Kommentar

Die Folgen der Ölschwemme

EIN KOMMENTAR Von Holger Steltzner
29.01.2016
, 10:27
Bohrinsel „B“ im Gebiet Schwedeneck-See.
Der Verfall des Ölpreises ist für die Förderländer schmerzhaft. Trotzdem fördern sie am Limit. Für den Rest der Welt – und besonders für die Verbraucher – ist die Preisentwicklung lohnend.
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So falsch alle Prognosen zum Ölpreis sind, so schön erzählen sich die dazugehörigen Geschichten, etwa die zur deutschen Energiewende: Der Ölpreis kenne sowieso nur eine Richtung, nach oben, da rechne sich der Umstieg auf erneuerbare Energie wie von selbst, sagten die grünen Erfinder der Wende voraus. Heute ist Öl so billig wie seit zwölf Jahren nicht mehr, die Energiewende kostet heimische Stromkunden rund 22 Milliarden Euro jedes Jahr - und der Kohlendioxidausstoß ist so hoch wie zuvor.

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Eine andere Erzählung aus dem vergangenen Jahr geht so: Wenn Saudi-Arabien den Ölhahn aufdrehe, sinke der Preis pro Barrel auf sechzig Dollar; dann kippe in den Vereinigten Staaten ein Fracking-Unternehmen nach dem anderen um. Doch siehe da: Zwar sind einige amerikanische Fracker auf der Strecke geblieben, doch die meisten sprengen auch bei Preisen von rund dreißig Dollar weiterhin munter Öl und Gas aus Schiefergestein.

Es ist auch nicht so, dass die Wandlung der Vereinigten Staaten vom größten Einfuhrland von Öl zu einem der größten Produzenten den Energiegiganten Russland ins Wanken gebracht hätte. Russland fördert so viel Öl und Gas wie eh und je. Selbst die Sanktionen des Westens wegen Moskaus Griff nach der Krim haben die Macht des russischen Präsidenten nicht erschüttert, während das mit der Flüchtlingskrise kämpfende Europa zu der Auffassung gelangt, für eine Befriedung Syriens und den Krieg gegen das islamistische Terrorregime IS den Kreml zu brauchen.

Niedriger Ölpreis
„Selbst Fracking rechnet sich nicht mehr“
© dpa, reuters

Es wird Saudi-Arabien auch mit der Förderung am Anschlag nicht gelingen, Iran von einer Rückkehr in den Kreis der größten Öllieferanten der Welt abzuhalten. Die Würfel sind durch den Atomkompromiss gefallen; Iran wird sich wieder in den Welthandel eingliedern, die halbe Welt buhlt bereits um dessen Gunst. Aus Sicht Saudi-Arabiens, das wirtschaftsstark, aber bevölkerungsarm ist, mag das eine Katastrophe sein, weil die Ölmilliarden dem bevölkerungsreichen Iran mit seinen schiitischen Truppen im islamischen Religionskrieg in der Levante und darüber hinaus Auftrieb geben werden. Aus der Perspektive des Westens ist das aber halb so schlimm - sofern man daran glaubt, dass Teheran wirklich auf die Atombombe verzichten wird -, zumal das saudische Regime seinerseits mit Petrodollars die rückwärtsgewandte islamistisch-wahhabitische Ideologie in der Welt verbreitet und so dem Terror Vorschub geleistet hat.

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Profane Gründe für die Überproduktion

Jenseits aller politischen, religiösen und geostrategischen Überlegungen gibt es aber auch für Öl einen Weltmarkt. Hier zeigt der nüchterne Blick auf Angebot und Nachfrage: Der Ölmarkt könnte in einem Überangebot ertrinken, wie die Weltenergieagentur meint. Das mag übertrieben sein, es ist auch nur eine aktuelle Bestandsaufnahme. Richtig aber ist, dass die Lager randvoll sind, und trotzdem fördert die Opec mehr Öl als im Kartell vereinbart, auch der größte Produzent, Saudi-Arabien. Die Förderländer sorgen sich weniger um den Temperaturanstieg oder eine mögliche Entwertung ihrer Bodenschätze. Noch ist es nicht ausgemachte Sache, dass aus Sorge um das Klima künftig wirklich große Teile der fossilen Energiereserven in der Erde bleiben werden, um nicht noch mehr Kohlenstoff in die Atmosphäre zu blasen.

Die Gründe für die Überproduktion sind profan. Zur Finanzierung ihrer Staatshaushalte und Sozialleistungen sind die meisten Förderländer auf den Verkauf von Öl um jeden Preis angewiesen. Außerdem bröckelt die Macht des Opec-Kartells zusehends. Durch neue Techniken und neue Funde kommen inzwischen zwei Drittel des geförderten Öls aus anderen Ländern. Kurzfristig allerdings könnte das Kartell den Preis wohl nach oben treiben, wenn es sich einig wäre. Doch auf Dauer bestimmt die Opec allein den Preis nicht mehr.

Auf mittlere Sicht wird der Ölpreis wieder steigen. Die Überkapazitäten für Ölförderung wird mit Hilfe der Notenbanken aufgebaut.
Auf mittlere Sicht wird der Ölpreis wieder steigen. Die Überkapazitäten für Ölförderung wird mit Hilfe der Notenbanken aufgebaut. Bild: Marcus Kaufhold

Auf der Nachfrageseite sorgt China für Unruhe. Die Börse reagiert fast schon hysterisch auf schlechte Konjunkturdaten aus dem Reich der Mitte. Droht der Welt eine Rezession, nur weil die Wirtschaft in China um fünf oder sechs statt um sieben Prozent wächst? Wohl kaum. Die gedämpften Aussichten in China mögen das eine oder andere Exportunternehmen empfindlich treffen, insgesamt jedoch bleibt auch dort die Nachfrage stabil. In vielen Industriestaaten zieht die Nachfrage sogar spürbar an, weil dort die günstigen Energiepreise wie ein Konjunkturprogramm wirken. So schmerzhaft der Verfall des Ölpreises für die Förderländer ist, so gut ist das für den Rest der Welt - das ist wie bei einem Nullsummenspiel. Die etwa 500 Milliarden Dollar, die jetzt weniger für Öl ausgegeben werden, verschwinden ja nicht, sondern fließen in den Konsum der Verbraucher in den Importländern oder werden anderweitig investiert.

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Auf mittlere Sicht wird der Ölpreis wieder steigen. Denn so wie zuvor die Überkapazitäten für Ölförderung mit Hilfe der Geldschwemme der Notenbanken aufgebaut wurden, so kürzt die Ölbranche jetzt im großen Stil ihre Investitionen, was später zu einer Gegenbewegung führen wird. Es ist verrückt: Notenbanken tragen mit billigem Geld zu deflationären Tendenzen bei, die sie dann mit noch billigerem Geld zu bekämpfen vorgeben.

Quelle: F.A.Z.
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