Serie: Wie wir reich wurden (17)

Der Sieg des Menschen über die Dunkelheit

Von Christian Siedenbiedel
09.01.2010
, 19:33
Und es ward Licht: Die Glühbirne machte nicht nur die Nacht zum Tag, sondern war Schrittmacher der Elektrifizierung
Die Glühbirne hat die Nacht zum Tag und ihren Erfinder reich gemacht - und der Elektrifizierung der Welt den Weg bereitet. Kein Wunder, dass viele Menschen ihr nun, da sie verschwinden wird, ein wenig nachtrauern.
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Auf alten Gemälden sieht man bisweilen Heilige andächtig in den Schein einer Kerze blicken. Solche Bilder lassen erahnen, welch geradezu mystische Bedeutung Kerzen für die Menschen des Mittelalters hatten. In Klöstern konnte bei Kerzenschein auch nachts geschrieben werden. Und am Tisch konnten die Menschen mit einer Kerze auch nach Einbruch der Dunkelheit noch essen. Zugleich aber war das Kerzenlicht immer etwas äußerst Gefährdetes. Es musste behütet und beschützt werden. Ein Windhauch konnte es auslöschen. Und fiel die Kerze um, konnte die ganze Stadt abbrennen.

Vor allem aber war die Leuchtkraft der Kerze äußerst begrenzt. Sie wirkte nur im unmittelbaren Umkreis. Schwer vorstellbar etwa, eine Fabrikhalle oder gar eine Eisenbahn vernünftig mit Kerzen zu beleuchten. Die Kerze war die Lichtquelle einer statischen, sich kaum entwickelnden Welt. Für den Fortschritt war sie ungeeignet. Kein Wunder daher, dass die Erfindung der Glühbirne zu den wichtigsten Innovationen auf dem Weg der Menschheit zum Wohlstand gehörte. Sie war eine jener Entwicklungen der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, die nach einer langen Phase der Stagnation der Weltwirtschaft für ein sprunghaftes Wachstums sorgten.

Praxisreife dank einem Erfinder wie aus dem Bilderbuch

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Zwar hatten schon Vorläufer der Glühbirne - zum Beispiel die aufwendig mit gewaltigen Batterien zu betreibende Bogenlampe, vorgestellt 1851 auf der Weltausstellung in London - neue Möglichkeiten der Beleuchtung geschaffen. Erst mit der Glühbirne aber wurde das künstliche Licht massentauglich.

Jedermann konnte auf einmal billig, zuverlässig und ungefährlich Räume erhellen und so den über Jahrhunderte vorgebenen Rhythmus von Tag und Nacht überwinden. Die Glühbirne machte es möglich, auch nachts zu arbeiten und zu forschen - und so die Produktion und das Wissen zu vervielfachen. Der Mensch emanzipierte sich eine weiteres Mal vom Tier, dem die Selbstbestimmung solcher Rhythmen unmöglich ist.

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Der Mann, mit dem dieser historische Einschnitt in den Geschichtsbüchern verbunden wird, ist Thomas Alva Edison (1847 bis 1931). Ein Erfinder wie aus dem Bilderbuch, mit Studierstube und Holzglobus, der sich vom Zeitungsjungen zum Millionär hochgearbeitet hat. Seine Leistung ist allerdings weniger die Entdeckung der Glühbirnentechnik als vielmehr ihre Weiterentwicklung zur Praxisreife - vor allem aber ihre wirtschaftliche Vermarktung im großen Stil.

Kein genialer Gedankenblitz

Der Selfmademan aus Ohio hatte, nachdem er einige Zeit als Telegrafist bei einer Eisenbahngesellschaft gearbeitet und mit einigen Verbesserungen der Telegraphie Erfolg gehabt hatte, 1876 eine Firma in Menlo Park bei New York gegründet. Sie war auf „Auftrags-Erfindungen“ spezialisiert. „Alle zehn Tage eine kleinere Erfindung, alle sechs Monate eine größere“ war Edisons selbstgestecktes Pensum.

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Edison selbst bezeichnete sich gern als „Industrie-Erfinder“, sein Unternehmen als „Erfinderfabrik“. Nicht Naturerkenntnis stand im Vordergrund seines Strebens, sondern die Entwicklung wirtschaftlich vermarktbarer Produkte aus den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen seiner Zeit. Zugleich war Edison ein moderner Forscher in dem Sinne, dass er weniger auf geniale Gedankenblitze und Eingebungen setzte als vielmehr auf das systematische Durchprobieren vieler neuer Möglichkeiten mit einer umfangreichen Labormannschaft.

So war es auch bei der Erfindung der Glühbirne. Sie wird in der Regel auf das Jahr 1879 datiert. Zu diesem Zeitpunkt hatte Edison 6000 verschiedene Materialien für den Glühfaden seiner Lampe testen lassen und war am Schluss auf einen Kohlefaden gekommen - den allerdings vor ihm auch schon andere verwendet hatten, was später zu Patentstreitigkeiten führen sollte. Schickte man Strom durch diesen schlecht leitenden Kohlefaden, der im Vakuum eines geschlossenen Glasbehälters angebracht war, so gab der Faden Licht ab: Es begann mit ungefähr 25 Watt.

