Personalabbau in Wolfsburg

Chipmangel lässt Volkswagens Gewinn sinken

28.10.2021
, 09:12
Endmontage bei Volkswagen in Dresden
Volkswagen leidet unter Materialengpässen. Konzernlenker Diess will Stellen im Stammwerk streichen und hat auch noch Ärger mit dem Betriebsrat.
ANZEIGE

Volkswagen muss inmitten der Transformation einen Rückschlag einstecken und senkt seine Absatzerwartungen für das laufende Jahr. Wegen des anhaltenden Chip-Mangels fiel das operative Ergebnis vor Sondereinflüssen im dritten Quartal um zwölf Prozent auf rund 2,8 Milliarden Euro. Analysten hatten nach Daten von Refinitiv einen geringeren Rückgang erwartet.

ANZEIGE

Im Stammwerk in Wolfsburg will Volkswagen weitere Stellen streichen. Es werde „etwas Personalabbau“ geben, sagte Konzernchef Herbert Diess am Donnerstag bei einer Telefonkonferenz mit Journalisten. In einigen Bereichen würden durch die Umstellung auf den Bau von Elektroautos deutlich weniger Arbeitskräfte benötigt. Die Höhe des Personalabbaus bezifferte er nicht. Ein neues Sparprogramm sei nicht geplant.

Wegen der Versorgungsengpässe und Lieferausfällen bei elektronischen Bauteilen müssen die Wolfsburger Abstriche bei den Auslieferungen machen: Diese würden im laufenden Jahr nur noch auf dem Niveau des Vorjahres liegen, teilte Volkswagen am Donnerstag mit. Bisher war der Absatz spürbar über dem Vorjahresniveau erwartet worden. Im Frankfurter Frühhandel büßten die VW-Aktien knapp zwei Prozent ein.

Andere hatten auch Gewinnrückgänge

Die nach dem Rekordgewinn zur Jahresmitte angehobene und Rendite-Prognose für 2021 bekräftigte Volkswagen dennoch. Demnach erwartet der Konzern sowohl vor als auch nach Sondereinflüssen eine Rendite zwischen sechs und 7,5 Prozent. Der Konzernumsatz soll deutlich über dem Vorjahr liegen. Mit seiner Quartalsbilanz schlug sich Europas größter Autobauer noch vergleichsweise gut. Die US-Rivalen Ford und GM hatten deutlich größere Gewinneinbrüche erlitten.

ANZEIGE

Herbert Diess forderte, bei der Transformation hin zu einer klimaneutralen, digitalen Mobilität nicht nachzulassen: „Die Ergebnisse des dritten Quartals zeigen einmal mehr, dass wir die Verbesserung der Produktivität im Volumenbereich jetzt konsequent vorantreiben müssen. Wir sind fest entschlossen, unsere starke Stellung gegenüber etablierten und neuen Wettbewerbern zu behaupten.“ Finanzvorstand Arno Antlitz ergänzte, der Halbleiterengpass habe im dritten Quartal deutlich vor Augen geführt, dass Volkswagen noch nicht widerstandsfähig gegen Auslastungsschwankungen sei.

Materialengpässe ziehen sich noch hin

Volkswagen musste in den vergangenen Monaten wegen fehlender Teile wiederholt die Bänder anhalten und Mitarbeiter vorübergehend nach Hause schicken. Im Stammwerk Wolfsburg sind nach Betriebsratsangaben viele Beschäftigte verunsichert und bangen um ihre Jobs. Während der Kurzarbeit fallen die sonst üblichen Zuschläge weg, auf die viele Menschen in der Region bauen. Neben Materialengpässen, die sich nach Meinung von Experten bis ins nächste Jahr hinziehen dürften, muss das Werk die Transformation bewältigen. Wolfsburg hat als eines der wenigen VW-Werke noch keinen Zuschlag zum Bau eines volumenfähigen Elektroautos, das für genügend Auslastung sorgen könnte.

VW-Chef Diess bleibt nach Kritik in Wolfsburg.
VW-Chef Diess bleibt nach Kritik in Wolfsburg. Bild: dpa

Für zusätzliche Unruhe hatten zuletzt Aussagen von Konzernchef Herbert Diess gesorgt, der in Deutschland bis zu 30.000 Arbeitsplätze in Gefahr sieht, wenn der von ihm vorangetriebene Umbau von Volkswagen zu einem führenden Hersteller von E-Autos und softwarebasierten Diensten nicht gelänge.

ANZEIGE

Jetzt doch nicht nach Amerika

Diess hat jetzt nach deutlicher Kritik aus dem Betriebsrat doch seine Teilnahme an der Betriebsversammlung Anfang November in Wolfsburg angekündigt. Eine eigentlich für kommende Woche geplante Reise in die USA ist abgesagt, wie ein Unternehmenssprecher am Mittwoch auf Anfrage bestätigte. Die neue Betriebsratsvorsitzende Daniela Cavallo hatte zuvor das Fernbleiben des Konzernchefs von der Unternehmensversammlung öffentlich kritisiert.

Konzernchef Diess werde am 4. November in Wolfsburg sein und sich den Fragen der Mitarbeiter stellen, sagte der Unternehmenssprecher. Eine für den Donnerstag geplante eigene Dialogveranstaltung sei kurzfristig abgesagt worden. Cavallo hatte die Absage und den eigenen Gesprächstermin zuvor mit deutlichen Worten kritisiert: „Herbert Diess zieht die Investoren an der Wall Street der eigenen Belegschaft vor.“ Dieses Verhalten sei in der Geschichte des Konzerns beispiellos und zeige, dass Diess selbst in dieser Krise weder Empathie noch Gespür für die Situation der Belegschaft habe. „Diese Provokation zeigt uns, dass Herr Dr. Diess weiterhin keinerlei Interesse an einer konstruktiven Zusammenarbeit hat."

Der Betriebsrat in Wolfsburg ist alarmiert, weil das VW-Hauptwerk nicht ausgelastet ist. 2021 könnte hier so wenig produziert werden wie zuletzt Ende der 1950er Jahre. Die Belegschaftsvertretung verlangt schon länger ein weiteres Elektromodell neben dem Projekt „Trinity“, das ab 2026 kommen soll - später als zunächst geplant.

Quelle: Reuters/dpa-AFX
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE