Hanks Welt

Warum es die Schüler am härtesten getroffen hat

Von Rainer Hank
16.01.2022
, 17:02
WIR
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Es gibt Politiker, die behaupten: Inzwischen sei für die Schüler alles wieder gut. Dabei sind die Folgen der Schulschließungen noch gar nicht absehbar. Besonders für Nicht-Akademikerkinder werden sie vermutlich dramatisch sein.
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Corona bedroht alle Menschen gleichermaßen. Alpha, Delta, Omikron – kein Kontinent wird vom Virus verschont. Das ist richtig und doch falsch. Bei den Äl­teren bedroht Corona die Gesundheit in besonderem Maße. Bei den Jungen da­gegen sind die Zukunftschancen und das Leben generell bedroht.

1,5 Milliarden Schülerinnen und Studenten konnten in den vergangenen zwei Jahren nicht so lernen, studieren und le­ben, wie sie es normalerweise täten. Diese Zahl entnehme ich dieser Übersicht der UNESCO. Bis heute sind die Staaten der Welt über die Frage der Schulschließungen uneins. Während in den USA die Schulen 71 Wochen lang ganz oder teilweise geschlossen waren, in vielen Fällen sind sie es bis heute, haben Frankreich oder Spanien die Klassenzimmer lediglich 12 beziehungsweise 15 Wochen zu­gesperrt, die Schweiz sogar nur sechs Wo­­chen. Deutschland liegt mit 38 Wo­chen irgendwo in der Mitte. Uganda hat nach 83 Wochen Schulschließung in der vergangenen Woche wieder geöffnet: Schü­ler und Lehrer mussten sich in der Zwischenzeit anderswo verdingen, vermutlich unter schlechteren Voraussetzungen für den Infektionsschutz als im Klassenraum.

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Der gesellschaftliche Konsens hat sich gedreht. Vor zwei Jahren hat man die Schulen zuerst geschlossen. Jetzt heißt es: Die Schulen schließen wir zuletzt. Nur Bildungsgewerkschaften und Lehrerverbände liebäugeln immer noch mit partiellen Schulschließungen. Vermutlich verstehen sie sich als Anwälte der Lehrer und weniger der Schüler. Man sollte einmal untersuchen, ob es eine Korrelation zwischen der Dauer der Schulschließungen und der Gesundheit der Schüler oder eher der Stärke der Gewerkschaften im jeweiligen Land gibt. Jedenfalls berichtet mein Kollege Winand von Petersdorff, USA-Wirtschaftskorrespondent der F.A.Z., dass dort die Lehrergewerkschaft die letzte mächtige Arbeitnehmerorganisation sei.

Kinder haben weniger Zeit mit Lernen verbracht

Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch in den Schulen nach Kriterien der Verhältnismäßigkeit zu ent­scheiden ist. Komplette Schulschließungen aus Rücksicht auf den Gesundheitsschutz ließen die pädagogischen, psy­chischen, sozialen und ökonomischen Kosten des Homeschoolings außer Acht. Erst als wir begriffen haben, dass Schüler weniger stark unter dem Virus als unter Lernmangel, Mangel an Kontakten und Mangel an Abwechslung leiden, haben sich die Gewichtungen verschoben.

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Ist nun alles gut? Karin Prien, CDU-Bildungsministerin aus Schleswig-Holstein, hat so etwas kürzlich behauptet. Anfangs sei man „kalt erwischt“ worden, aber dann habe man digital, pädagogisch und hygienemäßig (Stichwort „Luft­filter“) aufgerüstet, um „situationsangemessen“ zu reagieren, hat Prien jüngst in einer Talkshow gesagt; sie ist Präsidentin der Kultusministerkonferenz.

