Milchpulver wird knapp

Die amerikanische Babymilch-Krise

Von Winand von Petersdorff
13.05.2022
, 20:29
Hier fehlt Milchpulver: Ziemlich leeres Regal in einer Drogerie in Carmel in Indiana
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Amerikas junge Eltern geraten in Panik. Milchpulver für Säuglingsmilch wird knapp. Die Gründe für diesen Engpass sind vielfältig, unter anderem schottet sich der amerikanische Markt vom europäischen ab.
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Krieg in der Ukraine, verheerende Waldbrände in Süden der USA und eine zehrende Inflation – das ist alles schlimm. Das größte emotionale Potenzial aber birgt eine Krise, die so kaum jemand kommen sah: die Babymilch-Krise. In Amerika wurde das Milchpulver für die Baby-Fläschchen knapp. „Mein Herz zerbrach in 100 Teile am Walmart-Regal für Babymilchpulver“, schreibt Sara Owens auf Facebook. Sie traf auf einen verzweifelten Mann, der in Tränen ausbrach, weil das Regal leer war. Er hatte schon zahlreiche Supermärkte in South-Carolina vergeblich nach dem Pulver für Babymilch abgeklappert.

„Das sollte nicht in Amerika passieren“, sagt Owens. Sie fordert ihre Facebook-Freunde auf, Medien und Politikern die Hölle heiß zu machen. Der Beitrag wurde mehr als 180.000 Mal geteilt, unter den Kommentaren posteten Leute Bilder von leeren Regalen und Berichte über eigene verzweifelte Fahndungen nach Babynahrung. Weniger als die Hälfte der amerikanischen Säuglinge wird in den ersten drei Lebensmonaten ausschließlich gestillt, und nur noch 25 Prozent nach sechs Monaten. Amerika ist auf das Milchpulver angewiesen.

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Die Brisanz wird daran deutlich, dass sich Präsident Joe Biden einschaltete und am Donnerstag mit Industriegrößen beratschlagte, wie die Krise zu bewältigen sei. Demokratische Abgeordnete forderten unterdessen, die sonst im Krieg oder schweren Notlagen mögliche Zwangsbewirtschaftung einzuleiten. Einzelne Republikaner verfluchen Biden unterdessen dafür, dass offenbar Milchpulver an die mexikanische Grenze zur Versorgung von Flüchtlingsbabys geschickt wurden.

Viele Gründe spielen zusammen

Die Statistik zur Krise liefert die Analysefirma Datasembly. Sie fand heraus, dass die Händler Ende April gerade noch über 60 Prozent ihrer üblichen Bestände verfügten. In manchen Metropolregionen waren die Bestände nur noch halb so groß wie sonst. Weil die Bestände sich grob an der Nachfrage orientieren, heißt das: Jeder zweite Kunde geht leer aus. Kaum eine Ware sei von Lieferschocks so betroffen wie das Babymilch-Pulver, sagte Datasembly-Chef Ben Reich.

Der Grund für die Knappheit ist weniger offensichtlich, als es zunächst scheint. Die Pandemie hatte viele Lieferbeziehungen erschüttert und auch Babynahrung nicht verschont. Schon zu Beginn des Jahres waren manchmal Markenprodukte knapp, was wiederum Kunden zum Horten veranlasste, wenn etwas da war. „Manchmal reicht ein Text in der Müttergruppe auf Facebook, um eine Panik auszulösen”, berichtete die Online-Händlerin Laura Modi dem Wall Street Journal. Supermärkte begannen Verkäufe zu rationieren.

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Richtig schwere Auswirkungen aber hatte die Stilllegung einer Fabrik des Marktführers Abbott in Michigan. Abbott beherrscht als einer der großen Produzenten in Amerika rund 50 Prozent des Marktes, die nächsten drei teilen sich 40 Prozent. Die Produktionsstätte war in Absprache mit der obersten Gesundheitsbehörde FDA schon im Februar dicht gemacht und die produzierte Babynahrung zurückgerufen worden. Denn bei vier Babys waren Cronobacter-Bakterien festgestellt worden, zwei starben. Alle vier hatten Flaschennahrung von Abbott getrunken. Die Fabrik ist immer noch geschlossen, obwohl Einiges dafür spricht, dass sie gar nicht schuld ist: In der Produktion wurden laut Abbott keine speziellen Cronobacter-Bakterien gefunden, nur in anderen Bereichen der Fabrik. Diese wiederum hatten nichts mit den Chronobacter-Bakterien bei den Babys gemein. Sobald FDA die Produktion wieder genehmigt, dauert es zehn Wochen, bis die Babynahrung auf den Regalen steht, meldet Abbott.

