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Beschäftigung in Deutschland

In einem Jahr 580.000 neue Arbeitsplätze

Von Georg Giersberg
 - 19:49
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Die deutsche Wirtschaft stellt weiter ein. Das Beschäftigungswunder hält an, aber mit vermindertem Tempo. So lässt sich am Ende des Jahres 2018 die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt zusammenfassen. In diesem Jahr ist Zahl der Arbeitsplätze noch einmal stark gestiegen. Nach einer Zählung des Archivs dieser Zeitung sind in diesem Jahr allein bei Großunternehmen 72.000 neue Stellen geschaffen worden. Das lag nur geringfügig unter den 74.000 neuen Stellen des Jahres 2017. Da aber die Stellenstreichungen stärker zurückgingen als der Stellenaufbau, ist per saldo die Beschäftigung abermals deutlich gestiegen. Die Stellenstreichungen gingen bei den Großunternehmen von 46.000 im vergangenen Jahr auf 35.000 in diesem Jahr zurück. Das bedeutet, dass sich der Beschäftigungsaufbau über das ganze Jahr gerechnet noch beschleunigt hat. Wie an vielen anderen Wirtschaftszahlen (Zahl der Übernahmen, BIP) auch ablesbar, steht in diesem Jahr wirtschaftlich einem starken ersten Halbjahr ein schwächeres zweites Halbjahr gegenüber. Daher vermitteln tagesaktuelle Zahlen aus den vergangenen Wochen ein etwas pessimistischeres Bild.

Das Münchener Ifo-Institut hat jüngst (Ende November) einen „deutlichen Rückgang beim Ifo Beschäftigungsbarometer“ festgestellt. Allerdings heißt Rückgang auch hier nur, dass noch immer die Einstellungen die Stellenstreichungen übertreffen. Das Wachstum des Stellenaufbaus hat sich lediglich verlangsamt. Ifo kommt daher trotz reißerischer Überschrift zu dem Ergebnis, dass „die Zahl der Arbeitnehmer in Deutschland weiter wachsen werde, wenn auch langsamer“.

Fachkräftemangel ist größte Herausforderung

Die Unternehmensberatung EY versieht ihre aktuelle Arbeitsmarktstudie daher auch mit dem Titel: „Das deutsche Beschäftigungwunder geht auch 2019 weiter.“ Auch sie schränkt im Nachgang ein, dass sich der Aufwärtstrend verlangsamt. EY wagt auch eine Prognose für 2019: „Nachdem seit 2007 in Deutschland insgesamt 4,5 Millionen zusätzliche Stellen geschaffen wurden und allein 2018 fast 580.000 Arbeitsplätze dazukamen, dürften im kommenden Jahr weitere 440.000 neue Stellen in Deutschland entstehen.“

Dieser weitere Arbeitsplatzaufbau ist nicht auf Deutschland beschränkt. In der Eurozone seien in diesem Jahr 2,2 Millionen neue Arbeitsplätze hinzugekommen, und im kommenden Jahr erwartet EY einen Anstieg um weitere 1,5 Millionen Arbeitsplätze. Die Zahl der Beschäftigten werde in Europa wie auch in Deutschland einen Rekord erreichen. Die Arbeitslosenquote in der Eurozone sinke in diesem Jahr von 9,1 auf 8,2 Prozent und im kommenden Jahr auf 7,8 Prozent.

Dieser Rückgang der Arbeitslosigkeit und der dafür notwendige Aufbau der Beschäftigung erreicht aber nicht alle Länder in gleichem Maß. So positiv wie hierzulande (Arbeitslosenquote von 4,8 Prozent) sieht es bei den meisten Nachbarn leider nicht aus. Während in Deutschland viele Unternehmen als ihre größte Herausforderung derzeit die Besetzung von Stellen mit Fachkräften ansehen, kämpfen Deutschlands Nachbarn noch immer mit hoher Arbeitslosigkeit.

