Gigantische Staudenhibisken

Superhelden im Kübel

Von Jens Haentzschel
01.10.2020
, 10:59
Sie sind nicht nur knallige Angeber, sondern auch Gewinner des Klimawandels: Gigantische Staudenhibisken überstehen heiße und kalte Temperaturen und sind auch sonst pflegeleicht, wenn man ein paar Grundregeln beachtet.

Manchmal sind es nur Worte, die ganze Filme im Kopf entstehen lassen. Wer das Wort „Marvel“ hört und sich dazu etwas in der schrillen Comic-Popkultur auskennt, der denkt sich schnell durch das Universum der unsterblichen Superhelden wie Iron Man, Spider-Man, Black Widow, Ghost Rider oder Thor. Allesamt Marvel-Figuren mit Fähigkeiten, die auf den ersten Blick nicht auffallen, aber, wenn es drauf ankommt, einzigartig und nicht selten weltrettend sind.

Für Pascal Klenart gibt es auch Pflanzen, die als Superhelden auftrumpfen und Hitze wie Frost vertragen. Besonders die gigantischen Staudenhibisken zählt der 31 Jahre alte Erfurter Gärtner dazu. „Das sind Pflanzen, die einen optisch umhauen. Die versuchen erst gar nicht, mit dem Kleckern anzufangen, sondern klotzen gleich mit der ersten Blüte und schieben dann dutzend- bis hundertfach immer neue Blüten hinterher.“ Was nicht verwundert, denn die Namen der Staudenhibisken könnten gut ins Marvel-Universum gehören: ’Berry Awesome‘, ’Fireball‘, ’Midnight Marvel‘, ’Summer Storm‘ oder ’Kopper King‘ könnten jederzeit Superhelden sein. Giganten im Beet mit besonderer Anziehungskraft sind sie auf alle Fälle.

Die Vielfalt der Riesen- oder XXL-Hibisken hat sich in den vergangenen Jahren entwickelt. Pascal Klenart kam vor zehn Jahren das erste Mal mit den botanischen Angebern in Kontakt. Ein befreundeter Gärtner schenkte Klenarts Mutter einen Kübel mit der Sorte ’Midnight Marvel‘, ein Augenschmaus mit dunklem Laub und dunkelroter Blüte.

Hibisken sind Gewinner des Klimawandels

An die Winterhärte mochte der junge Gärtner bei diesen exotisch anmutenden Gewächsen irgendwie nicht so richtig glauben, trotzdem blieb der Kübel irgendwie im Herbst und Winter draußen stehen. Ein Versehen, doch entsprechend groß war die Überraschung, als sich im Juni erste Austriebe bemerkbar machten. Die Pflanze meldete sich ganz Superheldin ins Leben zurück und blühte dem Supersommer mit großem Hurra entgegen.

Mit Wasser und Dünger konnte zwar die Blütenpracht des Vorjahrs nicht ganz erreicht werden, aber bei Pascal Klenart war neben der leicht gekränkten gärtnerischen Ehre das Interesse geweckt. Parallel zur Liebe wuchs bei ihm die Sammelleidenschaft. Er fing an, sich mehr und mehr mit den Staudenhibisken im XXL-Format zu beschäftigen. „Vielleicht mochte ich die Pflanze auch, weil ich fast zwei Meter groß bin und die Blüten mich quasi in Kopfhöhe anlächeln. Das kommt bei meinen winterharten Stauden nicht ganz so oft vor“, sagt er mit einem Schmunzeln.

Heute hat er in seiner Gärtnerei fast 25 verschiedene Sorten, die zwischen Ende Juli und Anfang Oktober mit ihren Blüten von bis zu 40 Zentimeter Durchmesser locken. Für ihn sind die Pflanzen Gewinner des Klimawandels. „Wer sich auf diesen knalligen Wahnsinn im Topf einlässt, der wird an den Hibisken große Freude haben, denn sie sind recht pflegeleicht, vorausgesetzt, man beachtet drei Grundregeln“, erklärt Klenart. Der Standort sollte sonnig sein. In der Wachstumsphase benötigt der Hibiskus ausreichend Wasser und während des Wachstums dann etwas Dünger. Viel mehr Augenmerk braucht die Pflanze nicht.

