Armenbegräbnisse

Ruhe sanft und billig

Von Christoph Schäfer
23.11.2013
, 16:21
In langer Reihe und bald vergessen: Urnengräber in Frankfurt
Jedes Jahr werden Zehntausende Arme auf Staatskosten beerdigt. Der Übergang zwischen Sparsamkeit und Würdelosigkeit ist dabei fließend.
ANZEIGE

Herr Glöckner ist tot. Aber es interessiert niemanden. Nur sein Totengräber ist da, um ihn zu beerdigen. Ansonsten niemand. Weder Ehefrau noch Kinder, weder Eltern noch Freunde, weder Bekannte noch ein Priester sind an diesem kalten Novembermorgen zur Trauerhalle auf dem Frankfurter Parkfriedhof Heiligenstock gekommen. Die Beerdigung beginnt um 10 Uhr. Totengräber Francesco Russo wartet ein paar Minuten, ob nicht doch noch jemand kommt.

Um 10.05 Uhr gibt er die Hoffnung auf und marschiert los. Russo trägt einen schwarzen Anzug, die Urne hält er in der Hand, sie ist mit einem lila Tuch aus Samt verhüllt. Um 10.12 Uhr hat Russo das Grab erreicht. Der Totengräber klemmt seinen Hut unter den Arm, zieht das Tuch von der Urne und legt es ins Gras. Sekunden später lässt er die sterblichen Überreste an einer schwarzen Schnur in das vorbereitete Erdloch hinab. Russo verbeugt sich tief, hält anschließend aber nicht inne. Mit einer roten, am unteren Ende rostigen Schaufel schüttet er das Erdloch in weniger als zwei Minuten zu.

ANZEIGE

Russo stellt die Schaufel ab und steckt ein kleines Kreuz aus Fichtenholz in den gerade aufgeschütteten Erdhaufen. Ein letzter professioneller Blick, dann nimmt der Totengräber das Samttuch wieder auf und geht zurück zur Trauerhalle. Ein Gebet wird nicht gesprochen, auch ein stiller letzter Gruß bleibt aus. Es ist 10.17 Uhr, die Beerdigung ist vorbei.

Jährlich Zehntausende Armenbegräbnisse

„Es ist wirklich traurig“, sagt der Totengräber später. „Einfach Urne rein und tschüss.“ Gebetet habe er nicht, weil er die Konfession des Verstorbenen nicht kenne. „Und es ist schwer, um jemanden zu trauern, den man nicht kennt.“ Ein gutes Gefühl hat Russo trotzdem nicht: „Wenn meine Beerdigung auch so abliefe, das wäre schon bitter.“

ANZEIGE

Der verstorbene Jürgen Glöckner ist einer von Zehntausenden armen Menschen, die jedes Jahr auf Kosten der Sozial- und Ordnungsämter beerdigt werden. Allerdings werden die Toten nicht gleich behandelt. Die Behörden unterscheiden zwei Möglichkeiten: Wenn der Verstorbene noch Verwandte hat, diese aber auch arm sind, übernimmt das Sozialamt auf Antrag die Kosten der Beisetzung. Dann gibt es eine sogenannte Sozialbestattung. Wenn die Behörden keinen Verwandten mehr ermitteln können und sich auch sonst niemand kümmert, verfügen sie eine „ordnungsbehördliche Bestattung“.

Knapp 56 Millionen Euro für Sozialbestattungen

Wie viele Verstorbene genau auf Staatskosten begraben werden, lässt sich nicht sagen. Das Statistische Bundesamt erhebt lediglich, wie vielen Menschen das Sozialamt Geld für eine Beerdigung gegeben hat. Die Zahl der Bestatteten dürfte etwas geringer sein. Völlig eindeutig ist hingegen die Entwicklung: Seit die gesetzlichen Krankenkassen 2004 das Sterbegeld aus ihrem Leistungskatalog gestrichen haben, steigen die Zahlen rasant an. Im Jahr 2005 halfen die Behörden 7695 Angehörigen mit einer Sozialbestattung aus. Sechs Jahre später hat sich die Zahl auf 23032 verdreifacht.

ANZEIGE

Knapp 56 Millionen Euro gaben die Kommunen dafür aus. Wie viele Menschen auf Anordnung der Ordnungsämter beigesetzt werden, wird nicht zentral erfasst. Die jeweils zuständigen Kommunen geben die Zahlen zudem nur widerwillig oder gar nicht bekannt. In einer Diplomarbeit von 2010 werden für die Städte Köln, Hannover und München insgesamt 1380 ordnungsbehördliche Beerdigungen im Jahr ausgewiesen. Nach übereinstimmenden Angaben von Bestattern sind es in der Armen-Hochburg Berlin etwa 2500 im Jahr.

Zwischen Sparsamkeit und Würdelosigkeit

Bescheiden geht es in beiden staatlichen Bestattungsvarianten zu, schließlich sind die Behörden gehalten, mit dem Geld der Steuerzahler sparsam umzugehen. Manchmal übertreiben sie aber. Irgendwann schlägt Sparsamkeit in Geiz um. Dann wird aus einer preiswerten Bestattung eine würdelose Veranstaltung. Wo genau die Grenze verläuft, was genau zu einer anständigen Beerdigung gehört, hängt vom persönlichen Empfinden ab. Und vom Geldbeutel der Kommune.

Am geizigsten zeigt sich die Hauptstadt. Berlin zahlt für Sozialbestattungen die Friedhofsgebühren und gegebenenfalls das Krematorium. Darüber hinaus muss eine Pauschale von maximal 750 Euro reichen. „Auf eine schöne Trauerfeier oder einen Grabstein können Sie da nicht hoffen“, sagt Fabian Schaaf, Geschäftsführer des Portals Bestattungen.de. Die Stadt Köln gewähre mit 1465 Euro fast das Doppelte. München und Essen lägen mit knapp 1000 Euro für den Bestatter im Mittelfeld.

ANZEIGE

Nach Angaben des Sozialministeriums in Wiesbaden ist es auch in Hessen sehr unterschiedlich, wie viel Geld die Städte und Gemeinden für einen arm Verstorbenen ausgeben. In etwa zahlten sie 1100 bis 2400 Euro. „Ob Menschen mit geringem Einkommen ihre Angehörigen würdig beerdigen können, hängt von der Kassenlage der jeweiligen Gemeinde ab“, kritisiert Schaaf.

„Da geht es zutiefst unehrenhaft zu“

Genau wie das Kuratorium Deutsche Bestattungskultur fordert er einen bundesweit einheitlichen Leistungskatalog für Sozialbestattungen: „Der günstigste Kiefernsarg muss reichen. Eine kleine Trauerfeier und zumindest eine Plakette mit dem Namen des Verstorbenen sollte es aber schon sein.“ So berechtigt die Mahnungen sind – die Standards einer ordnungsbehördlichen Bestattung liegen wesentlich niedriger.

„Da geht es zutiefst unehrenhaft zu“, so Rüdiger Kußerow, der Vorsitzende der Berliner Bestatterinnung. Kußerow führt seit mehr als 30 Jahren die vom Großvater gegründete Pietät, kennt die Sitten der Branche genau. „Eine ordnungsbehördliche Bestattung, das ist die reine Entsorgung“, sagt er.

ANZEIGE

Knallharter Wettbewerb

Wenn die Zahl der Toten ohne Angehörige hoch genug ist, muss eine Kommune den Auftrag öffentlich ausschreiben. Gewöhnlich ist das ab einer Auftragssumme von 50.000 Euro der Fall. Die Kommune definiert die Leistungen, die im einzelnen Fall zu erbringen sind, und muss den Auftrag anschließend dem Unternehmer mit dem niedrigsten Gebot erteilen. Das Verfahren führt zu einem Wettkampf um den günstigsten Preis, bei dem die Würde der Verstorbenen oft mit begraben wird.

„Da geht es nicht mehr um Pietät, da geht es knallhart ums Geschäft“, weiß Bestatter Ferdinand Pfahl. Er besitzt mehrere Pietäten in Deutschland und hat die Ausschreibung der Stadt Bonn im vergangenen Jahr für sich entschieden. „Der Wettbewerb um diese Aufträge ist gnadenlos, die Preise sind schamlos“, berichtet Pfahl. Im vergangenen Jahr habe er 390 Euro für jede ordnungsbehördliche Erdbestattung angeboten und den Zuschlag bekommen. „Schuld sind aber die Kommunen. Sie knüppeln uns Bestatter bis auf die Schmerzgrenze herunter.“

