<iframe title="GTM" src="https://www.googletagmanager.com/ns.html?id=GTM-WBPR4W&gtm_auth=3wMU78FaVR9TNKtaXLbV8Q&gtm_preview=env-23&gtm_cookies_win=x" height="0" width="0" style="display:none;visibility:hidden"></iframe>
F.A.Z., DPA
Schneller Schlau

Was kostet ein reines Öko-Gewissen?

Von GUSTAV THEILE, Grafiken: BERND HELFERT · 31.08.2019

Greta Thunberg reist aus Klima-Gründen mit dem Schiff nach Amerika. Wie häufig darf ich aber eigentlich verreisen, wenn ich innerhalb meines CO2-Budgets bleiben will? Und was kostet ein Klima-Zertifikat?

In diesen Tagen wird viel über das Klima geredet, über Waldbrände und böse SUVs. Die Flugscham greift um sich und Greta fährt mit dem Segelboot über den Atlantik, um – zumindest symbolisch – das Klima zu schützen. Aber wie geht das eigentlich, klimafreundlich reisen? Wie schädlich sind die verschiedenen Verkehrsmittel? Und wie viel würde ein reines Klimagewissen – also ein CO2-Zertifikat – kosten?

So viel ist klar: Zu fliegen ist fast immer die umweltschädlichste Art, sich fortzubewegen. Wer in Frankfurt lebt und Lust auf einen Wochenendtrip nach Paris hat, hat die freie Auswahl zwischen den Verkehrsmitteln: Der Flug ist schnell, die Bahn bequem, der Bus günstig und mit dem Auto ist man unabhängig. Schaut man aber nur auf die CO2-Bilanz, schlägt der Bus alle anderen Verkehrsmittel, die Bahn folgt knapp dahinter an zweiter Stelle. Das Auto ist dagegen – bei einer Auslastung von rechnerischen 1,5 Personen im Auto – fast so schädlich für die Umwelt wie das Flugzeug. So hat es das Umweltbundesamt berechnet.

Ob die Wochenendreisenden für Hin- und Rückreise aber tatsächlich 18 Stunden ihres Wochenendes im Bus verbringen möchten, etwa 12 Stunden im Auto, 8 Stunden in der Bahn oder 2,5 Stunden im Flugzeug, hängt für die meisten wohl vor allem vom Geldbeutel ab. Generell lässt sich aber festhalten: Wer klimafreundlich reisen will, sollte mit der Bahn oder dem Bus fahren – oder viele Leute im Auto mitnehmen.

Wer fliegt, hat dagegen sehr schnell das CO2-Budget erreicht, das rechnerisch jedem Menschen zusteht – wenn die Welt das Pariser Klimaziel erreichen will. Wie viel das genau ist, hängt von vielen Faktoren ab – dem Bevölkerungswachstum zum Beispiel. Fast alle Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass der CO2-Fußabdruck je Person und Jahr deutlich unter 3 Tonnen liegen sollte. Ein Beirat der Bundesregierung hat vor einigen Jahren eine Spanne von 1,8 bis 2,7 Tonnen CO2 im Jahr ausgerechnet.

Wer also weder isst noch trinkt noch wohnt oder sich im Rest des Jahres fortbewegt, könnte einmal im Jahr nach Fuerteventura fliegen. Er kann sich im Rahmen seines CO2-Budgets auch drei bis vier Reisen – inklusive Rückflug – nach Mallorca leisten. Wer allerdings noch andere Sachen vorhat, sollte sich an Peter Wackel orientieren. Der singt bekanntlich: „Malle ist nur einmal im Jahr!“ Das wäre ein gutes Motto für klimabewusste Freunde des Ballermanns.

Einmal im Jahr nach Übersee zu fliegen, ist im Rahmen des Klimabudgets dagegen nicht möglich. Nur 60 bis 90 Prozent der Reise nach New York wären drin. Man dürfte also nur alle zwei Jahre reisen – oder müsste über andere Reiseformen nachdenken. Segelboote erfreuen sich, wie geschrieben, plötzlicher Popularität. Infrage käme für klimabewusste Reisende zudem maximal die Hälfte eines Fluges nach Los Angeles und zwischen einem Sechstel und einem Viertel eines Fluges nach Sidney. Nach vier Jahren ohne CO2-Verbrauch könnte der Öko-Backpacker also endlich losfliegen.

Das alles ist weder realistisch noch erstrebenswert. Viele Geschäftsleute kommen um das Fliegen nicht herum und viele Reisende wollen ihre Neugier nicht auf die Lüneburger Heide oder den Thüringer Wald begrenzen, so schön es da auch ist.

Um deshalb nicht auf ewig im Gewand des Klimasünders Buße tun müssen, kann der Vielflieger sich auch mit Klimazertifikaten freikaufen. Die haben allerdings eine große Preisspanne – das liegt an den Berechnungen der verschiedenen Anbieter.

Manche meinen, schon für etwa 150 Euro die Klimaschäden eines Hin- und Rückfluges nach Sidney ausgleichen zu können, andere brauchen dafür mehr als 250 Euro. Auch für Mallorca gehen die Werte auseinander. Auf der kürzlich gestarteten Webseite compensaid.de kann die Kompensierung eines Mallorca-Hinfluges mehr als 60 Euro kosten, auf Atmosfair und Prima Klima kostet das gute Klimagewissen für Hin- und Rückflug 10 beziehungsweise 11 Euro. Aber da Malle ja nur einmal im Jahr ist, dürfte das schon drin sein, zumal die Kosten mit zwei, drei Bier weniger wieder reingeholt sind.

Die Deutschen fliegen inzwischen allerdings deutlich öfter. Im vergangenen Jahr wurden im deutschen Flugverkehr mehr als 220 Millionen Menschen befördert – so viele wie noch nie und etwa zwei Drittel mehr als im Jahr 2004.

Nur einmal in den vergangenen 15 Jahren ist die Zahl der beförderten Personen zurückgegangen. Das war im Jahr 2009, als die deutsche Wirtschaft unter den Folgen der Finanzmarktkrise litt.

Auffällig ist ferner, dass besonders viele Grünen-Wähler mindestens einmal im Jahr fliegen. Über die Gründe hierfür kann nur spekuliert werden. Auffällig ist auch, dass AfD-Sympathisanten besonders wenig fliegen, obwohl sie in ihren Reihen viele Leugner des menschengemachten Klimawandels haben.

Tatsächlich aber haben einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zufolge die Klimaschützer der Grünen einen besonders hohen und die Klimawandelleugner der AfD einen besonders niedrigen CO2-Fußabdruck, wobei andere Aspekte wie der Fleischkonsum und die Wohnsituation nicht einberechnet sind.


Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt.
Alle Beiträge
Quelle: F.A.Z.