CDU-Mann Dennis Radtke

Der Sozialonkel aus Wattenscheid

Von Hendrik Kafsack
08.05.2021
, 21:07
In den eigenen Reihen ist der viel zitierte EU-Abgeordnete Dennis Radtke für viele vor allem Nervensäge und Provokateur. Der aber fühlt sich in der Rolle ganz wohl.

Es ist nicht leicht für Europaabgeordnete, Aufmerksamkeit zu bekommen. Man muss sich schon wie der einstige SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz im Plenum von einem politischen Schwergewicht wie dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi für die Rolle des Lagerführers in einem KZ-Film vorschlagen lassen. Oder in der Bundespolitik eine wichtige Rolle gespielt haben, wie die ehemalige Justizministerin Katarina Barley von der SPD oder der Grüne Reinhard Bütikofer. Oder aber eine große Klappe haben und vielen auf die Nerven gehen.

Der CDU-Europaabgeordnete Dennis Radtke hat eine große Klappe, und er geht seit Monaten vielen auf die Nerven. Im Oktober platzierte der 42 Jahre alte Radtke einen Gastbeitrag in der Tageszeitung Die Welt. Es war ein Frontalangriff auf die Parteikollegin und Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen. „Markige und/oder pathetische Überschriften nach außen, fehlende Kommunikation und Misstrauen nach innen, garniert mit dem völligen Ignorieren des Seelenlebens ihrer eigenen politischen Familie“, bilanzierte er kurz vor dem Ende ihres ersten Jahres im neuen Amt.

„Das ist teils auch von Neid gesteuert“

Seither ist Radtke aus dem Angriffsmodus kaum herausgekommen. Er hat die offene Konfrontation mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán gesucht, als die CDU/CSU nach einer leisen Lösung für das Problem des inzwischen ehemaligen Mitglieds der Parteifamilie EVP suchte. Er hat dem CDU-Bundestagsabgeordneten Nikolas Löbel in der Maskenaffäre Entrückung von der Welt vorgeworfen und anderen Unionspolitikern, sich „instinktlos und dämlich“ zu verhalten. Er hat für Armin Laschet, mit dem er im nordrhein-westfälischen Landesvorstand der CDU sitzt, als Parteivorsitzenden und Kanzlerkandidaten gekämpft. Das ging bis zu der alten Drohung, einen eigenen CDU-Landesverband zu gründen, wenn der bayerische Ministerpräsident Markus Söder nicht zurückziehe. Gerade schießt er gegen die Kandidatur des ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen für den Bundestag.

Radtke nervt. Radtke provoziert. Beliebt in den eigenen Reihen macht ihn das nicht. Klar, Laschet hat sich bei ihm persönlich bedankt. „Und das am Tag des Parteitags“, sagt Radtke stolz. In der eigenen Gruppe im Europaparlament aber sind viele schlecht auf ihn zu sprechen. „Es geht immer nur gegen die eigene Partei“, klagt einer. Mehrfach sei er von den Vorsitzenden der CDU/CSU-Gruppe, Angela Niebler und Daniel Caspary, gemahnt worden, nicht gegen die eigenen Reihen zu schießen, berichtet ein anderer. Radtke nervt, aber er trifft auch einen Nerv. Der Zuspruch nach der Kritik an von der Leyen sei riesig gewesen, sagt Radtke. „Er hat ja auch recht“, sagt ein Kritiker. „Aber seine Methoden bleiben falsch.“ Außerdem sei er 2017 nur als „Nachrücker“ für Herbert Reul in das EU-Parlament gekommen, als der Innenminister in Nordrhein-Westfalen wurde, geht es weiter. Als hieße das, er müsse sich erst einmal in Demut üben. „Und dann ist er auch noch ein ehemaliger SPD-Mann.“ Namentlich genannt werden wollen seine Kritiker nicht. Für Radtke ist das eine Steilvorlage. „Das ist teils auch von Neid gesteuert“, sagt er. „Mit Streit und Kritik habe ich kein Problem, aber bitte mit offenem Visier. Wenn dafür die Mischung aus Biss und Anstand fehlt, ist das bedauerlich.“

