„Stoppt doch endlich die verdammte Kiste“

19. Oktober 1987

Von Dyrk Scherff
13.10.2007
, 19:42
"Stoppt doch endlich die verdammte Kiste", schrie ein Aktienhändler an der New Yorker Wall Street, als er entsetzt auf die Kursmonitore starrte. Die Notierungen waren im freien Fall. Bis zum Ende des Handelstages brach der Dow-Jones-Index ...

„Stoppt doch endlich die verdammte Kiste“, schrie ein Aktienhändler an der New Yorker Wall Street, als er entsetzt auf die Kursmonitore starrte. Die Notierungen waren im freien Fall. Bis zum Ende des Handelstages brach der Dow-Jones-Index um 22 Prozent ein - so stark wie noch nie in der Geschichte der Börse. Selbst im Herbst 1929, als die Weltwirtschaftskrise begann, waren die Kurse an einem Tag nicht so stark gefallen. Die unvorstellbare Summe von 520 Milliarden Dollar verloren die amerikanischen Anleger in wenigen Handelsstunden. Damit hätte man auf einen Schlag die Hälfte der Schulden der ganzen Dritten Welt tilgen können.

Dieser 19. Oktober vor 20 Jahren wurde als „schwarzer Montag“ bekannt. Der Tag hatte sich angekündigt. In den Monaten davor stiegen die Zinsen, die Märkte hatten Inflationsängste und sorgten sich um den schwachen Dollar. Schon in der Woche vor dem Crash fielen die Kurse.

Am Freitag unterschritten viele Kurse die erlaubten Limits, die Banken vorgegeben hatten. Das löste am Montag automatische Verkäufe aus. Der Crash begann. Schon zur Handelseröffnung waren die Kurse unter starkem Druck. Das löste neue Verkäufe aus, weil weitere Grenzen unterschritten wurden, die Turbulenzen schaukelten sich hoch. Die technischen Systeme waren schnell überlastet, es gab nur noch verspätete Preisfeststellungen, was die Händler noch nervöser machte. Denn niemand wusste, ob die Aufträge schon ausgeführt waren.

Die Krise schwappte am nächsten Tag nach Deutschland. „Die Verkaufsorders, die damals noch auf Papier eintrafen, stapelten sich in Waschkörben. Wir hatten zehnmal mehr Aufträge und brauchten eine Stunde länger als sonst, um einen Kurs festzulegen“, erinnert sich Uto Baader, heute Chef von Deutschlands größter Wertpapierhandelsbank und damals als Kursmakler auf dem Münchener Börsenparkett für die Preisfestlegung zuständig. „Irgendwann haben wir das Rechnen aufgehört und anhand der Höhe der Papierstapel die Auftragslage geschätzt. Und dann bis in die Nacht die Fehler korrigiert.“

Die Krise entspannte sich weltweit rasch, als die amerikanische Notenbank ihre Leitzinsen senkte. Es war die erste Bewährungsprobe des noch jungen Notenbankchefs Alan Greenspan.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.10.2007, Nr. 41 / Seite 51
Autorenporträt / Scherff, Dyrk
Dyrk Scherff
Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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