Beruf Soldat

Wie die Bundeswehr um junge Leute wirbt

Von Philip Plickert
28.12.2015
, 09:39
Bonbons für Rekruten
Soldaten der Bundeswehr verdienen zwar ganz gut, aber viele zweifeln am Sinn ihres Dienstes. In Frankreich dagegen erleben die Rekrutierungsbüros seit den Terror-Anschlägen einen regen Zulauf.
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Krisenherde löschst Du nicht mit Abwarten und Teetrinken“ steht da auf einem olivgrün-kristallinen Untergrund. Oder: „Grünzeug ist auch gesund für Deine Karriere.“ Ein weiterer Spruch aus der neuen Bundeswehr-Werbekampagne: „Bei uns geht es ums Weiterkommen, nicht ums Stillstehen.“ Sogar eine selbstironische Botschaft an Bundeswehrgegner plakatiert sie: „Wir kämpfen auch dafür, dass Du gegen uns sein kannst.“ Mit 30.000 Plakaten, einigen Riesenpostern und fünf Millionen Postkarten wirbt die Bundeswehr so um Nachwuchs.

Die Kampagne soll neugierig machen – auf das Militär als Arbeitgeber, bei dem man laut Eigenwerbung 4000 Berufe sowohl in Uniform als auch zivil erlernen und ausüben könne. Einige stellt sie auf der Seite „machwaswirklichzaehlt.de“ in Kurzvideos vor: die Kampfpilotin, die sich für 13 Jahre verpflichtet hat und mit fast 2500 km/h mit dem Eurofighter durch die Lüfte braust, die Wehrdienstleistende bei den Gebirgsjägern, der Minentaucher, der 85 Meter ohne Sauerstoff tauchen kann, Sanitäter, IT-Spezialisten und Verwaltungsfachleute. Alle sprechen sie von Herausforderung, Verantwortung, von modernster Technik, vom Sinn ihrer Tätigkeit. Der Minentaucher spricht auch vom Nervenkitzel, wenn er wieder mal eine Weltkriegsbombe aus dem Wasser herausfischt. Und er schwärmt von den „besten Kameraden der Welt“.

Soldaten in der Grundausbildung
Soldaten in der Grundausbildung Bild: dpa

Viele Rekruten kommen mit falschen Erwartungen

Sicherlich ist die Bundeswehr ein spezieller Arbeitgeber. Einige Jahre lang tat er sich schwer, genügend Nachwuchs anzuziehen, der den Anforderungen entspricht. Als die Wehrpflicht Mitte 2011, vor viereinhalb Jahren, offiziell „ausgesetzt“ wurde, gab es gehörige Engpässe, ausreichend Freiwillige zu rekrutieren. Die ersten zwei Jahre blieb eine deutliche Lücke zu den Wunschzahlen. 2014 ist es erstmals seit Aussetzung der Wehrpflicht gelungen, mehr als 10.000 freiwillig Wehrdienstleistende zu rekrutieren.

Kampfpilot bei der Bundeswehr
Kampfpilot bei der Bundeswehr Bild: dpa

„Rund 90 Prozent des Bedarfs an Nachwuchs konnten gedeckt werden“, sagt Patrick Seyfarth, ein Sprecher der Bundeswehr in Köln, auf Anfrage. In diesem Jahr sei es ähnlich gewesen. Maximal 12.500 Wehrdienstleistende will die Bundeswehr anwerben, hinzu kommt ein Bedarf von rund 13.000 Zeitsoldaten, die jedes Jahr neu eingestellt werden sollen. Den Nachwuchs in der Offizierslaufbahn habe man sogar vollständig, das heißt zu 100 Prozent, über die gesamte Laufbahn.

Dennoch scheint es Unzufriedenheit in der Truppe zu geben. Viele Soldaten und Wehrdienstleistende zweifeln an der Sinnhaftigkeit ihres Dienstes, ergab jüngst eine Umfrage. Zwei Drittel der freiwillig Wehrdienstleistenden fühlten sich vom Dienst körperlich und intellektuell unterfordert, heißt es in einer Untersuchung des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr vom Frühjahr. Nur 31 Prozent der befragten Soldaten waren von der Sinnhaftigkeit ihres Dienstes überzeugt. Wie das Institut auch herausfand, kommen viele Rekruten mit falschen Erwartungen. Wenn sie anfingen, seien die meisten voller Idealismus und Tatendrang. Am Ende der Dienstzeit seien viele ernüchtert. Jeder Dritte fand, er habe „nichts Nützliches gelernt“. Nur mit der Bezahlung zeigten sich die große Mehrheit, vier Fünftel, der jungen Soldaten zufrieden.

