Schlange stehen

Warten im Kapitalismus

Von Ralph Bollmann
19.01.2020
, 11:19
Niemand steht gerne in der Warteschlange, oder?
Seit dem Untergang der DDR mussten wir nirgends mehr anstehen. Jetzt geht es wieder los – im Restaurant, auf dem Flughafen, überall. Wie konnte es so weit kommen?
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Viele Wochen im Voraus hatten wir reserviert für das Restaurant in Harlem, in einer Gegend, in die wir uns bei unserem ersten New-York-Besuch vielleicht noch gar nicht hineingetraut hätten. Und natürlich dachten wir, die Vorbestellung sichere uns einen Tisch, ganz so wie es auch in Berlin früher einmal gewesen war. Aber der Anruf garantierte nur einen Platz in der Warteschlange. Für die folgenden zwei Stunden hatten wir uns mit dem Vorraum zu begnügen. Den Durchgang zum Speisezimmer bewachte eine Dame, die eigens fürs Besänftigen der Wartenden eingestellt worden war. Während des Ausharrens gab es Live-Musik, nicht einmal die schlechteste, aber den Hunger stillte das nicht.

Klar, als Geheimtipp geht das „Red Rooster“ längst nicht mehr durch, und Marcus Samuelsson, der schwedisch-amerikanische Küchenchef äthiopischer Abstammung, ist alles andere als ein Unbekannter. Müsste man sich nur hier ganz hinten anstellen, wäre die Welt noch in Ordnung. Aber jeder, der zuletzt einmal in New York gewesen ist, weiß: In der Stadt verbringt man seine halbe Lebenszeit in Warteschlangen. Es beginnt bei der Einreise am Flughafen, es setzt sich beim Museumsbesuch fort, selbst für das schnöde Gebräu der Kaffeehaus-Kette Starbucks muss man sich einreihen.

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Comeback der Warteschlange

Und nicht nur das: Rings ums Warten ist eine ganze Industrie entstanden. Der Beruf des Warteschlangen-Managers oder der -Managerin (oft sind es Frauen) ist ein wachsendes Metier, nicht nur in Restaurants gibt es sie. Überall ordnen, beruhigen, deeskalieren sie, ob es nun am Airport ist oder im Museum of Modern Art. Längst bieten sich auch Dienstleister an, die den Platz beim Anstehen freihalten, also ihre vergleichsweise kostengünstige Zeit an Besserverdienende verkaufen. In Disneyland, so ist zu hören, werden bereits die Wartenden mit einem Unterhaltungsprogramm bespaßt.

Längst ist das Phänomen auch nach Deutschland geschwappt. Wochenendtermine in mittelprächtigen Berliner Restaurants müssen bisweilen drei Monate im Voraus reserviert werden, vor Dönerbuden aus dem „Lonely Planet“-Reiseführer reicht die Warteschlange bisweilen um den halben Häuserblock, der Frankfurter Flughafen beschäftigt jetzt ebenfalls Personal zum Besänftigen der Wartenden, weil es an Bewerbern für die Sicherheitskontrolle selbst oft fehlt. Ganz zu schweigen von altbekannten Ärgernissen wie der Hotline bei der Autovermietung, dem Anstehen auf dem Postamt oder im Reisecenter der Bahn, das anders als ähnlich überlastete Facharztpraxen keine Termine im Voraus vergibt. Nur bei den lange kritisierten Bürgerämtern der Hauptstadt läuft es inzwischen wie geschmiert.

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Wie aber kommt es, dass ausgerechnet im hochentwickelten Kapitalismus die Warteschlange zurückkehrt, als eine Untote gewissermaßen, die doch vor drei Jahrzehnten mit dem real existierenden Sozialismus untergegangen schien? Dass diese Wiederauferstehung ausgerechnet in den Vereinigten Staaten ihren Ausgang nahm, dem Land, in dem einer verbreiteten Annahme zufolge doch mehr als andernorts das Geld den Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage herstellen sollte? Und das in einer Zeit, die durch allumfassende Beschleunigung geprägt ist, wie der Jenaer Soziologe Hartmut Rosa schon vor 15 Jahren konstatierte?

Angeheizte Nachfrage durch Verknappung des Angebots

Die Antwort ist komplex, das liegt zunächst einmal daran, dass auch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage vielschichtig ist. Mit Preiserhöhungen haben es fast alle schon versucht, ergebnislos. In den achtziger Jahren kam man ins Wiener Kunsthistorische Museum, eine der großen Gemäldegalerien dieser Welt, noch für umgerechnet drei D-Mark, heute kostet der Eintritt inklusive Sonderausstellung 21 Euro, also das 14-Fache. Leerer geworden ist es dadurch nicht.

