Neue Corona-Beschränkungen

Was wird aus dem Sommerurlaub?

Von Timo Kotowski
22.01.2021
, 16:10
Die EU-Staaten haben neue Reisebeschränkungen beschlossen, „unnötige Reisen“ sind unerwünscht. Die Mehrheit der Deutschen hat Auslandsreisen zu Ostern ohnehin schon abgeschrieben. Für den Sommer fordern Reiseanbieter und Hotels nun Vorgaben für eine Öffnung.

Vor der großen Reisefreiheit steht erstmal die weitere Begrenzung. Die Staats- und Regierungschefs in der EU haben am späten Donnerstagabend vereinbart, dass nicht-notwendige Reisen eingeschränkt werden sollen. Die Mehrheit der Deutschen hat ohnehin schon abgeschrieben, dass sie rund um Ostern ins Ausland düsen dürfen. 79 Prozent der Befragten gaben in einer Untersuchung der Meinungsforscher von Yougov an, dass sie sich schon auf fortdauernde Beschränkungen Anfang April einrichten. Nur 12 Prozent sind der sicheren Ansicht, dass sie dann schon einstige Unbeschwertheit für Ferien zurückbekommen haben.

Auch rund um den Sommerurlaub ranken sich Sorgen. Zwar ist in Deutschland zuletzt die Zahl der Neuinfektionen gesunken, für Beunruhigung sorgt aber, dass sich anderswo mutierte Virusvarianten stark verbreiten. Ebenso unsicher ist, ob Reiseziele eine Impfung zur Auflage machen, die bis zum Urlaubszeitpunkt eventuell noch nicht zu bekommen ist. Kurzfristige Folge: Die von der Urlaubsbranche und Marktforschern beschworene große Reiselust der Deutschen schlägt sich kaum in steigenden Buchungszahlen nieder. In Reisebüros und auf Online-Portalen ist unverändert Tristesse angesagt.

Die für Anfang März geplante Reisemesse ITB in Berlin fällt als eine der ersten großen Branchenschauen zum zweiten Mal flach – sie wird durch einen Online-Kongress ersetzt. Zusammen mit dem Datendienstleister Statista legte die Messe nun eine Branchenprognose vor, die Hoffnung machen soll.

Rekorde für 2025?

2023 werden demnach die globalen Umsätze im Tourismus das Vorkrisenniveau von 654 Milliarden Euro übertreffen, 2025 schon stattliche 23 Prozent darüber liegen. Für 2021 wird allerdings nur etwas mehr als die Hälfte des Vorkrisengeschäfts erwartet. Der Deutsche Reiseverband rechnet damit, dass nach dem aktuellen Stillstand in diesem Jahr noch 60 Prozent des Geschäfts aus dem Vorkrisenjahr mit Kunden aus der Bundesrepublik möglich sind. 2020 waren 20 Prozent geblieben.

Wirtschaftlich wären Buchungen – auch für Urlaube, die erst in einem halben Jahr angetreten werden – für Touristiker eine große Hilfe. Denn wer bucht, leistet auch eine Anzahlung, es käme Geld in die Kasse. Aktuell hütet die Branche einen Grundstock an Buchungen, die aber auch dadurch entstanden sind, dass 2020 Daheimgebliebene ihre Guthaben und Gutscheine für dieses Jahr verwenden möchten. Neue Einnahmen brachte das den Unternehmen nicht, das Geld hatten sie schon im vergangenen Frühjahr erhalten. Dass der Bund bei Überbrückungshilfen abermals nachbessert und die Insolvenzantragspflicht weiter aussetzt, begrüßen Tourismusverbände. Für Kunden ist das aber auch ein Signal, wie angespannt die wirtschaftliche Lage zahlreicher Unternehmen ist. Sie wollen früh zu zahlendes Geld nicht schlimmstenfalls verloren geben.

Inlandsziele wollen profitieren

Nun sollen in der EU Test- und Quarantänepflichten ausgedehnt werden, wie die Staaten nun verabredet haben. Grenzen schließen will man nicht, sondern Auflagen für die Querung schaffen. Waren und Berufspendler sollen nicht gestoppt werden – wohl aber Urlauber. Das weckt Hoffnungen im Inland. Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) forderte schon am Freitag, Hotels und Skilifte nach dem Ablauf der aktuellen Lockdown-Frist im Februar wieder zu öffnen.

