Ärzte

Geben und Nehmen in der Praxis

Von Harald Czycholl und Carsten Germis
06.09.2009
, 11:14
Ein weißer Kittel macht noch lange keine weiße Weste
Ärzte sind anfällig für Korruption - das zeigt der neueste Fall spektakulär. Mediziner kassieren bei Krankenhäusern, Pharmafirmen und Sanitätshäusern. Das System ist verführerisch.
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Ärzte helfen und heilen, opfern sich in Nachtdiensten auf und machen Hausbesuche. Sie genießen ein hohes Prestige - einerseits. Andererseits sind sie immer wieder in Bestechungsskandale verwickelt. Der neueste Fall ist spektakulär: Die Mediziner haben Fangprämien von Kliniken kassiert, damit sie Patienten dort einweisen. "Im Prinzip holen die Krankenhäuser jetzt nach, was die Pharmaindustrie seit Jahren macht", sagt Rolf Rosenbrock, der am Wissenschaftszentrum in Berlin forscht und dem Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen angehört. "Die Pharmaindustrie entlohnt Ärzte dafür, dass sie den Patienten deren Produkte verschreiben. Die Krankenhäuser belohnen sie dafür, dass sie ihnen Patienten senden."

Bekannt wurden die neuen Fälle durch einen Zufall. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Urologie, Manfred Wirth, machte in einer Pressemitteilung auf den Missstand aufmerksam, weil er auf der Jahrestagung seiner Organisation in der kommenden Woche eben über jenen von Ärzten an Kliniken "verkauften Patienten" sprechen sollte. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte den Fall recherchiert und als Erste über den Missstand berichtet: "Immer mehr Ärzte verkaufen ihre Patienten."

„Eine besorgnisserregdne Größenordnung“

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Nach Angaben von Wirth machen diese "Fangprämien" das bis zu Zehn- und Zwanzigfache dessen aus, was ein Urologe ansonsten im Quartal für die Behandlung eines Kassenpatienten bekommt. Kein Wunder, dass da einige Ärzte schwach werden. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft schätzt, dass für fünf Prozent aller Klinikeinweisungen Prämien fließen. Das wären 2008 rund 890 000 Fälle gewesen. "Das ist eine Größenordnung, die besorgniserrregend ist", heißt es in der Krankenhausgesellschaft. Vor allem in Städten, in denen es viele Kliniken gibt, blüht die Korruption. Denn die Kliniken, die seit einiger Zeit pro Fall feste Pauschalen bekommen, werben händeringend um Patienten.

Korruption im Gesundheitswesen ist nichts Neues, auch wenn der neueste Fall erstaunlich flächendeckende Strukturen offenlegt. Rosenbrock erzählt gern eine Geschichte aus seiner Jugendzeit, als ein Hausarzt eine Patientin mit einer Überweisung im verschlossenen Kuvert zu einem Kollegen schickte. Der bot der Patientin einen Platz an, öffnete den Umschlag und las den Überweisungsbrief: "Lieber Herr Kollege, hier schicke ich Ihnen eine fette Gans, nehmen Sie sie gut aus."

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Die Gründe, warum das Gesundheitswesen für Korruption anfällig ist, liegen auf der Hand: Es ist intransparent, es gibt keine richtige Qualitätskontrolle, und statt über Wettbewerb wird das System über die Ärzte gesteuert, die allein über Verschreibungen von Arzneimitteln oder Krankenhauseinweisungen entscheiden. Diese Intransparenz ist das Einfallstor für die Korruption. Weil der Patient nicht weiß, welches Krankenhaus gut ist, verlässt er sich auf seinen Arzt. Wer ahnt denn, dass der möglicherweise nur seine "Fangprämie" im Blick hat? Da bei der Korruption beide - Nehmer und Geber - profitieren, wird sie selten bekannt.

Dass die Ärzte sich im Netz der Korruption verstricken, liegt auch daran, dass die Grenzen von legal zu illegal fließend verlaufen. Integrierte Versorgung, also die engere Zusammenarbeit von niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern, wird von der Politik gefördert. Wenn Arztpraxen in diesem Rahmen von Kliniken Geld bekommen, weil sie ihnen bei der Vor- oder Nachbehandlung der Patienten Arbeit abnehmen, kann das sinnvoll sein. Zur Korruption wird es erst, wenn ohne weitere Gegenleistung allein für die Einweisung Geld fließt.

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Ärzte geben der „Kommerzialisierung“ die Schuld

Die Ärzte suchen die Ursachen lieber anderswo: "Kommerzialisierung und übertriebene Wettbewerbsorientierung im Gesundheitswesen sind wesentliche Ursache des Problems", stellen Bundesärztekammer, Krankenhausgesellschaft und Kassenärztliche Bundesvereinigung gemeinsam fest. Dabei ist es gerade der fehlende Wettbewerb, der einzelnen Ärzten den Missbrauch ermöglicht. Das Bundeskriminalamt hält Straftaten im Gesundheitswesen nicht für Kavaliersdelikte. "Die Fehlverhaltensfälle haben eine Größenordnung angenommen, die konsequent angegangen werden muss." Die Bundesregierung hat auch wegen dieser Einschätzung schon mit der Gesundheitsreform neue Stellen eingerichtet, die solches Fehlverhalten bekämpfen sollen. Bisher offenbar erfolglos.

Die Korruptionsjäger von Transparency International schätzen, dass die Korruption im Sektor Gesundheit sich auf bis zu zweistellige Milliardenbeträge addiert. Das Gesundheitsministerium ist vorsichtiger. Exakte Angaben über den materiellen Schaden ließen sich nicht machen, heißt es dort. Man geht aber "von einer beachtlichen Dunkelziffer aus".

Die Krankenkassen beschäftigen deswegen eigene Ermittler. Nach bestimmten Routinen überprüfen sie, ob die abgerechneten Zahlen plausibel erscheinen. Vergleichbar mit einer Rasterfahnung, werden auffällige Rechnungen ausgesiebt und noch einmal genau unter die Lupe genommen. "Wir können aber nicht alle Rechnungen überprüfen", schränkt ein Sprecher der Barmer-Ersatzkasse ein. Dennoch decken die Kassen-Fahnder immer mehr Betrugsfälle auf. Gab es 2005 noch 351 Rückzahlungsaufforderungen der Barmer gegen Ärzte und andere Leistungserbringer, waren es ein Jahr später schon 997 Fälle. 2007 wurden 2875 Betrugsfälle aufgedeckt, im vergangenen Jahr gar 3217.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Germis, Carsten (cag.)
Carsten Germis
Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.
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