Immobilienmarkt auf 2 Prozent fällt, wie vom Analysehaus Oxford Economics berechnet, könnte die Regierung mit einer Lockerung der Geldpolitik gegensteuern. Chinas Isolation, fürchten die Ausländer im Land, bleibt wohl noch mindestens 2 Jahre bestehen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ankenbrand, Hendrik
Hendrik Ankenbrand
Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE