Pandemie und Inflation

Heiße Preise brauchen einen kühlen Kopf

Von Sandra Phlippen
26.01.2022
, 08:08
Angespannte Lieferketten: Die Frachraten für Containerschiffe sind in die Höhe geschossen.
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Die Inflation in der Eurozone verunsichert viele Verbraucher. Die anhaltende Pandemie lässt die Nachfrage nach Industriegütern und Dienstleistungen sinken. Vieles spricht jedoch dafür, dass das Phänomen nur vorübergehend ist. Ein Gastbeitrag.
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Hohe Inflation ist ein erschreckendes Phänomen. Geldentwertung erzeugt das Gefühl, dass Wertvolles wie Sand durch die Finger rinnt. Inflation verstärkt die Befürchtung, dass der derzeitige Lebensstandard unerschwinglich wird. Dann entsteht die menschliche Neigung zum Horten, wobei die Sorgen kollektiv durch eigenes Verhalten verstärkt werden. Deshalb ist es ratsam, diesem Gefühl eine Reihe von Fakten entgegenzusetzen.

Zunächst wird die aktuelle Inflation in der Eurozone hauptsächlich durch Energiepreiserhöhungen getrieben. Das ist ärgerlich, aber wahrscheinlich vorübergehend: Der Winter wird enden, auch wenn die Spannungen zwischen Russland und der Ukraine sich kurzfristig nicht auflösen werden. Zudem ist die hohe Zahl teils nur ein statistischer Effekt. Im November 2021 stiegen die Preise um 4,9 Prozent gegenüber November 2020. Im November 2020 trugen die Energiepreise zu einem Rückgang des Preisniveaus bei. Der Anstieg der Energiekosten soll nicht verharmlost werden, aber diese 4,9 Prozent reflektieren teilweise einen Nennereffekt von 2020.

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Homeoffice senkt Nachfrage

Schließlich ist die Tatsache, dass wir uns in einer neuen Welle der Pandemie befinden, eine Ursache dafür, dass die Nachfrage nach Kraftstoff sinken wird. Das Arbeiten von zu Hause wird den Preis senken. Das wird Menschen mit niedrigeren Einkommen entlasten. Wenn wir uns die anderen Inflationskategorien ansehen, sprechen wir hauptsächlich von Industriegütern und Dienstleistungen. Die heutige Welle der Pandemie reduziert Konsum von Dienstleistungen, bei denen Kontakt erforderlich ist.

Die Frachtraten sind im vergangenen Jahr in die Höhe geschossen. Gründe dafür waren die vielen Produktions- und Lieferengpässe beim Containertransport, geschlossene Häfen und Wassermangel an Orten, an denen Chipfabriken ansässig sind. Im Dezember 2021 begannen sich die Lieferketten zu erholen, aber Omikron wird diese Erholung wieder verlangsamen. Das bedeutet, dass die Rohstoffpreise in der ersten Hälfte des Jahres 2022 noch stark steigen könnten, und damit auch die Inflation. Wichtiger ist jedoch, dass die Quelle dieses Anstiegs – die Probleme in den Lieferketten – vorübergehend ist. China beginnt bereits, die Null-Toleranz-Strategie zu lockern. Häfen und andere Produktionsgebiete in China werden also nicht mehr so einfach zum Stillstand kommen.

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Einer der Hauptfaktoren für eine anhaltende Inflation ist die Lohn-Preis-Spirale: Wenn die Löhne in Europa mit der Inflation steigen, wird der zusätzliche Konsum die Preise wieder in die Höhe treiben und den Gewerkschaften ein Argument für weitere Lohnerhöhungen liefern. Die verhandelten Löhne sind seit Corona auf 1,4 Prozent zurückgegangen. 2022 und 2023 erwarten wir, dass höhere Löhne vereinbart werden. Dies ist aber eher ein Aufholwachstum. Für ein starkes Lohnwachstum gibt es keinen Hinweis.

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Letztlich bleibt die Frage, warum die Inflation in Amerika vermutlich zu einem Anstieg der Zentralbankzinsen führt und die EZB 2022 stillhält. Die US-Wirtschaft arbeitet bereits über ihrer Kapazitätsgrenze, und auch Omikron wird keinen weiteren Lockdown erzeugen. Das bedeutet, dass der aktuelle Arbeitskräftemangel weiter zunehmen wird und eine Lohn-Preis-Spirale durchaus möglich ist. Außerdem unterscheidet sich das Konsumverhalten der Amerikaner stark von dem der Europäer. Seit der Pandemie zeigt sich in Amerika ein übermäßiger Warenkonsum. Omikron wird dies noch verstärken, sodass die Schwellenländer mit der Nachfrage nicht Schritt halten könnten.

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Infektionswelle hemmt Dienstleistungssektor

In Europa, das nach wie vor unter seiner Kapazität arbeitet, könnte die inflationäre Wirkung der globalen Angebotsprobleme durch einen Nachfragerückgang durchaus neutralisiert werden. Zunächst einmal geht der Verbrauch von Dienstleistungen in Europa während einer Infektionswelle stark zurück. Man weicht zwar teilweise auf Onlinekonsum aus, aber Europäer kompensieren den Rückgang in den betroffenen Bereichen nicht so stark wie die Amerikaner. Stattdessen werden Europäer kräftig sparen, wenn sie können. Sobald die Infektionswelle verschwindet, werden die disinflationären Kräfte in der europäischen Wirtschaft wieder aufleben.

Die Inflation verteuert das Leben, aber die zusätzlichen Einsparungen von schätzungsweise 350 Milliarden Euro mildern die Belastung. Hinzu kommen Lohnzuwächse und steigende Immobilienwerte, die dazu beitragen, die Inflationslast zu tragen. All dies macht uns ziemlich robust für die harten Zeiten, die noch kommen können. Dennoch gibt es eine große Sorge. Hinter der durchschnittlichen Widerstandsfähigkeit verbirgt sich eine große Streuung. Diejenigen, die keinen unbefristeten Arbeitsvertrag haben, werden durch die europäische Politik, die eher Arbeitsplätze als Einkommen stützt, viel eher zwischen zwei Stühlen sitzen. Diese Gruppe verfügt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht über die Puffer, die sich aus zusätzlichen Ersparnissen, aus dem Wertzuwachs eines Eigenheims oder aus dem Lohnwachstum ergeben. Und so hat sich die Kluft zwischen denen, die Sicherheit anhäufen, und denen, für die diese Sicherheiten unerreichbar sind, wieder vergrößert.

Die Autorin ist Chefvolkswirtin der ABN Amro Bank

Quelle: F.A.Z.
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