Die Bundeswehr steckt in einem radikalen Umbau - weg von der alten Wehrpflichtarmee für die Landes- und Bündnisverteidigung, hin zu einer modernen Berufs-, Freiwilligen- und Interventionsarmee. Seit dem Ende des Kalten Krieges ist die Zahl der Soldaten stark geschrumpft. Umfasste die Bundeswehr im Jahr 2000 noch 317.000 Soldaten, waren es zehn Jahre später fast ein Drittel weniger, gut 234.000 Personen in Uniform. Seit die Wehrpflicht faktisch abgeschafft wurde, ist ein weiteres Fünftel des Personals abgebaut worden. Der Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), klagt nun, die Bundeswehr sei seit 1990 „personell im freien Fall“. Ihre derzeitige Soll-Personalstärke ist 185.000 - doch tatsächlich dienen derzeit nur noch 178.800 Soldaten in den Streitkräften. Davon sind 19.400 Frauen, also mehr als ein Zehntel.

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Zwei Drittel der Deutschen würden Freunden und Angehörigen davon abraten, Soldat zu werden

In einem Land, in dem intellektuelle Zirkel lange einen pazifistischen Zeitgeist geprägt haben, tut sich die Bundeswehr bis heute mit der gesellschaftlichen Akzeptanz schwer. Befehl und Gehorsam, G36 und Flecktarn, Kasernen und Pritschenwagen entsprechen nicht den Träumen urbaner Öko-Milieus. Mit dem etwas verqueren Werbespruch „Wir kämpfen auch dafür, dass Du gegen uns sein kannst“ versucht die Bundeswehr diese Bedenken aufzugreifen und umzukehren. Die Zielgruppe fand das mäßig witzig. Vor kurzem wurde der Bundeswehr-Showroom in Berlin Mitte von mutmaßlich linksradikalen Aktivisten großflächig mit roten und blauen Farbbeuteln beschmiert. Auch in der bürgerlichen Mitte gibt es Vorbehalte.

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Nach einer Emnid-Umfrage von vor einem Jahr würden zwei Drittel der Bundesbürger ihren Freunden und Familienangehörigen davon abraten, als Berufssoldat zur Bundeswehr zu gehen. 67 Prozent der Deutschen sind der Meinung, Soldaten hätten in Deutschland ein eher geringes Ansehen. Nur 32 Prozent glauben, das Ansehen sei hoch. Vielfach gibt es ganz praktische Nöte der Berufssoldaten. Bei der zunehmenden Zahl an Auslandseinsätzen ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwer zu erreichen. Verteidigungsministern Ursula von der Leyen wollte diesen Punkt verbessern.

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Gute Bezahlung

Presseoffizier Leutnant Seyfarth, der sich selbst für 13 Jahre verpflichtet hat, lobt hingegen die Möglichkeiten, bei der Bundeswehr zu studieren. An den beiden Universitäten der Bundeswehr in München und Hamburg sind mehrere tausend Nachwuchsoffiziere eingeschrieben. Man kann dort sowohl technisch-naturwissenschaftliche als auch sozial- und wirtschaftswissenschaftliche Studien belegen. Junge Ärzte fürs Militär studieren an Partneruniversitäten.

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Dabei verdienen junge Soldaten gut. Schon während des Studiums erhalten sie Sold. Ein Fahnenjunker, der erst ein halbes Jahr bei der Bundeswehr ist, bekommt netto rund 1600 Euro im Monat. Nach Abschluss des Studiums verdient ein Oberleutnant, verheiratet, ein Kind, mit sechs Jahren Dienstzeit knapp 3000 Euro netto. Für spezielle Aufgaben, etwa für Flieger, gibt es Zulagen von etwa 10 Prozent. Die Bezahlung sei „sehr konkurrenzfähig“, findet Seyfarth. Insgesamt sparte Deutschland beim Militär aber über Jahre. Im internationalen Vergleich unterdurchschnittlich, gibt die Bundesrepublik nicht viel für Verteidigung aus. Laut dem Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri sind es nur 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP), halb so viel wie in der Spätphase des Kalten Krieges. Die Vereinigten Staaten, die größte Militärmacht der Erde, wenden 3,5 Prozent ihres BIP für ihr Militär auf, Russland sogar 4,5 Prozent. Frankreich, das bis heute mit sehr viel mehr Stolz sein Militär hoch hält, gibt 2,2 Prozent seines BIP für die Armee aus.

Frankreichs Armee erlebt plötzlich Zuspruch

Auch Frankreich hatte aber jahrelang Schwierigkeiten, ausreichend Rekruten zu gewinnen. Man wunderte sich, warum trotz der mehr als 3 Millionen Arbeitslosen nicht genügend Freiwillige zu finden waren. In diesem Jahr führten zwei Ereignisse zu einem sprunghaften Anstieg. Nach dem islamistischen Anschlag auf die Zeitschrift „Charlie Hebdo“ im Januar verdreifachte sich die Zahl der Anfragen, von 130 auf 400 am Tag. Und nach dem Anschlägen und Massenmorden vom 13. November in Paris sprang die Zahl der Anfragen in den Rekrutierungsbüros auf 1500 pro Tag, berichtete die Armee. Die Anschläge hätten zu einem wiederbelebten Patriotismus geführt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Plickert, Philip
Philip Plickert
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.
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