Ursprung in Nordamerika

Je stärker die Blätter der Pflanzen geschlitzt sind, desto später blühen sie. Die ersten Blüten, die beim Hibiskus im Sommer kommen, sind die größten. Sie werden im Verlauf der Saison immer etwas kleiner, wobei mit Flüssigdünger noch etwas nachgeholfen werden kann. Heißt: Wenn andere Stauden im Mai und Juni mit Eleganz, Farbe oder Dauer punkten, sich aber im Beet auch gegenseitig die Schau stehlen, hält sich der Staudenhibiskus in aristokratischer Höflichkeit zurück, denn er kennt seine Kräfte und baut still und leise seine Wuchskraft auf. Die Pflanze weiß, dass ihr von Ende Juli bis in den Herbst hinein niemand im Beet zur Konkurrenz wird.

Während die exotischen Blüten eher auf tropische Gefilde verweisen, ist der Ursprung der Pflanze das genaue Gegenteil von Südsee-Charme und Tropicana-Feeling. Beheimatet sind die Wildsorten in vielen Gegenden Nordamerikas, von der Grenze Kanadas bis hinab nach Florida. Sie fühlen sich im sonnigen Sumpfland ebenso wohl wie in Überflutungsgebieten oder an den Rändern von Auenwäldern. Hier lernen die Hibisken, mit Feuchte, Sonne, aber auch Kälte und Frost umzugehen.

Das Gros des Sortiments in der Erfurter Gärtnerei kommt aus Nordamerika. Es gibt im Handel auch asiatische Sorten, die aber hierzulande oft an der Winterhärte scheitern. Viele Züchtungen stammen seit den späten vierziger Jahren von nordamerikanischen Wildformen ab. Besonders Hibiscus moscheutos ist die Basis vieler heute bekannter Züchtungen, aber auch Hibiscus coccineus, der bis zu drei Meter hoch werden kann, und Hibiscus laevis finden sich im Sortiment von Pascal Klenart.

Lieber Topf als Beet

Vom Topf auf der Fensterbank haben die Hibisken längst den Weg auf den Balkon oder die Terrasse geschafft, wobei für Klenart der Gigant ein perfekter Kandidat für den Topf bleibt. Seit vielen Jahren testet er, hat aber in unterschiedlichen Töpfen bessere Erfahrungen gesammelt als im Beet. Die Kübel kommen nach der Saison unter ein Vordach, Carport oder werden in seinem Fall eben im Gewächshaus überwintert. Frost ist kein Problem, solange die Töpfe trocken stehen.

In Sachen „Gestaltung“ bleiben die Riesen wahre Spalter. Sie haben den Ehrgeiz, als Solisten alle Blicke auf sich zu ziehen, und funktionieren nicht wirklich als Partner im Team. Wer exotische Urlaubsstimmung auf Balkon oder Terrasse wünscht, der greift beim Riesenhibiskus zu und empfindet beim gärtnerischen Erfolg große Freude, so dass sich die Sammlung schnell erweitert. Wer es eher wildromantisch, verträumt und mit kleinteiliger Struktur mag, für den kann Staudenhibiskus eine botanische Provokation sein. Auch wer auf heimische Gartengestaltung setzt, für den kommt der Hibiskus als Exot und Einwanderer eher nicht in Frage.