Nachholbedarf bei Veränderungsbereitschaft

Europa ist auf diesem Feld stark auseinandergedriftet. Während vor der Finanzkrise des Jahres 2008 die großen Länder Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien mit Arbeitslosenquoten zwischen 6,1 und 8,5 Prozent (die niedrigste hatte übrigens damals Italien) noch dicht beieinander lagen, reicht heute die Spannbreite von 3,4 Prozent für Deutschland bis 15,3 Prozent in Spanien. Eine niedrigere Arbeitslosenquote als vor der Finanzkrise weisen heute nur sechs Länder in Europa auf, darunter vor allem Deutschland, die Slowakei, Portugal und Belgien. Zwölf Länder liegen zum Teil erheblich über den Arbeitslosenquoten von damals, darunter vor allem Griechenland, Spanien, Zypern und Italien. „Die gute Wirtschaftsentwicklung der vergangenen Jahre hat zwar europaweit Millionen Menschen in Lohn und Brot gebracht – allerdings fiel der Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt regional sehr unterschiedlich aus. Die Kluft zwischen Arm und Reich, zwischen dem prosperierenden Norden und den südeuropäischen Ländern mit einer immer noch teils sehr hohen Arbeitslosigkeit ist enorm“, konstatiert Bernhard Lorentz, Leiter des Bereichs Government & Public Sector für Deutschland, die Schweiz und Österreich bei EY. Er warnt vor den sozialen Spannungen, die sich aus diesen Verwerfungen innerhalb Europas ergeben können.

Die spannende Frage ist, ob die Digitalisierung an diesem Arbeitsmarkt etwas ändert. Viele Prognosen, häufig mit amerikanischem Hintergrund, gehen in die Richtung, dass die Digitalisierung Arbeitsplätze vernichte. Das ist in Deutschland und Europa derzeit nicht absehbar. „Viele Unternehmen investieren derzeit massiv in die Digitalisierung ihrer Produktion, ihrer Prozesse und ihrer Geschäftsmodelle. Gleichzeitig arbeiten sie aber zumeist noch auf traditionelle Art und Weise“, sagt Lorentz. Diese teilweise Parallelarbeit sei ein Grund für den hohen Arbeitskräftebedarf. „Die echten Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt werden erst im Lauf des kommenden Jahrzehnts sichtbar werden; ein Teil der Aufgaben, die heute von Menschen erledigt werden, übernehmen dann neue Technologien und Prozesse“, ist Lorentz überzeugt.

Aber dieser Wandel muss jetzt vorbereitet werden, vor allem durch interne Weiterbildungsmaßnahmen. „Die Herausforderung der Digitalisierung ist nämlich nicht die Technik, sondern die Veränderungsgeschwindigkeit“, sagt Kay Müller-Jones, Leiter Consulting und Services Integration der Beratung Tata Consulting Services. Unternehmen müssen daher nicht nur neue Stellen schaffen und besetzen, „sondern auch Weiterbildungsangebote schaffen und den Wandel der Unternehmenskultur gestalten“, ist Müller-Jones überzeugt. Die Bedeutung der Daten für die Digitalisierung und ihre Zukunft haben die deutschen Unternehmen nach den Worten von Müller-Jones verstanden.

Derzeit scheint eher die Frage wichtig, ob auch alle Mitarbeiter die Dringlichkeit der Veränderungen erkannt haben. 700 deutsche Personalmanager sehen nach einer Befragung des Bundesverbandes der Personalmanager derzeit „im Bereich der Veränderungsbereitschaft und Flexibilität von Mitarbeitern“ den größten Nachholbedarf. Diese Bereitschaft zur Veränderung müsse künftig schon in der Schule gelegt werden, fordert Elke Eller, Präsidentin des Bundesverbandes der Personalmanager. „Fachwissen, IT-Wissen sowie soziale und personale Kompetenzen inklusive ständiger Veränderungsbereitschaft bilden den Bildungskanon für die digitale Arbeitswelt“, ist Eller überzeugt. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, muss sich auch mittelfristig keine Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen, den muss die Verlangsamung des Stellenaufbaus nicht sorgen, der kann sich sogar auf neue Herausforderungen durch die Digitalisierung freuen.

Quelle: F.A.Z.
Georg Giersberg
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.
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