Wirtschaft wächst rasant

Amerika impft sich aus der Krise

Von Winand von Petersdorff, Washington
02.04.2021
, 17:42
Mehr als 6 Prozent Wachstum in diesem Jahr, 900.000 neue Arbeitsplätze im März – Amerikas Wirtschaft geht es deutlich besser. Das liegt auch an den riesigen Konjunkturpaketen. Doch eine Forscherin warnt: Viele Menschen profitieren nicht.

Stimuliert durch Staatsprogramme und schnelle Fortschritte beim Impfen der Bevölkerung steuern die Vereinigten Staaten auf einen Wirtschaftsboom zu. Die jüngsten Arbeitsmarktdaten bestätigen den Trend. Rund 900.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstanden laut Regierungsangaben im März. Damit sank die Arbeitslosenquote von 6,2 auf 6 Prozent.

Neue Stellen entstanden in fast allen Branchen. Am stärksten wuchs aber die Beschäftigtenzahl in Sektoren, die besonders unter der Pandemie zu leiden hatten: im Gastgewerbe und im Tourismus. Schon im Vormonat hatte der Arbeitsmarkt mehr Dynamik bewiesen, als professionelle Beobachter kalkuliert hatten. Das Plus hat bei knapp 400.000 Stellen gelegen.

Amerikas Fabriken fahren ihre Produktion auch wegen gestiegener Umsätze hoch: Das „Institute for Supply Management“ meldet, dass der Produktionsindex von 61 im Februar auf 65 im März gestiegen ist. Der Index wird aus Kennzahlen für die Bestellung von Industriegütern, das Lagerhaltungs-Niveau, die Produktionsauslastung und Rohstoffpreise gebildet. Schon ein Index oberhalb von 50 bedeutet, dass die Industrie expandiert.

Staatshilfen betragen ein Fünftel der Wirtschaftsleistung

Die Expansion wird vorangetrieben durch die amerikanischen Konsumenten, die sich wieder trauen einzukaufen. Dabei helfen die staatlichen Hilfsprogramme, die seit März vergangenen Jahres nicht nur Arbeitslose über Durststrecken hinweg helfen, sondern auch viele vollbeschäftigte Haushalte mit zusätzlichen Mittel ausgestattet haben, während Konsummöglichkeiten eingeschränkt waren.

Die Denkfabrik „Peterson Institute for International Economics„ beziffert die Staatshilfen auf insgesamt 20 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes. Dazu kommt ein Immobilienpreisboom, der für Hausbesitzer mit Eigenheimen in präferierten Lagen zu Vermögensgewinnen geführt hat, die ihre Konsumlust erhöhen könnte. Die Entwicklung ist umso bemerkenswerter, weil das letzte der drei Hilfspakete im Umfang von 1,9 Billionen Dollar erst am 11. März in Kraft gesetzt worden war. Es dürfte deshalb noch keine große Wirkung entfaltet haben.

Fürs ganze Jahr 2021 sagt Karen Dynan, Ökonomin am Peterson Institute, ein Wirtschaftswachstum in Höhe von 6,3 Prozent voraus, im kommenden Jahr wächst Amerikas Wirtschaft der Prognose zufolge dann um 3,5 Prozent. Die EU legt im Vergleich dazu in diesem Jahr nur um 4,4 Prozent zu: Geringere fiskalische Stimuli und Probleme, das Virus zu eliminieren, sind der Hauptgrund. Amerika hat laut dem Portal Our World in Data schon 46 Dosen je 100 Personen verimpft, die EU gerade 17 je 100 Menschen.

Eine K-förmige Erholung

Das vom Weißen Haus in Angriff genommene Infrastrukturprogramm ist dabei nicht berücksichtigt, dürfte aber Dynan zufolge kurzfristig keinen großen Einfluss haben, weil sich die Ausgaben im Volumen von etwa zwei Billionen Dollar über acht Jahre erstrecken. Die Zustimmung des Kongresses ist zudem nicht gesichert.

Als Volkswirtschaft mit hohem Importanteil stimuliert Amerikas Wachstum auch die Wirtschaft von Exportnationen. Das gilt zum Beispiel für Vietnam, dessen Wachstumsprognosen nun verbessert haben.

Die positive Entwicklung bei der Beschäftigung kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass immer noch knapp zehn Millionen Menschen weniger beschäftigt sind als vor einem Jahr, also vor Beginn der Pandemie-Krise. Zudem erfolgt die konjunkturelle Erholung K-förmig. Das heißt, dass einige Branchen oder Gruppen weiter verlieren, während sich andere schon erholen. Neben den Gewinnern fallen viele Familien zurück, so Dynan.

Quelle: FAZ.NET
Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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