Sarrazin rezensiert Bofinger-Buch

Braucht Deutschland den Euro, oder braucht es ihn nicht?

01.10.2012
, 12:53
Der Buchtitel verrät: Für Bofinger gibt es zur Rettung des Euros keine Alternative.
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Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger plädiert in seinem neuen Buch für den Euro. Rezensent <i>Thilo Sarrazin</i> findet: Europa braucht den Euro nicht. Hier prüft er Bofingers Argumente.
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Peter Bofingers neues Buch liefert ein engagiertes Plädoyer für ein sozial gerechteres, auf mehr Einkommensgleichheit gerichtetes Europa in einer gerechteren Weltwirtschaft. Arbeitnehmer und Gewerkschaften sollen wieder mehr Rechte bekommen. Die weltweit gewachsene Rolle liberaler Ordnungsvorstellungen seit Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hält er für falsch. Dabei bezieht er die deutschen Arbeitsmarktreformen, die Anfang des vergangenen Jahrzehnts unter dem Stichwort „Agenda 2010“ durchgeführt wurden, ausdrücklich ein.

Bofinger kritisiert in starken Worten den Versuch, die Wettbewerbsfähigkeit in den Krisenländern des Euroraums durch vergleichbare Reformen zu stärken: „Glaubt man, ein Wachstum ohne Verschuldung realisieren zu können, wenn man die Rechte der Arbeitnehmer unter dem Schlagwort der ,Strukturreformen’, einer Formulierung, an der George Orwell sein Freude gehabt hätte, immer weiter abbaut?“ Damit ist das ordnungspolitische Weltbild des Autors klar, und er macht uns über 170 Seiten wiederholt damit vertraut.

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Neben der sozialen Ungerechtigkeit des liberalen Marktmodells gilt Bofingers zweite große Abneigung den Finanzmärkten - egal ob es sich um internationale Kapitalmärkte, um Märkte für Derivate oder für Staatsanleihen oder um Devisenmärkte handelt. Auch hier durchzieht das ganze Buch eine Kette starker Wortbilder, welche die Verderblichkeit dieser Märkte und Bofingers Abscheu vor ihnen illustrieren sollen. Folgerichtig bestand für ihn die „ökonomische Ratio des Euro (...) darin (...), den für alle Mitgliedsländer so bedeutsamen Handelsaustausch nicht länger dem Kasino des Devisenmarktes auszusetzen“.

Autor Peter Bofinger beim Vorstellen seines neuen Buches in Berlin.
Autor Peter Bofinger beim Vorstellen seines neuen Buches in Berlin. Bild: dapd

Folgerichtig sieht er eine Hauptgefahr eines Auseinanderbrechens des Euro darin, dass die neue deutsche Währung dann aufgewertet werden könnte und Deutschland infolgedessen in eine ähnliche Spirale von Deflation und Unterbeschäftigung getrieben werden könnte. Diese Spirale sieht Bofinger seit Jahrzehnten in Japan am Werk, dessen Wirtschaft durch den auf dem Yen lastenden Aufwertungsdruck stranguliert werde. All dies liest sich locker und flüssig.

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Der für die Architektur des Buches zentralen Argumentation hätte es aber gutgetan, wenn Bofinger etwas stärker auf die Fakten eingegangen wäre und dabei einen Blick in die Wirtschaftsgeschichte geworfen hätte: Als das Währungssystem von Bretton Woods Ende der 60er Jahre zuerst knirschte und dann zusammenbrach, hörten sich die Warnungen von Franz-Josef Strauß, Helmut Schmidt oder dem damaligen Bundesbank-Präsidenten Karl Klasen genauso an wie jetzt die von Peter Bofinger. In nur wenigen Jahren wertete die D-Mark damals gegenüber dem Franc um 30 Prozent, dem Dollar und der Lira um 40 Prozent und dem Pfund um 50 Prozent auf.

Gleichwohl brachten die turbulenten 70er Jahre einen Anstieg des deutschen Exports um 180 Prozent. In den gleichfalls von Wechselkursbewegungen und europäischen Währungskrisen gekennzeichneten 80er und 90er Jahren stieg der deutsche Export jeweils um gut 80 Prozent. Dagegen wuchs der deutsche Export in der Euro-Ära von 2000 bis 2010 „nur“ um 60 Prozent, und das deutlich verlangsamte Exportwachstum fand vor allem außerhalb des Euroraums statt. Divergierende Theorien sind legitim, aber man sollte sie doch stets an der Wirklichkeit testen.

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Krasser noch ist das angebliche Negativ-Beispiel Japan, dessen schreckliches Aufwertungs-Schicksal nach Bofingers Befürchtung Deutschland droht, sollte der Euroraum zerbrechen. Nur ist die von Bofinger beklagte Yen-Aufwertung in der Wechselkursstatistik der EZB nicht zu finden: Ende 1999 kostete ein Euro 103 Yen, Ende 2011 waren es 100 Yen. Zwischendurch allerdings hatte der Yen stark abgewertet, so dass Japans Industrie gegenüber dem Euroraum über weite Strecken gar deutliche Wechselkursvorteile genoss. Woran immer die Stagnation Japans liegt, es ist jedenfalls nicht der Wechselkurs.

Kernbehauptung widerlegt

Bofingers Kernbehauptung, ein Fehlen von Wechselkursbewegungen sei gut für den Außenhandel, Wechselkursschwankungen dagegen, gar noch mit Aufwertungstendenz, seien schlecht, kann durch den einfachen Blick in Basisstatistiken widerlegt werden. Da muss man nicht einmal die Außenhandelstheorie bemühen. Gegenüber dem Dollar hat der Euro seit 1999 bis Ende 2011 um 30 Prozent aufgewertet, gegenüber dem Pfund um 37 Prozent, beides hat dem Außenhandel nicht geschadet. Die Tschechische Krone wiederum ist seit 1999 gegenüber dem Euro im Wert um 29 Prozent gestiegen, gleichwohl wächst der deutsche Handel mit Tschechien in beiden Richtungen schneller als der Handel mit den Krisenländern des Euroraums.

Trotzdem warnt Peter Bofinger zu Recht davor, mit dem Auseinanderbrechen des Euroraums leichtfertig zu spielen, und die Passagen, in denen er die verschiedenen Handlungsalternativen beleuchtet, gehören zu den besten des Buches. Bofinger ist ein Befürworter der Strategie der EZB, die Märkte für Staatsanleihen durch Ankäufe von Anleihen der Krisenländer zu beruhigen. Inflationsgefahren aufgrund der Ausrichtung der EZB-Politik spielt er herunter. Die Gefahr eines Moral Hazard, also negativer Rückwirkungen auf die Reform- und Konsolidierungsbemühungen der Krisenländer, spricht er zwar an. Aber sie scheint ihn nicht übermäßig zu beunruhigen.

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Bofinger möchte den beschlossenen europäischen Fiskalpakt weiterentwickeln. Ein europäischer Finanzminister soll in das Abgabe- und Steuerrecht der Euroländer notfalls eingreifen können, um fiskalische Haushaltsziele zu erreichen. Bei solch einer Einschränkung der nationalen Fiskalautonomie sieht Bofinger es als vertretbar an, im Euroraum letztlich zu einer gemeinsamen Haftung für Staatsschulden zu kommen

Thilo Sarrazin ist Publizist, zuletzt erschien sein Buch: „Deutschland braucht den Euro nicht“.
Thilo Sarrazin ist Publizist, zuletzt erschien sein Buch: „Deutschland braucht den Euro nicht“. Bild: dpa

Im Hinblick auf die Stabilität der Währungsunion hält er eine Haftungsunion sogar für unabdingbar. Der Rezensent ist zwar an dieser Stelle völlig anderer Meinung, er hätte sich aber gewünscht, dass Bofinger diese Überlegungen näher und konkreter ausgeführt hätte. An diesen Fragen wird sich nämlich das Schicksal der Währungsunion entscheiden, wenn man nicht zum strikten No-Bail-out-Prinzip zurückkehrt. Das lehnt Bofinger nämlich ab.

Bei der Bemühung, die bereits eingegangenen und künftig noch einzugehenden Haftungsrisiken herunterzuspielen, verliert sich Bofinger allerdings in unhaltbaren Vergleichen: Er setzt das Risiko der Devisenguthaben, die Überschussländer wie China, Japan oder Schweiz insbesondere gegenüber dem Dollarraum anhäufen, mit den Risiken gleich, die Deutschland mit seinen EFSF- oder ESM-Bürgschaften oder durch die wachsenden Target-2-Salden der Bundesbank eingeht.

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Das ist absurd. Devisenguthaben, ob in Dollar oder in anderen Währungen, sind nämlich jederzeit liquide. Sie unterliegen zwar Kurs- und Inflationsrisiken, niemals aber einem Solvenzrisiko. Nichts hindert zudem etwa die Schweiz, aber auch andere Überschussländer daran, ihre Devisenreserven ganz oder teilweise in einen SovereignWealth-Fonds einzubringen, ähnlich wie es Norwegen und andere Erdöl produzierende Staaten tun. Deutschland ist dagegen mit seinen Haftungsrisiken gefangen. Würde es sich bei den Target-2-Salden oder den ESM-Verpflichtungen um liquide marktfähige Assets handeln, wären diese Haftungen ja nie entstanden.

Bofinger reibt sich an Sinn

Wiederholt reibt Bofinger sich in seinem Buch an Hans-Werner Sinn. Man merkt, dass er dort, auch jenseits der Euro-Fragen, quer über alle seine Themen hinweg den großen Gegner sieht. Dessen Vorschlag, die Target-2-Salden zwischen den nationalen Notenbanken des Euroraums in ähnlicher Weise zu begrenzen, wie dies zwischen den Mitgliedern des Federal-Reserve-Systems in Amerika praktiziert wird, kritisiert er als „Symptom-Therapie“.

Das ist folgerichtig, denn er möchte ja gerade die schmerzlichen Anpassungsprozesse nicht, die Sinn dabei im Auge hat. Naiv mutet Bofingers Überzeugung an, die Target-2-Salden würden sich „dann wieder zurückbilden, wenn ein klares und glaubhaftes Bekenntnis aller Mitgliedsländer zum Fortbestand der Währungsunion gegeben wird, das die Bereitschaft zu einer stärkeren fiskalischen Integration unbedingt voraussetzt“. Daran wird deutlich: Am Grunde der Meinungsunterschiede zur Währungsunion ruhen eben auch unterschiedliche Glaubensüberzeugungen.

Peter Bofinger: Zurück zur D-Mark? Deutschland braucht den Euro. Droemer, 18 Euro.

Quelle: F.A.S.
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