Innovation in Deutschland

Auf zur Wissensökonomie

Von Gerald Braunberger
05.10.2020
, 16:03
Deutschland ist ein erfindungsreiches Land. Es darf den Anschluss an eine von den Vereinigten Staaten und Asien dominierte Wirtschaftswelt nicht verpassen.

Deutschland beheimatet die innovativste Volkswirtschaft der Welt. Zu dieser, für viele verblüffenden Feststellung gelangt die Nachrichtenagentur Bloomberg, die jährlich einen Innovationsindex berechnet. Die jüngste Berechnung zeigt Deutschland vor dem Seriensieger Südkorea. Auf den weiteren Plätzen folgen Singapur, die Schweiz, Schweden und Israel. In diesen Index gehen eine ganze Reihe von Indikatoren ein wie die Produktivitätsentwicklung, die Anmeldung von Patenten, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, die Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe und die Qualität des Bildungssystems.

Widerspricht diese Hochschätzung des Standorts Deutschland nicht den verbreiteten Klagen über eine nachhinkende Digitalisierung oder über eine international kaum wettbewerbsfähige Netzinfrastruktur? Nein, die beiden widerstreitenden Eindrücke ergänzen sich vielmehr. Deutschland verdankt seinen Spitzenplatz im Innovationsindex vor allem seiner Leistungsfähigkeit im Maschinenbau und in der Automobilindustrie.

Angesichts einer nach Ansicht vieler Fachleute nachlassenden Bedeutung der Industrie auf lange Sicht und der bevorstehenden tiefgreifenden Transformation der Automobilindustrie (und ihrer Zulieferer) stellt sich die Frage, wie gut Deutschland tatsächlich für die Zukunft aufgestellt ist. Die deutschen Automobilkonzerne investieren zwar sehr viel Geld in Elektromobilität und autonomes Fahren, und es ist wohl richtig, dass sie besser aussehen als manche traditionelle Fahrzeughersteller im Ausland. Aber die Wende zu einer deutlich größeren Bedeutung der Elektromobilität wird den erfolgsverwöhnten deutschen Unternehmen noch große Herausforderungen bescheren.

Die Zukunft des Wirtschaftens

Die Pandemie bewegt viele Menschen, noch grundsätzlicher als zuvor über die Zukunft des Wirtschaftens nachzudenken. Daher spielte das Nachdenken über die Wirtschaft auch eine gebührende Rolle auf dem 16. Innovationstag, der von der Serviceplan-Gruppe gemeinsam mit den Partnern Frankfurter Allgemeine Zeitung, Ad Alliance und Salesforce in diesem Jahr erstmals völlig digital ausgerichtet wurde.

Einen wichtigen Impuls setzte Lars Feld, der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage („Fünf Weise“). „Dass Wirtschaftskrisen, wie der Corona-Schock, zu strukturellen Veränderungen im Wirtschaftsleben führen, ist eine Binsenweisheit. Krisen transformieren eine Wirtschaft, manches Geschäftsmodell wird obsolet, neue Ideen gewinnen an Boden“, sagt Feld: „Häufig sind aber heutige Zukunftsvisionen, wie die Welt nach Corona aussehen würde, von politischem Wunschdenken geprägt. Wenn etwas die Globalisierung in Frage stellt, dann ist es die geostrategische Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und China und nicht die Pandemie. Ich erwarte allerdings eine Beschleunigung des Strukturwandels durch den Corona-Schock, beispielsweise hin zu neuen Antrieben in der Autoindustrie oder einem Auftrieb für die Digitalisierung.“

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg veröffentlichte der österreichische Ökonomen Joseph A. Schumpeter sein Buch „Die Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“. Darin stellte er der Vorstellung einer statischen Entwicklung der Wirtschaft das Bild einer dynamisch wachsenden Wirtschaft entgegen. Den Unterschied macht der mutige Unternehmer, der bestehende Unternehmen durch Innovationen herausfordert und im Erfolgsfall ablöst. Viel später hat Schumpeter für diesen Prozess den seitdem häufig benutzten Begriff „schöpferische Zerstörung“ geprägt.

Schöpferische Zerstörung hat sich verlangsamt

Untersuchungen aus den Vereinigten Staaten wie aus Europa legen nahe, dass sich der Prozess der schöpferischen Zerstörung in den vergangenen 20 Jahren verlangsamt hat. Während der Befund weitgehend unbestritten ist, gehen die Ansichten über die Ursachen weit auseinander. Manche Fachleute vertreten eine pessimistische Weltsicht, nach der sich die Möglichkeiten der Entwicklung technischer Innovationen, die unser Wirtschaftsleben nachhaltig verändern können, weitgehend erschöpft haben. Als Ursache nachlassender wirtschaftlicher Dynamik wird auch die Alterung der Gesellschaft genannt; vielleicht nicht zufällig sind mit der allmählichen Alterung auch die Wachstumsraten von Wirtschaft und Produktivität zurückgegangen.

Ein die wirtschaftliche Dynamik lähmender Einfluss wird auch der Bildung wirtschaftlicher Macht durch sehr große Unternehmen zugeschrieben, die sich nicht nur, aber vor allem in den Vereinigten Staaten beobachten lässt. Genannt werden häufig sogenannte „Superstar“-Unternehmen wie Amazon, Microsoft und Google, aber auch in traditionelleren Wirtschaftszweigen hat die Macht großer Unternehmen zugenommen.

Diese Macht erschwert jungen Herausforderern ihr Geschäft. Schließlich gelten auch die seit langem niedrigen Zinsen als eine Ursache nachlassender wirtschaftlicher Dynamik. Günstige Finanzierungskosten hielten viele wettbewerbsschwache Unternehmen künstlich im Markt, lautet der Vorwurf.

Von der Industriegesellschaft in die Wissensökonomie

Herausforderungen für die wirtschaftliche Dynamik stellt auch der allmähliche Wandel traditioneller Industriegesellschaften in sogenannte Wissensökonomien, in denen der Anteil der Dienstleistungen an der gesamten Wirtschaftsleistung noch einmal zu Lasten der Industrie zunimmt.

In keiner anderen großen traditionellen „Industrienation“ ist der Anteil der Industrie so groß wie in Deutschland, und auch hier dürfte er nach Ansicht wohl der meisten Fachleute zurückgehen. Viele Tätigkeiten in den Dienstleistungen sind allerdings mit einer geringen Produktivität und einem bescheidenen Innovationspotential verbunden. Eine der großen Aufgaben im Rahmen eines neuen Denkens über Wirtschaft wird in der Suche nach Möglichkeiten bestehen, Dienstleistungen mit einem hohen Innovationspotential zu definieren.

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Wie Feld zu Recht bemerkt, ist vor Wunschdenken zu warnen. Das wohl größte Wunschdenken verbindet sich mit Erwartungen an einen die Wirtschaft planenden und lenkenden Staat. Dass sich der Staat in der Corona-Krise eines größeren Vertrauens erfreut als zuvor, ist nicht überraschend. Nachteilig wäre es allerdings, die Rolle des Staates als eines nachhaltigen Gestalters von Wirtschaft zu überschätzen.

Es besteht kein Zweifel an der Existenz eines Bedarfs auch für öffentliche Investitionen in vielen Ländern, aber die Vorstellung etwa, man müsse nur viele Milliarden Euro für als ökologisch und nachhaltig deklarierte Projekte ausgeben, um der Umwelt ebenso wie der Wirtschaft zu dienen, ist von einer großen Naivität.

Möglichkeiten für Newcomer schaffen

Innovationen entstehen vor allem in Unternehmen. Daher muss es Aufgabe der Politik sein, in erster Linie Rahmenbedingungen zu schaffen, die Unternehmen dazu ermutigen, sich der Zukunft zu stellen. Eine wichtige Rahmenbedingung ist die Möglichkeit für Newcomer, in existierende Märkte einzutreten. Dies setzt existierenden Wettbewerb voraus, der wiederum nur gesichert werden kann, wenn die Politik der Bildung Markteintrittsbarrieren durch dominierende Monopolisten nicht einfach zuschaut.

Innovative Unternehmen benötigen offene Grenzen für Güter und Dienstleistungen, aber auch für Kapital und Ideen. Die Corona-Krise verstärkt die durch den geopolitischen Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten und China ohnehin wachen protektionistischen Kräfte. In vielen Ländern, darunter auch Deutschland, wird über die Bildung heimischer Kapazitäten in sogenannten wichtigen Wirtschaftszweigen gesprochen. So nachvollziehbar solche Debatten mit Blick auf die Sicherung nationaler Unabhängigkeit auch sein mögen, so sehr dienen solche Überlegungen auch als Vorwand, unliebsame wirtschaftliche Konkurrenz auf Distanz zu halten.

Voraussetzungen für erstklassige Forschung

Eine Aufgabe hat der Staat in der Bereitstellung eines hochklassigen Bildungssystems. Dieses darf sich natürlich nicht nur an seiner Fähigkeit messen lassen, Nobelpreisträger zu produzieren und im eigenen Land zu halten. Aber in einer Welt, in der gerade der mit der Digitalisierung verbundene technische Fortschritt zu einem wesentlichen Wettbewerbsfaktor wird, muss die Politik Voraussetzungen schaffen, dass erstklassige Forschung betrieben und im Zusammenwirken mit innovativen Unternehmen auch betrieben werden kann. Auch in Deutschland existieren viele Beispiele für solche Initiativen, aber in der gesellschaftlichen Debatte bleibt die erhebliche Bedeutung wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Eliten für die Perspektive des Gemeinwesens unterbelichtet.

Dies gilt auch für die wirtschaftliche Bedeutung der Klimadebatte. „Degrowth“-Strategien können allenfalls diskutabel sein für Menschen, die sich dies wirtschaftlich leisten können. Aber gerade auch in ärmeren Ländern mit einer in ökologischer Hinsicht sehr ineffizienten Wirtschaft besteht eine gewaltige Nachfrage nach Innovationen, die einen Beitrag zu einem ökologisch vertretbaren dynamischen Wirtschaftswachstum leisten.

Die Rahmenbedingungen zu diskutieren, die Deutschland und, darüber hinaus, Europa in die Lage versetzen, sich im Wettbewerb um Innovationen gegenüber den Vereinigten Staaten und Asien zu bewähren, ist eine Aufgabe, die uns noch viele Jahre beschäftigen wird. Sie kann nur sinnvoll geführt werden, wenn eine prosperierende Wirtschaft als notwendiger Bestandteil eines funktionierenden Gemeinwesens akzeptiert wird.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
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