Die Wirtschaftsminister der Länder sollten nicht mehr „wie Kaninchen vor der Schlange warten, was von Frau Merkel und der Ministerpräsidentenkonferenz aus Berlin kommt.“ Ministerpräsidenten und Kanzlerin sollten „akzeptieren, dass man sich in einem Hotel nicht infiziert“. Mit FFP2-Maske sei auch das Nutzen von Skiliften möglich.

Neustart nicht über Nacht

Anbieter von Auslandsreisen könnten indes gar nicht über Nacht beginnen, Urlauber wieder in andere Länder zu bringen. Auch wenn geparkte Flugzeuge und leere Hotels scheinbar bereit stehen, wäre einiges an Aufwand nötig, um den Betrieb anzufahren. Im Reisekonzern TUI kursiert der Wert, dass man zwei bis vier Wochen benötige, um Reiseleiter in ein zu öffnendes Zielgebiet zu bringen, Personal zu testen, Flugzeuge startklar zu machen und vorliegende Hygienekonzepte bis ins Detail umzusetzen.

Klagen gegen den aktuell verlängerten Stillstand kommen aus der Reisebranche daher nicht, es gab ohnehin kaum Buchungen, die storniert werden mussten. Umso energischer mahnen Unternehmen und Verbände aber ein Konzept für politische Rahmenbedingungen an, unter denen das Geschäft wieder anlaufen kann, wenn die zweite Corona-Welle abebbt.

Masken oder Impfpflicht?

„Bei allem Verständnis für aktuell notwendige Einschränkungen gilt: Bürger wie Unternehmen haben ein Anrecht darauf zu erfahren, wie es weitergeht, wenn das Schlimmste überstanden ist“, sagt Michael Rabe, der Generalsekretär des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW). Und dieses Konzept solle es nicht zu Ostern oder Pfingsten geben, sondern in den nächsten Wochen. „Wir erwarten, dass die Politik ihnen schon jetzt Orientierung dazu gibt, wie und unter welchen Bedingungen das öffentliche Leben und damit auch die Freizeit- und Tourismusangebote in Deutschland wieder hochgefahren werden.“

Die Erklärung zur jüngsten Runde von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Ministerpräsidenten der Länder deuten Vertreter aus dem Pauschal-, Bus-, Inlands- und Auslandsreisegeschäft als Versprechen, dass der Staat dieses Konzept liefern will. „Es ist gut, dass Bund und Länder nun endlich eine Öffnungsstrategie angehen. Die Tourismusbranche fordert seit langem ein stimmiges Konzept und bietet ihre Mitarbeit an“, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung mehrerer Verbände. „Trotz aller Appelle und Gesprächsangebote der Branche hat der Bund bisher nichts an Konzepten für den Restart des Tourismus vorzuweisen.“

An Ideen haben sie vieles parat: Schnelltests für eine große Zahl an Reisenden, möglicherweise sogar alle Flugpauschalreisenden – und zwar vor dem Hinflug und zur Rückkehr. Hygienekonzepte mit Maskenpflichten. Oder das Einrichten von Urlauberkorridoren zwischen einzelnen Ländern oder Regionen, falls es mit der großen Reisefreiheit für ganz Europa doch nichts wird. Doch noch ist unklar, ob sie damit durchdringen.

Die Unternehmen wollen nicht ihren möglichen Kundenkreis auf Geimpfte beschränken. „Zum einen wird es noch dauern, bis alle Menschen, die geimpft werden möchten, auch geimpft werden konnten. Zum anderen ist derzeit nicht geklärt, ob geimpfte Personen nicht eventuell andere Menschen anstecken können“, heißt es vom Deutschen Reiseverband. Doch hinter den Kulissen stellen sich die Anbieter schon darauf ein, dass Länder den Impfnachweis wie ein Einreisevisum verlangen werden.

Reiseanbieter versuchen, mit Sonderkonditionen (Rabatten und kostenfreien Stornomöglichkeiten) die Kunden trotzdem zum Buchen zu bewegen. Der Erfolg dieser Mühen ist mäßig. Reiselustige, die noch abwarten, müssen daher kaum befürchten, dass ihr Traumziel schon bald ausgebucht ist. Die Frühbuchernation Deutschland ist in der Pandemie zum Kreis der Last-Minute-Käufer geworden. 60 Prozent der Buchungen im September entfielen auf Reisen im selben oder nächsten Monat. Dieser Trend dürfte sich 2021 fortsetzen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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