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Hat sie recht? Ludger Wößmann, Bildungsökonom am Münchner Ifo-Institut, hat Zweifel. Wößmann hat die zweite Welle der Schulschließungen 2021 mit dem ersten Lockdown 2020 verglichen. Dabei hat er 2000 Eltern befragt, wie Kinder die mehrwöchigen Schulschließungen verbracht haben. Das Er­gebnis: Im Durchschnitt haben die Kinder im Frühjahr 2021 4,3 Stunden am Tag mit schulischer Tätigkeit verbracht. Das ist zwar eine knappe Dreiviertelstunde mehr als im Vorjahr, aber immer noch drei Stunden weniger als vor der Krise. Fast jedes vierte Kind hat sich nicht mehr als zwei Stunden am Tag mit Schule beschäftigt. Mehr Zeit als mit Lernen verbringen die Kinder mit Fernsehen, Computerspielen und am Smartphone (4,6 Stunden).

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Schulschließungen treffen vor allem die Schwachen

Nur ein Viertel der Schüler hatten täglich gemeinsamen Unterricht per Video. Fast 40 Prozent hatten dies nur maximal einmal in der Woche. Jedes Unternehmen hat sich in kürzester Zeit auf Zoom- oder Teams-Arbeit umgestellt. Aber in den Schulen ist es auch nach einem Jahr Pandemie nicht gelungen, flächendeckend Videounterricht nach Hause zu senden. So viel zum Digitalisierungsschub, so viel auch zur situationsadäquaten Corona-Strategie der Schulen, die Frau Prien lobt. Dass leistungsschwache Schüler und Nicht-Akademikerkinder inzwischen besondere Lerndefizite aufweisen, hat einmal mehr auch die Studie von Ifo-Forscher Wößmann gezeigt.

Kurzsichtig wäre es, bloß auf die direkten Lerndefizite durch wenig und unkonzentriert verfolgten Unterricht zu blicken und die sozialen Kosten der Schulschließungen zu übersehen. Fabrizio Zilibotti, ein an der amerikanischen Eliteuniver­sität Yale lehrender Ökonom, hat jetzt zu­sammen mit Kollegen eine Studie abgeschlossen über die von Schulschließungen verursachte Ungleichheit. Mehr Un­gleichheit gibt es demnach nicht nur für die heutigen Schüler im Vergleich mit früheren oder späteren Jahrgängen, die von Corona verschont blieben. Mehr Ungleichheit gibt es erst recht innerhalb der aktuellen Schülerschaft.

Zilibotti macht darauf aufmerksam, dass für den Lernerfolg nicht nur Lehrer, Eltern und der zu vermittelnde Stoff wichtig sind, sondern auch die Mitschüler. Der Ökonom spricht vom „peer ef­fect“, also den positiven Wirkungen durch den Umgang mit Gleichaltrigen. Die kommen in der Schule häufig aus sehr unterschiedlichen sozialen Schichten. Ich erinnere mich gut, dass das Gymnasium für mich als Zehnjährigen der erste Ort war, wo ich mit Fabrikanten-, Professoren- oder Anwaltskindern der Stuttgarter „Halbhöhe“ zusammenkam. Die waren nicht unbedingt schlauer als ich (was ich mit Stolz registrierte), brachten mich aber mit einer bürgerlichen Welt und ihren Werten zusammen ­ – wenn es nicht schon die Mitschüler selbst taten, dann doch spätestens ihre Eltern, sobald ich sie bei ihnen zu Hause kennenlernte.

Die Schulschließungen führten nun dazu, dass die Kinder nicht mehr diesen „diversen“ Umgang hatten, sondern entweder ganz isoliert zu Hause herum­saßen oder aber mit Kindern der Nachbarschaft zusammen waren, die aus dem gleichen sozialen Milieu stammen. Man nennt das „soziale Entmischung“ – in der Nachbarschaft stößt man immer nur auf seinesgleichen. Die fehlenden Anregungen durch die Klassenkameraden, keine positiven „peer spillovers“, halten die Yale-Ökonomen für die größte von Co­rona ausgelöste Bildungskatastrophe. Ich finde das aus eigener Erfahrung völlig nachvollziehbar. Für Kinder aus unteren sozialen Klassen ist das viel schlimmer als für den Nachwuchs aus „besseren“ Schichten. Horace Mann, ein amerikanischer Bildungsreformer im 19. Jahrhundert, nannte die Schule die größte soziale „Chancen-Ausgleichsmaschine“. Diese Ma­schine stottert erheblich. Die Folgen sind nicht absehbar.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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