Digitaler Wandel

Jetzt revolutioniert das Internet die Arbeit

Von Georg Giersberg
30.06.2014
, 18:03
Thermostat von Nest – Google hat das Unternehmen im Januar übernommen. Durch die fortschreitende Vernetzung verwischen auch die alten Branchengrenzen
Die Digitalisierung erfasst die Unternehmen. Als Internet der Dinge oder als industrielles Internet löst sie alte Geschäftsmodelle ab und bricht bestehende Strukturen auf. Dabei verbreitet sie Angst und Zuversicht.

Wie eine sich steigernde Flutwelle braust die Digitalisierung über die Unternehmenslandschaft - und wird sie stark verändert hinterlassen. Fast täglich entstehen neue Wettbewerber im Internet. Viele kleine Unternehmen machen sich neue Geschäftschancen zunutze. Einige von ihnen sind aber in der neuen Welt schon zu Giganten herangewachsen. „Noch vor drei Jahren hätte niemand den amerikanischen Internet-Suchmaschinenkonzern Google als Mitbewerber in der Haustechnik gesehen“, beschreibt Michael Ziesemer, seit wenigen Tagen neuer Präsident des Branchenverbandes der Elektroindustrie ZVEI, die Situation. Heute dringt Google in die Haustechnik und selbst in den Automobilbau vor. Das ist kein Einzelfall. Der Sanitärgroßhandel fühlte sich durch einen Internethändler bedroht - und muss sich jetzt wie andere Branchen damit abfinden, dass Millionenumsätze am stationären Großhandel vorbeigehen.

Es scheint sogar noch schlimmer: Es kommen nicht nur neue Mitbewerber hinzu. In der digitalen Welt übernehmen meist auch andere Unternehmen die Marktführerschaft als in der analogen. In der Musikindustrie ist heute Apple der größte Anbieter zu Lasten der klassischen Plattenfirmen. In der Fotoindustrie sind die einst führenden Filmhersteller Kodak und Agfa inzwischen aus dem Fotomarkt ausgeschieden. Keine Branche bleibt vom Fortschritt verschont. Das soziale Netzwerk Facebook beantragt gerade eine Banklizenz, um auch den Finanzinstituten digitale Konkurrenz zu machen. Google und Ebay (Paypal) haben längst Banklizenzen. Auf dem internationalen Treffen der Werbebranche im südfranzösischen Cannes vor wenigen Tagen waren nicht mehr die globalen Werbeagenturen die umlagerten Helden der Branche, sondern - Google.

Neue Dienstleistungen aus der Cloud

Noch sind die Internetunternehmen, gemessen am Umsatz, keine wirklichen Größen. Mit dem Gewinn, den sie - wenn überhaupt - erwirtschaften, sieht es meist noch schlechter aus. Die Liste der umsatzstärksten Unternehmen der Welt wird noch immer von den traditionellen Klassikern angeführt, dem Handelsunternehmen Walmart, den Mineralölgesellschaften Sinopec (China), Shell, Exxon, BP und Petrochina sowie den Autoherstellern Volkswagen und Toyota. Elektronikunternehmen kommen mit Samsung und Apple erst auf den Rängen 12 und 14. Auch danach folgen zunächst einmal die klassischen Computerhersteller Hon Hai (Taiwan, Rang 30), Hewlett-Packard (44), IBM (62) und Hitachi (Rang 69). Microsoft, Sony, Panasonic und Mitsubishi schaffen es so gerade unter die einhundert größten Unternehmen der Welt.

Die umsatzstärksten Unternehmen der Welt
Die umsatzstärksten Unternehmen der Welt Bild: F.A.Z.

Aber an der Börse sieht es schon anders aus. Dort gehört die Zukunft der Elektronik. Das mit Abstand teuerste Unternehmen ist Apple. An zweiter Stelle folgt das traditionelle Unternehmen Exxon, bevor dann aber schon auf den Rängen drei und vier Google und Microsoft ganz in die Spitze drängen. Hier sehen die Anleger zukunftsträchtige Geschäftsmodelle.

In neuen Geschäftsmodellen liegt denn auch die größte Herausforderung der digitalen Umstellung. Ob die neue Welt als „Internet der Dinge“ (Konsumgüterbereich) oder als „industrielles Internet“ (Produktionsbereich) daherkommt, sie ist gekennzeichnet durch ein hohes Veränderungstempo und durch das Entstehen ganz neuer Geschäftsmodelle. Einmal ermöglicht allein die Digitalisierung neue Produkte. Statt früher Fachbücher bieten moderne Verlage heute Lösungssoftware an. Die Vernetzung führt zu neuen Dienstleistungen aus der Cloud heraus, die heute noch weitgehend unbekannt sind. Wenn sich Daten über Produktionsanlagen in der Cloud befinden, könnten daraus Wartungs- und Ersatzinvestitionen über Unternehmensgrenzen hinaus gebündelt werden. Schon heute zeichnet sich ab, dass traditionelle Lieferanten-Kunden-Beziehungen künftig nicht mehr in den bekannten und über längere Zeiträume stabilen Lieferketten organisiert sind, sondern in Netzwerken, in denen sich ständig neue Mitbewerber einschalten können und der Lieferant seine Eignung ständig neu beweisen muss.

Die größten Unternehmen der Welt nach Börsenkapitalisierung
Die größten Unternehmen der Welt nach Börsenkapitalisierung Bild: F.A.Z.

Dass das keine Zukunftsmusik ist, sondern heute schon in fortschrittlichen Unternehmen Alltag, zeigen Äußerungen von Jeffrey Immelt, dem Vorstandsvorsitzenden von General Electric, einem der 25 umsatzstärksten Konzerne der Welt. Während es früher um gutes Fertigungsmaterial und die beste Fertigungstechnik gegangen sei, gehe es heute um die Ausstattung von Produkten mit technischer Intelligenz (Sensoren) und um die Auswertung der damit gewonnenen Daten. Damit spricht Immelt das mit der Vernetzung der Produkte und Maschinen zwangsläufig verbundene Thema Big Data an, die richtige Verfügbarkeit und Auswertung großer Datenmengen.

Big Data ist weniger eine technische Herausforderung als eine der Datenanalyse. Die Auswertung großer Datenmengen erfordert zum einen hohe Investitionen in eine entsprechende Datenverarbeitung, aber vor allem auch in Personal. Softwareentwickler gewinnen immer größere Bedeutung in allen Unternehmen, das Denken in Netzwerken statt in Ketten nimmt zu, statt von Produkten wird stärker über Lösungen zu sprechen sein. Vor allem wird die Datenanalyse an Bedeutung gewinnen. „IT-Kenntnisse werden künftig zum Allgemeinwissen gehören müssen“, ist Ziesemer überzeugt. Das weist darauf hin, dass sich auch die Bildungseinrichtungen von der Grundschule bis zur Universität stärker auf die Digitalisierung einstellen müssen.

Der Handel experimentiert noch

Neben der Herausbildung neuer Geschäftsmodelle ist vor allem die zunehmende Veränderungsgeschwindigkeit ein Merkmal der neuen Zeit. Forschungs- und Entwicklungszeiten werden immer kürzer, Produktlebenszyklen werden in einigen Branchen nur noch in Monaten statt in Jahren bemessen. Selbst Patente werden für Dritte unentgeltlich geöffnet, damit die Weiterentwicklung des Produkts schneller und über eine Kooperation vieler (Netzwerk) erfolgen kann. Wer künftig allein auf seine Erfindungsgabe und sein Entwicklungstalent setzt, kann schnell den Anschluss verlieren. Als Menetekel für den schnellen Anschlussverlust stehen Nokia oder Sony, deren Stern am Unternehmenshimmel noch vor wenigen Jahren viele andere überstrahlte.

Der Transformationsprozess von der analogen in die digitale Welt verläuft nicht in allen Branchen parallel. Einige sind eher, andere später, einige sehr stark, andere (noch) weniger stark betroffen. In der Musik- und der Fotoindustrie ist der Transformationsprozess schon weit fortgeschritten. Verlage stecken mittendrin. Aber auch hier mit großen Unterschieden. Der Handel experimentiert noch, ob die Zukunft im Onlinehandel, in der Kombination von Online- und stationärem Handel oder in stationären Alternativen zum Online-Handel liegt. Wie stark der Druck ist, zeigen Zahlen aus dem Textilhandel, dem von Versendern wie Zalando und anderen zugesetzt wird. Allein in den letzten vier Jahren 2009 bis 2013 stieg die Zahl der neugegründeten Online-Textilhändler von 44 auf 71 im Jahr, während die Zahl der Neugründungen im stationären Textilhandel im gleichen Zeitraum von 94 auf 11 zurückging und fast zum Erliegen kam.

Die amerikanische Konkurrenz ist oft schneller

Wie der Handel in zehn Jahren aussieht, weiß heute niemand. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass es keinen stationären Handel mehr gibt. Benedikt Erdmann, Sprecher des Vorstandes der Einkaufskooperation Soennecken eG, ist überzeugt, dass „die physische Präsenz von Produkten weiterhin notwendig ist, um sie begehrlich zu machen und um Marken aufzubauen“. Allerdings geht auch er davon aus, dass viele kleine und mittelständische Fachgeschäfte nicht überleben werden. Ob es künftig mehr Showrooms gibt, in denen man sich anregen lässt, später die Produkte im Internet zu kaufen, oder Fachmärkte mit Angeboten, die auch in ihrem Umfang dem Online-Handel standhalten, ist heute noch offen.

Durch die Vernetzung verwischen zunehmend auch die alten Branchengrenzen. Das ist auf der Produktseite so, wenn ein Energieversorger (RWE) ebenso eine Plattform zur Steuerung der Haustechnik anbietet wie ein Elektrounternehmen (Bosch), wenn Autozulieferer (Continental) an dem selbstfahrenden Auto ebenso arbeiten wie Autohersteller oder Suchmaschinenanbieter (Google). In der Industrie verschmelzen immer stärker Maschinenbau und Elektrotechnik. Das eine ist ohne das andere nicht mehr denkbar.

Wie schnell sich Unternehmen und Gesellschaften auf die Digitalisierung und ihre Folgen einstellen, wie schnell sie neue Geschäftsmodelle erkennen und umsetzen, das wird über die Überlebensfähigkeit und die künftige Bedeutung von Wirtschaftsstandorten entscheiden. Deutschland hat technisch gute Voraussetzungen, an der Spitze der Entwicklung zu stehen. Bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ist gerade die amerikanische Konkurrenz oft schneller. Hier muss Deutschland nach Ansicht von Ziesemer schnell gleichziehen, wenn es von der Welle der Digitalisierung getragen und nicht darunter begraben werden soll.

Der Text erschien in der Beilage „Die 100 größten Unternehmen“  am Mittwoch 2. Juli in der F.A.Z. Die kompletten Ranglisten der Beilage sind als Zip-Datei für 29,80 Euro erhältlich im www.faz-archiv-shop.de oder Telefon (069) - 7591 - 1010.

Quelle: F.A.Z.
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