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Bei Babymilch ist Amerika abgeschottet

Die Knappheit der Milchnahrung bleibt allerdings trotz des Produktionsausfalls rätselhaft. Abbott selbst fuhr die Produktion in anderen Werken hoch genau wie die Konkurrenz. Auffällig ist allerdings, dass keine nennenswerte Konkurrenz aus dem Ausland zur Entlastung beiträgt. Wo ist Hipp?, mag der Deutsche in Amerika fragen, wo ist Holle, rätselt der Schweizer. „Wir sind mit unserem Hipp-Sortiment nicht in den USA vertreten, denn unsere Ware ist für den amerikanischen Markt nicht registriert“, ließ das Unternehmen mitteilen. Gründe werden nicht genannt.

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Die mangelnde Konkurrenz wirft ein neues Licht auf den amerikanischen Markt: Er ist durch Quoten, Zölle, ein Dickicht an Regularien und staatliche Wohlfahrtsprogramme vom Importwettbewerb abgeschottet. Wer Babymilch-Pulver einführt, muss 17,5 Prozent Zoll zahlen und Quoten berücksichtigen, bei deren Überschreitung zusätzliche Aufschläge entrichtet werden müssen. Für Kanada sind groteske Sonderregeln im noch jungen nordatlantischen Handelsabkommen festgeschrieben, die dem Ziel dienen, Importe einer neuen in Ontario von Chinesen gebauten Fabrik zu behindern, berichtet die Cato-Handelsexpertin Gabriella Beaumont Smith. Mit Erfolg, wie die Handelsbilanz von 2021 zeigt. Amerikas Milchbauern zeigten sich darüber sehr erfreut, teilte ihre Lobbyorgansiation mit. Dazu kommen strenge Auflagen der Gesundheitsbehörde FDA zur Etikettierung und zu den Ingredienzien.

Die Schutzmauer gegenüber Milchnahrung aus Europa ist mindestens fragwürdig, weil amerikanische Eltern offenbar sogar eine Vorliebe für europäische Säuglingsnahrung entwickelt haben. Sie gilt nämlich vielen als weniger gezuckert und generell besser. Das bezeugen hochengagierte Facebook-Gruppen, in denen europäische Besonderheiten wie die Ingredienzien des Pulvers, die Vorzüge der Weidehaltung und Ziegenmilch-Produkte lebhaft diskutiert werden – und ein schwunghafter Schwarzhandel. Vor einem Jahr meldete der amerikanische Zoll stolz, dass er ausgerechnet Hipp- und Holle-Milchpulver im Warenwert von 30 000 Dollar beschlagnahmt hatte, weil sie den amerikanischen Regeln nicht entsprechen. Kommerzielle Importe sind verboten, weshalb amerikanische Onlineshops nun ihren Sitz nach Schweden oder Holland verlegt haben und von dort aus amerikanische Eltern sich an schwedische und holländische Onlineshops wenden, um das kostbare Gut zu ergattern.

Eine weitere Sonderheit des Marktes liegt darin, dass der größte Kunde der Staat ist. Er kauft im Rahmen des vom Agrarministerium gesteuerten Hilfsernährungsprogramm für bedürftige Frauen, Kinder und Säuglinge rund die Hälfte des Milchpulvers. Nur eine kleine Zahl von zertifizierten amerikanischen Produzenten kommt als Vertragspartner in Frage. Zum Gesamtbild gehört auch, dass die Trump-Regierung als Schutzpatron der heimischen Hersteller Aktionen der Weltgesundheitsorganisation zur Förderung des Stillens blockierte. Zuletzt ging die Quote der stillenden Mütter zurück, berichtet der Demograph Lyman Stone.

Quelle: F.A.Z.
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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