Theatralische Vorführungen zur Tauglichkeit

Experimente mit solchen Glühfäden hatte es auch vorher schon gegeben, etwa von dem nach New York ausgewanderte deutschen Optiker und Mechaniker Heinrich Göbel. Edison aber verhalf dem neuen Produkt zum Durchbruch. Unter anderem, indem er theatralisch inszenierte öffentliche Vorführungen in Menlo Park organisierte, bei denen er seine Glühbirnen 40 Stunden lang ununterbrochen brennen ließ: der praktische Beweis vor aller Welt dafür, dass die Glühbirnen einsetzbar waren und endlich das Experimentierstadium überwunden hatten.

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In der nachfolgenden Zeit revolutionierte die Glühbirne die Welt. Schon Edison war sich bewusst gewesen, dass die Glühbirne ohne eine Infrastruktur der Stromversorgung bedeutungslos bleiben würde. Zwar stieg der Absatz von Dampfgeneratoren mit Dynamo für die Stromerzeugung mit der Erfindung der Glühbirne sofort. Den Durchbruch erlebte das elektrische Licht aber erst, als in Großstädten Kraftwerke gebaut und Stromkabel verlegt wurden.

Die Elektrifizierung von New York war Edisons großer Traum. Ein Projekt, das er noch selbst beginnen durfte. Bis 1882 ließ er unterirdische Kabel verlegen und Amerikas erstes großes Stromkraftwerk mit sechs Dampfmaschinengeneratoren bauen. Im selben Jahr noch wurden die ersten 59 Kunden mit elektrischem Strom versorgt; ein Jahr später waren es 513. Ende 1886 gehörte Edisons Firmengruppe mit 3000 Mitarbeitern und zehn Millionen Dollar Kapital zu den großen Konzernen der Welt.

Die erste Glühbirne im Haus war kostenlos

Von Anfang an stand die Innovation allerdings unter erheblichem Wettbewerbsdruck: Sie musste sich gegen das Gaslicht durchsetzen, das zumindest in größeren Städten Einzug gehalten hatte. Es hatte jedoch unangenehme Eigenschaften: Nicht nur, dass Gas brennen oder explodieren kann. Das Gaslicht verbraucht auch Sauerstoff und heizt die beleuchteten Räume auf, was etwa in Theatern zu Kopfschmerzen und Übelkeit führte. So gehörte das Theater in Boston zu den ersten Gebäuden, die Edison komplett mit elektrischen Glühbirnen ausstattete. Aber auch Hotels waren unter den ersten Kunden, vermögende Privathaushalte und bald auch Fabriken.

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Mit dem Bau immer größerer Kraftwerke wurde die Stromerzeugung zunehmend wirtschaftlicher. Um den Abnehmerkreis für die elektrische Energie zu erweitern und die Gasbeleuchtung zu verdrängen, installierten Elektrizitätsunternehmen in einigen Städten die erste Glühlampe im Haushalt sogar kostenlos.

In Fabriken, Universitäten, selbst auf der Straße: überall sorgte die Glühbirne für mehr Licht. Der Siegeszug des elektrischen Lichts lässt sich auch an der Zahl der produzierten Glühbirnen ablesen: So steigerte die „Allgemeine Electricitätsgesellschaft“, damals einer der führenden Hersteller von Glühbirnen, ihre Produktion von 60.000 Birnen im Jahre 1885 auf mehr als 300.000 im Jahre 1887.

Nun verschwindet ein Wegbereiter der Moderne

Produzieren, Lernen, Leben in der Nacht wurde so komfortabler und vor allem billiger. Zugleich aber hatte die Glühbirne noch eine andere wichtige Funktion im Fortschrittsprozess: Sie war Schrittmacher der Elektrifizierung. Wie so oft bei Innovationen sorgte die erste Anwendung dafür, dass eine Infrastruktur geschaffen wurde. Im Laufe einer weiteren Generation wurden dann vielfältige neue Einsatzmöglichkeiten entwickelt.

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Wo es Kraftwerke gab, wurde es sinnvoll, neben Lampen auch Maschinen mit elektrischem Strom anzutreiben. Oder Straßenbahnen, deren Betriebskosten um die Hälfte billiger waren als die der bis dahin eingesetzten Pferdebahnen. Mit Strom wurde auf einmal alles Mögliche angetrieben, geheizt, befördert. Nur durch den Strom wurden später auch elektrische Automaten möglich, Leuchtreklamen, Fernseher und sogar Computer.

Wenn man sieht, welche Bedeutung die Glühbirne für die Entwicklung unseres Wohlstandes hatte, versteht man vielleicht, warum einige Menschen ihr jetzt ein wenig hinterhertrauern. Wenn die Glühbirne verschwindet, weil ihr Nachfolger, die Energiesparlampe, sie ablöst, dann verschwindet damit auch ein Wegbereiter der Moderne, der uns reich gemacht hat - und unglaublich selbstverständlich wurde. „Die Lampe ist nicht nur ein Produkt, sondern das Zentrum des Hauses, der Geist, der über jeder Stube wacht“, schrieb der französische Philosoph Gaston Bachelard. „Ein Haus ohne Lampe ist so wenig vorstellbar wie eine Lampe ohne Haus.“

Quelle: F.A.S.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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