Standpunkt

Nachhaltigkeitsstandards hätten Tesla ausgebremst

Von James Anderson
04.12.2021
, 18:15
Teslas Elektroautos gelten als Fortschritt in Sachen Nachhaltigkeit. Doch werden solche Innovationen in Zukunft durch zu strenge ESG-Regeln verhindert?
Nachhaltigkeitskriterien sollen die Wirtschaft besser machen. Doch erfolgreiche Beispiele wie Tesla hätte es mit solch strengen Regeln womöglich gar nicht gegeben.
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Es scheint, dass die Investmentbranche endlich erkannt hat, dass eine seriöse Allokation von Kapital über kurzfristige finanzielle Gewinne hinausgeht. Der verstärkte Fokus auf die Lenkung von Investitionen in nachhaltige Unternehmen mit wirksamen Umwelt-, Sozial- und Governance-Prinzipien soll dazu beitragen, den Klimawandel zu stoppen und – kleiner geht’s nicht – die Welt zu verbessern. Dafür stehen die inzwischen bekannten Kürzel wie ESG und SDG (Sustainable Development Goals der UN). So weit, so gut. Der riesige Tanker ändert seinen Kurs.

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Doch in der konkreten Umsetzung, wie die Finanzindustrie und ihre Regulierer nun versuchen, diesen Auftrag zu erfüllen, zeichnen sich tragische Fehlentwicklungen ab. Echte langfristige Auswirkungen zum Wohle von Volkswirtschaften, Gesellschaften und der Erde können nicht in den Diktaten und banalen Kennzahlen der ESG-Dogmatiker verankert werden. Dennoch haben sie einen – ungerechtfertigten – Einfluss erlangt.

Tesla verstößt gegen ESG-Auflagen

Ich will versuchen, das an einem Beispiel zu erläutern. Baillie Gifford ist seit Langem ein großer Aktionär von Tesla. Es ist sicher unstrittig, dass Elon Musk die Automobilindustrie in eine zunehmend nachhaltige Richtung gelenkt hat. Nicht nur, weil er selbst den Verbrennungsmotor im Auto ersetzt, sondern weil er Veränderungen in einer zunächst unwilligen Branche erzwungen hat. Ohne Tesla wäre diese Transformation zur CO2-freien Mobilität später und langsamer verlaufen. Das wäre für uns alle fatal gewesen – und doch würde mir ein Blick auf einschlägige Ratings vermutlich ein anderes Ergebnis liefern, weil Tesla gegen viele der zur Beurteilung der ESG-Glaubwürdigkeit eines Unternehmens benutzten Standardkennzahlen verstößt. Betrachtet man etwa die Zusammensetzung des Vorstands, das Vergütungssystem für die Führungskräfte, die Auseinandersetzungen mit der Aufsichtsbehörde SEC und die Twitter-Eskapaden seines Vorstandschefs, so ist Tesla kein Unternehmen, das die Herzen von Stimmrechtsberatern und ESG-Dogmatikern höher schlagen lässt.

Ich halte solche Bedenken hier für gefährlichen Unsinn. Wenn wir etwas messen müssen, dann ist die relevante Zahl für die Beurteilung von Tesla nicht etwa sein eigener CO2-Ausstoß, nicht einmal die durch seine Elektromotoren vermiedenen Emissionen oder die dank reduzierter Umweltverschmutzung vermiedenen Todesfälle. Es ist vielmehr der Gesamtnutzen aller Elektrofahrzeuge, die in der gesamten Automobilindustrie – von GM bis VW – hergestellt wurden. Weil Tesla den Wandel erzwungen und damit die Welt zum Besseren verändert hat. Das ist sein wirklicher Beitrag.

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Bereitschaft zu Unvernunft

Und ich glaube nicht, dass Tesla dies gelungen wäre, wenn es ein „normales“ Unternehmen gewesen wäre, das sich an die eingeübten Governance-Kodizes gehalten hätte. Hätte etwa ein „normales“ Vorstandsgremium alles riskiert für eine Revolution der Mobilität? Immerhin war deren Scheitern ja am Anfang weit mehr als eine bloße Hypothese. Hätte ein „normaler“ Chef die vielen Momente der Kontroverse überlebt? Hätten „normale“ Investoren dem Druck der Shortseller widerstanden?

Ich bezweifle all das. Nun mag Tesla ein extremes Beispiel sein. Aber sind nicht alle Unternehmen, die über das Mittelmaß hinausgehen, von Grund auf unvernünftig? Fortschritt ist auf radikales Denken und Ungeduld mit Konventionen und Zwängen angewiesen. Um Noubar Afeyan, den Chairman von Moderna, zu zitieren: „Wir müssen bereit sein, uns auf unvernünftige Vorschläge und unvernünftige Menschen einzulassen, um außergewöhnliche Erkenntnisse zu gewinnen, denn die Vorstellung, dass völlig vernünftige Menschen, die völlig vernünftige Dinge tun, große Durchbrüche erzielen, ist für mich nicht nachvollziehbar.“

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Die Ideen zu unterstützen, die auf den ersten Blick unvernünftig scheinen mögen, aber das Potential haben, eine positive Wirkung auf die Gesellschaft zu haben – das ist unsere Aufgabe als Kapitalgeber. Aber die Zahl der Unternehmen, die wirklich die Fähigkeit besitzen, die Welt zum Besseren zu verändern, ist verschwindend gering. Und nur wenige von ihnen werden auch für den Wertzuwachs beim Anleger sorgen. Sobald sie entdeckt sind, müssen wir diese Unternehmen weiterhin fördern und fordern. Es erfüllt uns mit Stolz, dass wir Teslas Vision unterstützt und Illumina aus den Fängen von Roche und seinen feindlichen Absichten befreit haben.

Schaden der ESG-Ziele

Um es zuzuspitzen: Es zeigt sich, dass standardisierte ESG-Rahmenwerke nicht nur Gesten, nicht nur wenig durchdachte Konstrukte und Ablenkungen sind, sondern dass sie in ihrer Gesamtheit der Veränderung von Unternehmen – und schließlich der Welt – hin zum Besseren zutiefst schaden. Wenn wir glauben, eine Standardvorlage für alle Unternehmen in allen Branchen und in allen Ländern durchsetzen zu müssen, dann werden wir am Ende eine trockene, phantasielose, ängstliche und regelbuchgesteuerte Welt bekommen.

Tolstoi behauptete in seiner „Anna Karenina“: „Alle glücklichen Familien ähneln einander, aber jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ Im Geschäftsleben ist das Gegenteil der Fall. Unglückliche Unternehmen ähneln einander, aber jedes erfolgreiche Unternehmen ist auf seine eigene Weise erfolgreich. Unternehmerischer Erfolg hängt davon ab, dass man Dinge tut, die andere nicht tun können.

Regulierer und Ratingagenturen hingegen versuchen, die Vielfalt, die ein Unternehmen braucht, um außergewöhnlich sein, in gewöhnlichen Multiple-Choice-Kästchen abzufragen. Was wir jedoch brauchen, ist der Mut, unsere eigenen, weniger ausgetretenen Pfade zu Investitionen und gesellschaftlichem Fortschritt zu finden, und nicht das sture Festhalten an fragwürdigen und oberflächlichen Maßstäben, die von anderen festgelegt werden.

Der Autor ist Partner beim schottischen Investmenthaus Baillie Gifford.

Quelle: F.A.Z.
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