Wie in der Serienproduktion laufe das Geschäft „nur über die Masse“. Den Wettlauf nach unten nicht mehr mitzumachen ist für Pfahl keine Option. „Ich führe ein Wirtschaftsunternehmen und muss auch meiner sozialen Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern gerecht werden. Ich muss Geld verdienen, damit ich sie bezahlen kann.“

ANZEIGE

Nackt oder in Tschechien

Um trotz niedrigster Preise noch Geld zu verdienen, lassen einige, die an den Ausschreibungen teilnehmen, ihrer Phantasie freien Lauf. Der Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands sah sich vor ein paar Monaten dazu gezwungen, in einer offiziellen Mitteilung darauf hinzuweisen, dass „die Bestattung unbekleideter Verstorbener“ zu unterlassen sei. Gleiches gelte für „das Fehlen eines angemessenen Grabzeichens und einer angemessenen Grabpflege“ sowie „die ausschließlich durch finanzielle Erwägungen veranlasste Bestattung des Verstorbenen außerhalb seines sozialen Umfeldes“, beispielsweise auf einem billigen Friedhof in Tschechien.

Auch die Behörden sehen die Friedhofsverwalter in der Pflicht: „In jüngster Zeit mehren sich die Fälle, in denen Ordnungsämter aus Gründen der Kostenersparnis zu Praktiken greifen, die rechtswidrig sind. Der Staat hat die Würde des Verstorbenen zu achten und zu schützen.“

„Die Särge halten nur bis zum Krematorium“

Wann genau die Grenzen der Würde verlassen werden, darüber streiten die Bestatter. Für den einen gilt die eiserne Regel: „Pro Fahrt nur ein Verstorbener“. Ein Kollege von ihm hingegen räumt ein, bis zu zwölf Särge in seinem Sprinter zu transportieren. „Das spart viel Geld und ist auch für die Umwelt gut“, sagt er. Mit seinem Namen will er damit aber nicht gerade stehen.

Auch über die Qualität, die ein Sarg mindestens haben muss, lässt sich diskutieren. Die Ausschreibungsunterlagen der Stadt Berlin für die ordnungsbehördlichen Bestattungen schreiben lediglich einen „Sarg mit angemessener Ausstattung“ vor. In der Praxis bedeutet das einen Sarg ohne Griffe, ohne Lackierung, voller Astlöcher und aus billigstem Kiefern- oder Fichtenholz. Eine Schraube vorne, eine hinten. „Das sind Särge, die nur die Fahrt zum Krematorium aushalten“, berichtet Bestatter Kußerow.

Selbst beim Kopfkissen für den Verstorbenen lässt sich sparen. Für zahlungskräftige Kunden wird es mit Daunen gefüllt, bei anderen sind zumindest Sägespäne drin. Nicht verboten sind aber auch Papierschnipsel. In einer großen Halle eines deutschen Produzenten stehen sie säckeweise.

Horr(or)weiler

Eine in den Augen mancher bestimmt besonders geschmacklose Idee ließ sich der Gemeinderat im beschaulichen Horrweiler in Rheinland-Pfalz vergüten. Für 30.000 Euro verpachtete die Kommune einem Krematoriumsbetreiber auf ihrem Friedhof ein Feld für anonyme Urnenbestattungen. Der Unternehmer vergrub darin dicht an dicht 700 orange PVC-Rohre, wie sie auch für Kanalisationen verwendet werden. In jedem Rohr werden drei Urnen gestapelt. Macht 2100 Gräber auf engstem Raum, zu haben für je 200 Euro. „Kann sein“, dass darin auch ordnungsbehördliche Bestattungen ihr Ende finden, sagt Bürgermeister Alfred Linnemann.

Verglichen damit, hat Jürgen Glöckner es gut getroffen. Er hat auf dem Frankfurter Parkfriedhof genau einen Quadratmeter für sich. Bald ist Totensonntag, der Winter steht vor der Tür, der Erdhügel auf seinem Grab wird sich setzen. In einem halben Jahr wird der Gärtner die Erde um sein Grab einebnen und Rasen säen. Das Holzkreuz mit seinem Namen wird etwa zwei Jahre später so verrottet sein, dass Friedhofsmitarbeiter es wegwerfen werden. Dann erinnert nichts mehr an Jürgen Glöckner. Gar nichts.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Kapitalanalge
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement
SUV
Premium-SUVs zum Gebrauchtwagenpreis
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE