Serie: Wie wir reich wurden (9)

Wohlstand allein macht nicht glücklich

Von Bruno Frey
16.11.2009
, 20:58
Glück lässt sich messen: Wesentlich sind soziale Kontakte
Im Mittelalter lebten die Menschen in bitterer Armut. Heute hat fast jeder sein Auskommen. Das wahre Glück hängt von anderen Dingen ab: von Arbeit und Freunden. Die ökonomische Glücksforschung reagiert auf diesen Fortschritt.
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Der materielle Wohlstand ist über Tausende von Jahren nahezu unverändert geblieben. Das gilt auch für viele Jahrhunderte unserer Zeitrechnung: Lange lebten die Menschen hungrig, elend und kurz. Dieser Zustand hat sich erst kürzlich und nur in einigen Teilen der Welt geändert.

In den Ländern, in denen die industrielle Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts stattfand, ist der materielle Wohlstand geradezu explodiert, und die Lebenserwartung hat sich gewaltig erhöht. Weite Teile der Menschheit leben aber noch immer in bitterer Armut. Waren und sind Menschen unter diesen Umständen glücklich?

Für die Vergangenheit wissen wir es nicht, damals waren Umfragen über das Glück noch unbekannt. Es nützt auch wenig, frühere literarische Zeugnisse zu konsultieren. Denn die Berichte können zwar gut das Glück oder Unglück einzelner Personen wiedergeben, doch nicht, wie es um die Gesamtheit der Menschen stand.

Aufgrund von Untersuchungen wissen wir jedoch, dass Menschen, die heute in Armut leben, wesentlich weniger zufrieden sind als diejenigen mit hohem Einkommen. Möglicherweise gilt das auch für unsere Vorfahren.

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Vorsicht vor Vergleichen geboten

Allerdings ist Vorsicht geboten: Damals konnten sich die Menschen viel weniger mit reicheren Personen vergleichen. Möglicherweise kam ein solcher Vergleich ihnen gar nicht in den Sinn, denn damals waren die Schichten der Gesellschaft noch stark voneinander getrennt. Erst im heutigen Medienzeitalter lässt sich materieller Wohlstand vergleichen, und die ärmeren Schichten wissen Bescheid über den Lebensstandard der Reichen. Das aber kann Unzufriedenheit fördern.

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Die Volkswirtschaftslehre hat sich aus diesen Gründen auf die Erfassung des materiellen Wohlstands konzentriert und seit dem Zweiten Weltkrieg ein umfassendes Maß dafür gefunden: Mit der makroökonomischen Revolution von Keynes wurde das Konzept des Sozialprodukts entwickelt.

Es misst die in einem Jahr geschaffenen Güter und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft anhand der Markttransaktionen, mit denen Mehrwert geschaffen wird. Mit Ressourcen an Arbeitskräften und Realkapital werden Rohstoffe und andere Vorleistungen in Güter und Dienstleistungen umgewandelt. Die bezahlten Preise reflektieren dabei den zusätzlichen Nutzen, der Konsumenten und Investoren gestiftet wird. Das Sozialprodukt ist durchaus eine bedeutende Innovation. Wie bei jedem anderen Maß treten jedoch auch hier Probleme auf.

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Sozialprodukt taugt nur eingeschränkt als Maß für Glück

So steigert etwa die Tätigkeit des Staates das Sozialprodukt, wobei aber unberücksichtigt bleibt, inwieweit die staatliche Aktivität den Nutzen der Menschen wirklich steigert. Zudem erhöhen einige Aktivitäten das Sozialprodukt, die aber die Leute schlechterstellen, etwa Autounfälle, die nämlich die wirtschaftliche Leistung der Rettungsdienste erhöhen. Das Sozialprodukt taugt somit als Indikator für wirtschaftliche Aktivität, aber es eignet sich nur eingeschränkt als Maß für Wohlfahrt oder Glück.

In den reichen Volkswirtschaften Europas, Nordamerikas und einiger asiatischer Länder wie Japan und Singapur hat sich nun die Jahrtausende währende Armut ins Gegenteil verkehrt. Wir hungern nicht mehr, sondern verfetten. Die Menschen leben so lange, dass die Jungen gar nicht mehr wissen, wie sie mehr erwirtschaften sollen, um die Renten der Alten zu bezahlen. Dieser Wandel ist Folge der gewaltigen materiellen Fortschritte unseres Wirtschaftssystems.

Die ökonomische Glücksforschung nimmt sich dieser neuen Entwicklung an. Neu ist der empirische Ansatz: Es soll auch gemessen werden, wie glücklich Menschen sind. Glück lässt sich in der Tat messen, mit verschiedenen Methoden: Am wichtigsten sind direkte Befragungen. Sie gehen davon aus, dass Glück von Mensch zu Mensch unterschiedlich verstanden wird. Die meisten Studien fragen daher: "Alles in allem genommen, wie zufrieden sind Sie mit dem Leben, das Sie führen?" Die Befragten können auf einer Skala von 0 ("total unzufrieden") bis 10 ("total zufrieden") antworten.

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Glück und Gehirnströme

Entgegen vieler Befürchtungen sind die Antworten verlässlich. Wer sich als zufrieden bezeichnet (also einen Wert von 7 bis 10 angibt), lacht tatsächlich mehr, ist optimistischer und sozial aufgeschlossener, hat weniger Probleme am Arbeitsplatz und eine geringere Tendenz zum Selbstmord. Er ist letztlich auch gesünder und wird seltener krank. Er müsste also wirklich glücklicher sein.

Die Forschung erhebt aber auch die Zeitdimension und fragt, in welchem Zeitanteil sich eine Person glücklich nennt und in welchem unglücklich. Bei anderen Messungen tippen die Befragten zu zufällig ausgewählten Zeitpunkten in ihr Handy, wie glücklich sie sich gerade fühlen. Schließlich wird das Glück auch anhand von Gehirnströmen gemessen. Jeder dieser Methoden erfasst unterschiedliche Aspekte des Glücks: kurzfristige Stimmungen oder langfristige Gesamteinschätzungen.

Messungen des Glücks wurden in vielen Ländern und Zeitperioden unternommen. Im Durchschnitt erweisen sich heute die Dänen als die zufriedensten, gefolgt von den Schweizern. Schweden, Holländer, Amerikaner und Briten bezeichnen sich als etwas weniger zufrieden, ebenso die Deutschen. Deutlicher zurück liegen Franzosen, Österreicher und Japaner.

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Die Lebenszufriedenheit lässt sich mit dem materiellen Wohlstand in Beziehung setzen. Verschiedene Erkenntnisse sind statistisch gut gesichert und gelten für viele Länder. Etwa, dass Menschen mit höherem Einkommen glücklicher sind als mit niedrigem. Geld macht also glücklich, allerdings gilt dies nur im unteren Einkommensbereich. Wer arm ist und sich materiell verbessert, erlebt einen deutlichen Anstieg der Zufriedenheit. Wer hingegen schon ein gutes Einkommen hat, wird durch mehr Geld kaum noch glücklicher.

Diese positive Beziehung zwischen Einkommen und Lebenszufriedenheit zeigt sich auch zwischen Ländern. In Staaten mit geringem Pro-Kopf-Einkommen wie Weißrussland oder Zimbabwe bezeichnen sich die Menschen als wesentlich unzufriedener als in Ländern mit höherem Einkommen.

Geld und Gewöhung

Betrachtet man jedoch die Entwicklung über die Zeit, ergibt sich ein anderes Bild: Wer mehr Einkommen erhält, wird zuerst zufriedener, aber der Effekt schwächt sich über die Zeit merklich ab. Zum einen gibt es einen Gewöhnungseffekt. Zum anderen vergleichen sich Menschen stets. Verdienen auch alle anderen Personen mehr, freut man sich über den eigenen Einkommenszuwachs weniger.

Die wissenschaftlichen Untersuchungen zeigen deutlich, dass nicht nur Materielles unser Glück bestimmt. Insbesondere die Arbeitslage ist ein entscheidender persönlicher Glücksfaktor. Im politischen Bereich bringen Beteiligungsrechte wie in Demokratien Zufriedenheit. Ganz wesentlich sind soziale Kontakte: Ein glückliches Familienleben und gute Freunde bedeuten Glück. Materieller Wohlstand allein reicht Menschen also nicht.

Der Autor ist Professor an der Universität Zürich und am Center for Research in Economics, Management and the Arts

Quelle: F.A.S.
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