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Wirtschaftstreffen in Davos

Neue Kontakte dank „Gipfel-Du“

Von Daniel Schleidt
 - 15:01
Vor erhabener Kulisse: Auf dem Weissfluhgipfel kommt man leicht ins Gespräch.

Das Knie schmerzt, aber darauf kann Tilo Walter keine Rücksicht nehmen, nicht jetzt. Vergangene Woche hat ihm sein Arzt eine Knieverletzung diagnostiziert, aber daran, das Bein hochzulegen, ist gerade nicht zu denken. Das Weltwirtschaftsforum mag medial zu einem Treffen vor allem für die ganz großen Staatschefs und Firmenlenker stilisiert werden, doch auch für viele kleinere Betriebe ist das Forum im schweizerischen Bergdorf Davos ein wichtiger Termin. Tilo Walter ist Geschäftsführer eines solchen Unternehmens. 2014 gründeten er und drei Kollegen das Unternehmen Kantwert mit Sitz in Hofheim, 40 Mitarbeiter, Umsatz im einstelligen Millionenbereich. Von Davos hatte er damals nur aus den Medien gehört. Das sei ein Weltwirtschaftsgipfel, auf dem sich die Mächtigen der Welt die Hände schütteln, so dachte er– bis er eines Besseren belehrt wurde. Nun ist er selbst in der Schweiz. „Davos ist mehr als das, was sich unter Regierungsvertretern und Topmanagern im Kongresszentrum abspielt“, sagt Walter.

Es ist ein herrlicher Tag im Kanton Graubünden. Zum 50. Mal findet das vom Deutschen Klaus Schwab ins Leben gerufene Forum statt, Europas höchstes Dorf befindet sich im Ausnahmezustand. Straßen sind gesperrt, Luxuslimousinen schieben sich durch den Ort, die Nobelhotels sind weiträumig abgesichert. Oben am Weissfluhgipfel ist von dieser Hektik wenig zu spüren. Die Sonne steht hoch am blauen Himmel, der Blick auf die Schweizer Bergwelt ist atemberaubend, als zwischen Skifahrern vereinzelt Männer und Frauen im Business-Look von der Bergstation der Seilbahn zum Gipfelrestaurant auf 2883 Metern Höhe durch den Schnee stapfen. Der Kongressveranstalter Euro Finance Group, ein Unternehmen des Deutschen Fachverlags, empfängt hier gut 80 Unternehmer und Manager zum Euro Finance Summit.

Immer mit dabei: Visitenkarten

Auch Tilo Walter ist dabei. Vor vier Jahren führte ihn Nader Maleki, der damals die Veranstaltung am Davoser Gipfel noch organisierte, nach Davos. Seitdem sind die vier Tage in den Schweizer Alpen für ihn und Kantwert die wichtigsten im Jahreskalender, mit vier Mitarbeitern ist die Firma vor Ort. Im Alltag zu Hause, „da schwirren wir doch alle in unserem Mikrokosmos herum“. In Davos jedoch werde das aufgebrochen, „hier trifft man ständig irgendwelche Menschen, und jeder hat etwas Spannendes zu erzählen“. Das Weltwirtschaftsforum ist ein riesiges Netzwerktreffen, bei dem selten Geschäfte abgeschlossen, aber sehr häufig welche angebahnt werden.

Die Visitenkarte ist dabei das wichtigste Utensil, denn so bleibt man beim Gesprächspartner auch dann im Gedächtnis, wenn man nicht gerade an der Spitze einer Regierung steht oder ein hohes Tier bei Google, Facebook oder Goldman Sachs ist. Tilo Walter hat in den Tagen von Davos rund 50 solcher Kärtchen eingesammelt und verteilt, und aus jedem dieser kleinen Kartons kann etwas Großes werden: So hat er etwa im vergangenen Jahr mit Topmanagern der Unternehmensberatung AT Kearney und des Cloud-Computing-Anbieters Salesforce Karten getauscht. Es seien kurze Begegnungen gewesen, ein paar Sekunden nur, sagt Walter, aber immer mit der Vereinbarung, sich ein Jahr später am gleichen Ort dann mehr Zeit zu nehmen. „Melden Sie sich bei mir.“ Und tatsächlich, in diesem Jahr saß er mit beiden Vertretern zusammen. Die meisten dieser „Bilaterals“, wie diese Treffen genannt werden, dauern eine halbe Stunde. Das reicht, um Projekte auf den Weg zu bringen. „So läuft das hier“, sagt Walter. Deshalb müsse jedes Weltwirtschaftsforum auch gut vor- und nachbereitet werden.

Netzwerken mit „Gipfel-Du“

Tilo Walter ist ein Netzwerk-Profi, seine Firma ist eine Art Spezialist dafür. Walter hilft Unternehmen dabei, ihre Kontakte so zu strukturieren, dass sich Querverbindungen aufzeigen lassen. Kantwert sammelt dafür öffentlich zugängliche Daten etwa aus Handelsregistern und kann so graphisch abbilden, wer mit wem zu tun hat, wer an welcher Firma beteiligt war, wo im Aufsichtsrat oder in der Geschäftsleitung saß. Gerade für Vertriebsabteilungen kann das Wissen darüber, über welche Kontakte die Kunden verfügen, Gold wert sein. Der Unternehmer erklärt das so: Derzeit sei jeder Kundenkontakt in Firmen wie eine Karteikarte abgelegt. Das Netzwerk von Kantwert verbindet diese Karteikarten digital miteinander. Kunden der Hofheimer können Lizenzen erwerben, um diese Verknüpfungen einzusehen. Demnächst will man diese Idee auch in die Vereinigten Staaten exportieren.

Auf dem Weissfluhjoch erhebt derweil Andreas Scholz, Geschäftsführer der Euro Finance Group, das Glas und ruft das „Gipfel-Du“ aus. So kommen sich die Teilnehmer noch schneller nahe. Walter sagt, während sich Regierungschefs und Topmanager im Kongresszentrum zunehmend selbst auf die Schultern klopften, werde das Netzwerken in den Hotels und Bars der Stadt immer offener. Wer mitmischen will, muss trotzdem clever sein und auf die Gästelisten der großen Partys kommen, die zum Beispiel der Burda-Verlag oder Unternehmensberatungen wie PWC und KPMG in Hotels wie dem schicken Steigenberger Belvedere geben. Walter steht auf vielen dieser Listen und kommt dort immer wieder mit Menschen ins Gespräch. „Das ist genau die richtige Plattform für uns, weil wir hier die richtigen Leute treffen.“ Vor drei Jahren hat er am Weissfluhjoch bei Gerstlsuppe und Fondue zum Beispiel Matthias Scheiff kennen gelernt, heute ist der Personalberater Gesellschafter bei Kantwert.

Auch wenn Davos klein ist: Um möglichst viele Termine wahrzunehmen, muss man große Distanzen zurücklegen. Ein Tag beim Weltwirtschaftsgipfel beginnt für Walter in der Regel um 8 Uhr und endet meist erst nach Mitternacht. Am Mittwoch legte er in Davos zwischen den Terminen 16.000 Schritte zurück, sagt er, und das mit Schmerzen im Knie. Manchmal muss man eben auf die Zähne beißen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schleidt, Daniel
Daniel Schleidt
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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