Biss, den hat der Industriekaufmann als Gewerkschaftssekretär bei der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie vor dem Eintritt ins Europaparlament gelernt. „Ich war an der Basis, nicht in höheren Sphären und auch nicht im Elfenbeinturm“, sagt er. Ein Kind des Ruhrgebiets, auch wenn es nach Klischee klingt und auch nicht ganz stimmt. Sein Vater war Ingenieur. Wer verstehen will, wie Radtke „tickt“, muss ein wenig über seine Heimatstadt wissen. Offiziell ist das Bochum, aber für Radtke ist es Wattenscheid. Wattenscheid ist einer jener Orte im Ruhrgebiet, die mit der Gebietsreform in den siebziger Jahren nicht nur das Auto-Kennzeichen, sondern die Identität verloren – stolz auf die Wirtschaftstradition, den Textilunternehmer Klaus Steilmann und den Fußballverein Wattenscheid 09 – das Unternehmen heute insolvent, der Verein bedeutungslos. Dennoch ein selbstbewusster Underdog.

Vergangenheit in der Gewerkschaft

Hier ist Radtke groß geworden, hier lebt er heute mit Frau und Tochter. Er war Maskottchen der beiden Großväter – die waren Malocher bei Krupp – bei Treffen der SPD. „Dass ich eingetreten bin, war da nur logisch“, sagt er. Auch wenn viele seiner Schulfreunde CDU-nah gewesen seien. Aber so richtig hat er in der SPD nicht dazugehört, war ein Fremdkörper so wie Wattenscheid in Bochum. Nicht, weil er mit sechs Jahren nach einem Fernsehkonzert von Justus Frantz die Klassik für sich entdeckt hat. Auch wenn manche seiner Parteigenossen sich nicht leicht damit taten, dass er Wagnerianer ist. Die SPD war für Radtke schlicht nicht mehr am Puls der Zeit, hatte den Kontakt zu den Menschen verloren, war zu sehr geprägt von solchen, die „Klatschen und Tanzen“ studiert haben, sagt er. Also wechselte Radtke 2002 die Seiten und wurde lieber Fremdkörper in der CDU als Mitglied der Sozialausschüsse (CDA). Gegenpol zu all den „McKinseys“ in der Jungen Union. Die haben ihn auf Parteitagen ausgebuht und ausgepfiffen. Auch das hat ihn gestählt. Zudem wusste Radtke, dass seine Gegner wussten, dass sie solche wie ihn brauchen in einer Volkspartei, den „wackeren Dennis aus Wattenscheid“, wie sie ihn nennen.

Deshalb darf Radtke auch jetzt gemeinsam mit der niederländischen Sozialdemokratin Agnes Jongerius im Europaparlament die Diskussion über die Kommissionsvorschläge zum EU-Mindestlohn leiten. Mit ihr teilt er die Vergangenheit in der Gewerkschaft. Mit ihr hat er schon eine Stellungnahme für „Ein starkes soziales Europa“ im Europaparlament durchgeboxt. „Er könnte einer von uns sein“, sagt sie. Die Vorschläge zum Mindestlohn gehen weit: 90 Prozent Tarifbindung fordern beide. Radtke sähe den deutschen Mindestlohn gerne bei 12,50 Euro. Der EU-Sozialgipfel, der am Freitag in Porto begann, ist für ihn eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres. Für Radtkes nordrhein-westfälischen Parteikollegen Markus Pieper ist der Gipfel der Weg ins „soziale Nirwana“. Er fühlt sich bei den Vorschlägen Radtkes an die „Gewerkschaftskämpfe der achtziger Jahre“ erinnert und warnt, am Ende könne der das nur gegen die eigenen Reihen durchsetzen.

„Für viele bin ich nur der Sozialonkel.“ Das ist Radtke bewusst. Aber der Sozialonkel, der seit 2019 auch stellvertretender Bundesvorsitzender der CDA ist, hat noch etwas vor. Das Europaparlament muss ja nicht die Endstation sein. Sein Wahlkreis sei zur Bundestagswahl frei geworden, sagt Radtke. „Aber eine Kandidatur für den Bundestag kam für mich derzeit nicht in Frage, dazu kann ich hier noch viel zu viel bewegen.“ Wenn jedoch ein Sozialonkel in Berlin als Minister gebraucht würde, Radtke stände bereit. Das muss er gar nicht aussprechen. Manchmal kann auch Radtke die Klappe halten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Hendrik Kafsack
Hendrik Kafsack
Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.
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