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Ähnlich erging es einer Berliner Eisdiele: Anwohner hatten sich beschwert, dass die Wartenden spätabends noch so viel Lärm machten. Also verteuerten die Betreiber die Kugeln, in der Hoffnung, dass der Andrang – bei gleichem Kassenumsatz – dann nachlassen würde. Das Gegenteil trat ein, die Schlange vor dem Laden wurde länger als zuvor. Angesichts des hohen Preises waren die Leute nun erst recht davon überzeugt, dass dieses Eis besonders gut sein musste. Ähnlich verhält es sich vermutlich mit dem erwähnten amerikanischen Kaffeebrauer: Der teure Tarif tröstet über die bescheidene Qualität des Getränks hinweg.

Das Prinzip funktioniert freilich nicht unendlich. Zwei Euro pro Sorte Eis oder viereinhalb Euro für den großen Milchkaffee mögen noch als Qualitätsbeweis durchgehen, beim doppelten Preis wäre das nicht mehr der Fall. Der Umschlagpunkt ist jedoch im Voraus schwer zu bestimmen, er hängt auch von Image und Kundschaft des Lokals ab. Die vermutlich berühmteste Pizzeria der Welt, Da Michele in Neapel mit Wartezeiten von teils mehreren Stunden, berechnet für die Margherita oder Marinara nach wie vor nur vier Euro, andere Sorten gibt es nicht. Auch hochpreisigere Restaurants tun sich mit Preiserhöhungen über eine bestimmte Schwelle schwer: Zu groß ist die Gefahr, dass Tische im Warmen unbesetzt bleiben, wo gestern noch die Wartenden draußen in der Kälte froren.

Wichtiger noch: Richtig begehrenswert ist ein Tisch im Restaurant, ein bestimmtes Produkt, ein Event nur dann, wenn es sich nicht leicht erlangen lässt. Die Warteschlange selbst ist also die Attraktion; schließlich reihte man sich schon in der DDR dort ein, wenn man noch gar nicht wusste, was es überhaupt zu kaufen gab und ob man das brauchte. Eine Verknappung des Angebots, bisweilen auch künstlich herbeigeführt, heizt die Nachfrage an. So verriet der Berliner Opernintendant Barrie Kosky einmal im F.A.S.-Interview, dass er populäre Aufführungen zwar oft, aber nicht zu oft ansetzt: Seine „Zauberflöte“ wurde auch deshalb zur Legende, weil man sich um Karten frühzeitig bemühen muss.

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Die Fiktion einer „Gleichheit der Wartenden“

Er folgt damit dem Vorbild der absurdesten Dönerbude Berlins, „Mustafa’s Gemüse Kebap“ in Kreuzberg. Das dortige Produkt unterscheidet sich kaum von der Konkurrenz, nur kommt das Grünzeug eben warm statt kalt ins Brötchen. Der Reiz besteht nicht in den angeschmorten Tomaten, sondern darin, dass man stundenlang anstehen muss. Um die zugehörige Warteschlange haben sich inzwischen zusätzliche Angebote entwickelt. Eigens eröffnete Spätkauf-Läden versorgen die Wartenden mit dem ortstypischen „Wegbier“, von dem jeder Dönerkäufer gut und gerne zwei Flaschen auf leeren Magen trinkt.

Wie schnell sich so etwas umkehren kann, erfahren gerade die einst mythenumrankten Richard-Wagner-Festspiele in Bayreuth. Früher musste ein Normalbürger jedes Jahr ein Antragsformular ausfüllen, um nach einem halben Leben die ersehnte Kartenzuteilung zu erhalten – ganz ähnlich wie beim Trabi, der in der DDR auch deshalb als begehrenswert galt, weil man mehr als zehn Jahre auf ihn warten musste. In Bayreuth jedoch wurde das Verfahren nach harscher Kritik des Bundesrechnungshofs demokratisiert, jetzt gibt es oft schon nach drei Jahren eine Zuteilung und außerdem einen Verkauf im Internet. Das Ergebnis: Auch die Nachfrage ging zurück, voriges Jahr war ein Teil der Online-Tickets selbst nach mehreren Tagen nicht verkauft. Eine Wagner-Aufführung, in die man enttäuschenderweise ohne größere Mühen hineingehen kann, ist eben auch im heimischen Stadttheater zu haben.

Allerdings haben in Bayreuth ein wenig auch höhere Kartenpreise zum Rückgang der Nachfrage beigetragen, sie sind mit bis zu 400 Euro inzwischen kaum noch günstiger als bei der Konkurrenz in Salzburg. Bei den dortigen Festspielen zielte man seit jeher auf ein anderes Publikum, das eher geneigt war, Exklusivität über den Preis herzustellen – was in der Tat dazu führte, dass es zumindest die ganz teuren Karten auch ganz kurzfristig ohne Schlangen noch gab. In Franken hingegen pflegte man zumindest verbal einen Gleichheitsmythos, der noch auf den Komponisten selbst zurückging und sich mit allzu überhöhten Preisen schlecht vertrug.

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Darin liegt ein weiterer Grund für die Renaissance der Warteschlange: Anders als das Steuern der Nachfrage über den Preis erweckt sie zumindest die Fiktion einer „Gleichheit der Wartenden“, wie es der Journalist Timo Reuter in seinem Buch über das Warten als angeblich verlernte Kunst formulierte: „Wer länger in der Schlange steht, soll zuerst bedient werden, egal, welchen Beruf, welches Geschlecht, welche Herkunft man hat.“ Wenn es um Leben und Tod geht, etwa um die Zuteilung von Organspenden, wurde dieses Prinzip nie ernsthaft in Frage gestellt; hierzulande gilt es als obszön, wenn sich Wohlhabende kurzerhand eine neue Niere kaufen könnten, womöglich von einem lebenden Spender, der seinen Körper zu Markte trägt.

„Der Arbeitsmarkt in der Rhein-Main-Region ist sehr angespannt“

Auch in weniger sensiblen Bereichen gilt der reine Marktmechanismus als obszön, etwa im Kulturbetrieb: Wenn der Staat ein Museum oder ein Theater mit Steuergeld subventioniert, so geht die Logik, dann muss sich jeder ein Ticket leisten können – zumindest theoretisch. Immerhin haben viele Bühnen bereits gestaffelte Tarife eingeführt, die zum Beispiel am begehrten Samstagabend höher sind als am Montag, wenn die Leute ermattet von der Arbeit kommen. Den Run aufs Wochenende hat das nicht stoppen können, er hat sich sogar noch verstärkt.

Sogar Wirtschaftsunternehmen tun sich schwer, gestaffelte Preissysteme einzuführen. Als die Deutsche Bahn einst die Sparpreise ersann, wollte sie flexible Tickets zu den Stoßzeiten im Gegenzug richtig teuer machen. Es gab einen Sturm der Entrüstung, die Bahn gab nach. Bis heute kann man selbst für den Freitag- oder Sonntagabend mit Bahncard-Nachlass buchen. Jetzt hat sie einen zweiten Anlauf gestartet, wenigstens einen Preisunterschied von ein paar Euro einzuführen. An den überfüllten Zügen zum Wochenende hat das nichts geändert.

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Das liegt auch daran, dass sich eine Ausweitung des Angebots für derart beschränkte Zeiträume kommerziell nicht lohnt. Die Bahn wird kaum zusätzliche Züge kaufen, die an fünf Tagen pro Woche nur herumstehen. Der Betreiber eines Biergartens kann es sich nicht leisten, für ein paar wenige Sommerwochenenden zusätzliches Personal zu engagieren – wenn er es denn findet.

Denn auch der Mangel an Arbeitskräften ist ein Faktor bei der Renaissance der Warteschlange. „Der Arbeitsmarkt in der Rhein-Main-Region ist sehr angespannt“, lässt etwa der Flughafenbetreiber Fraport wissen, wenn es ums Anstehen an den spärlich besetzten Sicherheitskontrollen geht. Statt dessen kommen nun Warteschlangen-Manager zum Einsatz, die wegen geringerer Anforderungen offenbar leichter zu rekrutieren sind. „Sie koordinieren den Passagierstrom und verteilen die Fluggäste auf die verschiedenen Kontrollspuren“, heißt es.

Womöglich stört sich das Publikum heute auch mehr an Warteschlangen als früher, weil es in vielen Lebensbereichen daran gewöhnt ist, alles sofort zu bekommen. Dauerte es früher oft ein paar Wochen, bis der Fachhändler ein spezielles Produkt vom Hersteller geliefert bekam, versendet Amazon heute noch am selben Tag – wann das Paket dann ankommt und wo man es abholen kann, bleibt freilich eine andere Frage. Vielerorts lässt sich auch nur die Bestellung ganz fix online erledigen, bei etwaigen Reklamationen hängt die Kundschaft eine halbe Stunde lang bei der Hotline in der Warteschleife. Eines immerhin hat das Smartphone geschafft: Es verkürzt alle Wartezeiten, selbst beim Schlangestehen lassen sich Mails beantworten, Posts absetzen, Bestellungen aufgeben. So entsteht wenigstens das Gefühl, die Zeit produktiv zu nutzen, auch wenn es am Ende gar nicht stimmt.

Und schließlich ist es am Ende wohl auch die Beschleunigung selbst, die Warteschlangen als Zonen der Entschleunigung erzeugt. Ohne die schnellen Wochenendtrips, zu denen heute Millionen Menschen aufbrechen, wären die Restaurants in New York oder Berlin vermutlich weniger überfüllt, von den Flughäfen zu schweigen. Die Schlangen auf dem Postamt wären bei der Paketabholung nicht so lang, gäbe es nicht die zeitsparende Bestellung im Internet. Und ohne elektronische Kommunikation könnte das Leben von Soziologen, die über Beschleunigung forschen, viel beschaulicher sein. Wer mit Hartmut Rosa über solche Zusammenhänge reden will, der findet sich in der Warteschleife einer automatisierten Antwortmail wieder. „Wegen der Überlast“, schreibt der Forscher, könne er „bis Ende September 2020 keine neuen Aufgaben übernehmen“.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Bollmann, Ralph
Ralph Bollmann
Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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