Doch es gibt Begleiter. Pascal Klenart hat in Schaubeeten längst Ideen für die Unterbepflanzung entwickelt. Purpurglöckchen passen für ihn nicht unbedingt wegen der ähnlich auffallend großen Blätter dazu, sondern wegen der Farbe. Gräser hingegen, gern zart und feinlaubig, sind gute Sidekicks. Seggen, Mädchenhaargras oder ganz flache, klein bleibende Gräser wirken perfekt als Kontrast. Möglich wären auch Minze-Sorten, weil sie ähnliche Ansprüche an Feuchtigkeit und Nährstoffe haben. Auch frühblühende Zwiebelpflanzen empfiehlt der Gärtner.

Zwölf Goldmedaillen bei der Bundesgartenschau

Die Sorte ’Midnight Marvel‘, mit der für Pascal Klenart die Hibiskusliebe anfing, ist heute noch ein Bestseller in seiner Gärtnerei. Doch auch andere Sorten sind begehrt. Das mag daran liegen, dass der Gärtner auf der vergangenen Bundesgartenschau in Heilbronn gleich zwölf begehrte Goldmedaillen für sein Hibiskussortiment und einen Ehrenpreis des Landesverbands Gartenbau Nordrhein-Westfalen für sehr gute Qualität, beeindruckende Formen und Farben mit nach Erfurt nehmen konnte.

So stehen die Riesen ordentlich sortiert in Reihe auf dem Gelände und überblicken alle anderen Pflanzen. ’Tansol‘ verzaubert durch sein rotes Auge, die rosa Blüten und das grüne Laub. ’Tangri‘ leuchtet kräftig violettrot und hat dunkles Laub. ’Old Yella‘ wird bis zu zwei Meter hoch und betört durch ein rotes Auge einer ansonsten reinweißen Blüte. ’Robert Fleming‘ hat rundes Laub, und die Farbe geht deutlich in ein elegantes, tiefdunkles Weinrot.

„Das Farbspektrum beschränkt sich derzeit noch auf pastellige Töne, etwas Weiß und dunkleres Rot“, sagt Klenart. „Gelb wäre ziemlich aufregend, aber ich nehme an, hier wird sich in den kommenden Jahren züchterisch ganz sicher etwas ergeben.“ Die Wuchshöhen liegen zwischen einem und zwei Meter Höhe, so dass man mit Hibiskus auch strukturieren kann. Frühblühende Sorten machen den Auftakt, dann folgen die spätblühenden. So wird – nicht ganz im Sinne Karl Foersters – aber immerhin durchgeblüht.

Überleben bei minus 30 Grad

Sogar als Sichtschutz funktionieren die Riesen. Für Schmetterlinge, Bienen und Hummeln sind sie wertvolle Nektar- und Pollenpflanze. Allein die Bezeichnung „Sumpfeibisch“ für die Staudenhibisken macht den Erfurter unglücklich, suggeriert Sumpf doch ständige Feuchte. Was nicht stimmt, denn nach dem kräftigen Rückschnitt zwischen November und März bis kurz über der Erde braucht es die Pflanze über den Winter vor allem trocken. „Sie kann nicht nur Sommerlook, sie kann auch Winterblues, denn Temperaturen von minus 30 Grad Celsius übersteht der Staudenhibiskus ohne Probleme. Im Mai beginnt der Hibiskus meist mit den ersten Austrieben“, sagt Klenart.

Sein ältestes Exemplar hat über 70 Triebe und sprengt fast seinen Kübel. Für das kommende Jahr, wenn die Blumenstadt Erfurt Austragungsort der Bundesgartenschau wird, will er mit einem ganz besonderen XXL-Hibiskus glänzen. Schließlich lockt die Buga 2021 bereits mit einem Hibiskus im Logo. Noch mag er nichts verraten, aber er arbeitet vor allem daran, dass die Pflanzen termingerecht zu den Leistungsschauen der Gärtner vorhanden sind und perfekt aussehen. Sein Grinsen im Gesicht ist beim Erzählen über seine Pläne so breit, als hätte ihm die Beschäftigung mit den Giganten im Topf selbst Superheldenkräfte gegeben.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot