Neue Tarifrunde

„Bis zu 4 Prozent“

Von Dietrich Creutzburg, Berlin
09.11.2020
, 19:47
Startschuss zur nächsten Tarifrunde in der Krise: Die IG Metall gibt sich flexibel – ob Lohnerhöhung oder Vier-Tage-Woche sollen die Betriebe klären. Die Arbeitgeber beharren derweil auf einer Nullrunde.

Für eine neue Nullrunde in der Metall- und Elektroindustrie steht die IG Metall nicht zur Verfügung – aber die Gewerkschaft geht ihre neue Tarifrunde vorsichtiger an als zuvor Verdi im öffentlichen Dienst: Sie will für insgesamt 3,9 Millionen Metaller ein „Volumen von bis zu 4 Prozent“ erreichen. Inwieweit dieses Volumen für reguläre Lohnerhöhungen oder auch Zwecke der Arbeitsplatzsicherung genutzt wird, sollen ihrer Vorstellung zufolge Betriebsräte und Geschäftführungen der einzelnen Betriebe festlegen können. Dies hat der Vorstand der IG Metall am Montag als Marschroute für die im Dezember beginnenden Verhandlungen mit den Arbeitgebern beschlossen. Verdi war im öffentlichen Dienst mit der Forderung nach Gehaltserhöhungen von mindestens 4,8 Prozent angetreten.

„Die wirtschaftlichen Prognosen gehen davon aus, dass der Weg aus der Krise über das Jahr 2021 hinaus andauern wird“, ordnete IG-Metall-Chef Jörg Hofmann die Lage nach dem Vorstandsbeschluss ein. Die Tarifrunde stehe daher „vor allem im Zeichen der Krisenbewältigung“.

Allerdings dürften die Krisenfolgen angesichts der schon bestehenden Belastungen durch Kurzarbeit und Arbeitsplatzabbau „nicht noch weiter auf den Schultern der Beschäftigten“ abgeladen werden, mahnte er. Formal ist der am Montag gefasste Beschluss zunächst eine Empfehlung für die Beratungen der regionalen IG-Metall-Tarifkommissionen. Am 26. November soll die Forderung dann, voraussichtlich mit einigen weiteren Präzisierungen, endgültig festgezurrt werden.

Keine automatische Lohnerhöhung

Neu an dem Konzept ist, dass die Gewerkschaft zwar eine Prozent-Forderung erhebt, diese aber nicht automatisch zu einer allgemeinen Erhöhung der laufenden Löhne führen soll: In krisengeplagten Betrieben könnte das Volumen zum Beispiel eingesetzt werden, um für Teile der Belegschaft eine Vier-Tage-Woche anstelle normaler Vollzeit einzuführen und den Betroffenen Lohnzuschüsse zu zahlen, damit die verkürzte Arbeitszeit ihre Einkommen nicht so stark drückt. Die Zuschüsse würden dann die Lohnerhöhungen jener Kollegen im Betrieb schmälern, die voll weiterarbeiten. In wirtschaftlich starken Betrieben würde dagegen der gesamte Betrag als Lohnerhöhung für alle ausgeschüttet.

Hintergrund dieses Vorgehens sind die derzeit extremen Unterschiede zwischen einzelnen Teilbranchen und Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie: Während viele Autozulieferer und Maschinenbauer in ernsten Schwierigkeiten stecken, gibt es auch Bereiche wie die Medizintechnik, die kaum unter der Krise leiden und deren Beschäftigte daher höhere Erwartungen an die Tarifrunde haben. Dem will die IG Metall mit einem flexibel angelegten Ansatz gerecht werden.

Wie dies tarifvertraglich konkret umgesetzt werden soll, ist Hofmann zufolge noch offen. Eine Möglichkeit wird offenbar darin gesehen, an eine Tarifregelung aus dem Jahr 2018 anzuknüpfen: Damals hatten IG Metall und Arbeitgeber ein neues Tarifliches Zusatzgeld („T-Zug“) eingeführt, ein Betrag in Höhe von 27,5 Prozent des Jahresgehalts, den im Grundsatz jeder Metaller einmal im Jahr ausgezahlt bekommt. Allerdings gibt es schon die Option, unter bestimmten Bedingungen das Zusatzgeld nicht in Euro und Cent in Anspruch zu nehmen, sondern in Form zusätzlicher freier Tage. Würde die neue Tariferhöhung in Form einer Erhöhung dieses Zusatzgelds beschlossen, dann ließen sich möglicherweise weitere Optionen – etwa eine Vier-Tage-Woche mit „Teillohnausgleich“, also Lohnzuschüssen – daran anknüpfen.

Arbeitgeber beharren auf Nullrunde

Ein anderes Modell mit ähnlichem Ziel hatten schon vor Jahren die Tarifparteien der Chemie-Industrie etabliert. Es stützt sich auf betriebliche Fonds, die mit einem per Tarifvertrag definierten Betrag gespeist werden: Der Arbeitgeber zahlt gewissermaßen Teile der Tariferhöhung nicht auf die Gehaltskonten der einzelnen Mitarbeiter, sondern in einen gemeinsamen Topf – über dessen konkrete Verwendung sich dann Betriebsrat und Geschäftsführung verständigen. In der Chemie-Industrie wurde dieser Topf 2008 als „Demographie-Fonds“ eingeführt und er wird mittlerweile mit jährlich 750 Euro je Mitarbeiter dotiert. Die Betriebsparteien können dann entscheiden, das Geld etwa für Altersteilzeitangebote zu nutzen, für mehr Qualifizierung oder auch eine betriebliche Zusatzrente.

Die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie zeigen trotzdem wenig Verständnis für den Kurs der IG Metall. Sie hatten schon vor Beginn der Forderungsdiskussion auf deren Seite eine Nullrunde verlangt – und bekräftigen am Montag in einer ersten Reaktion: Die Industrie bewege sich noch immer unter dem Vorkrisenniveau. Erst wenn der Einbruch aufgeholt sei, könne man von Wachstum sprechen „und erst ab dann gibt es überhaupt irgendeinen Verteilungsspielraum“, erklärte der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Rainer Dulger.

Begrüßenswert sei aber, dass die IG Metall auf die unterschiedliche Lage der Betriebe Rücksicht nehmen wolle. Eigentlich hatte die aktuelle Tarifrunde schon im Frühjahr stattfinden sollen. Unter dem Eindruck der Pandemie hatten sich IG Metall und Arbeitgeber dann aber zunächst auf einen Nottarifabschluss geeinigt. Dieser sah Erleichterungen für Kurzarbeiter und eine zunächst bis Jahresende befristete Nullrunde vor.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Wirtschaftskorrespondent in Berlin.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot