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Risikovorsorge

Warum steigende Zinsen für die Bundesbank ein Risiko sind

Von Christian Siedenbiedel
 - 16:33
Vorstand Carl-Ludwig Thiele und Präsident Jens Weidmann am Donnerstag kurz vor der Vorstellung der Bundesbank-Bilanz

Die Deutsche Bundesbank überweist in diesem Jahr deutlich weniger Geld als sonst an Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU). Statt 2,5 Milliarden Euro sollen nur 399 Millionen Euro fließen. Dabei hat die Bundesbank wieder gut verdient. Hinter dem Rückgang stecken höhere Rückstellungen, vor allem für Zinsänderungsrisiken: Die Bundesbank bereitet sich darauf vor, dass irgendwann die Zinsen wieder steigen, und ihr daraus finanzielle Nachteile entstehen.

Anders als sonst manchmal bei Unternehmen sind es nicht die Rückstellungen für Pensionsverpflichtungen, mit denen die Bundesbank in der Risikovorsorge zu kämpfen hat. Im Gegenteil: Die Rückstellungen für Pensionsverpflichtungen sind rückläufig. Der Gesetzgeber hat im vergangenen Jahr für Erleichterungen für Unternehmen in dieser Frage gesorgt, von denen auch die Bundesbank profitiert. Unternehmen dürfen jetzt für den Zinssatz, mit dem künftige Pensionszahlungen berechnet werden, den Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre und nicht nur die vergangenen sieben Jahre berücksichtigen. Weil die Zinsen vor zehn Jahren noch höher lagen, fällt der Durchschnitt damit höher aus, er liegt bei 3,91 Prozent statt bei 3,21 Prozent.

Immer eine geschäftspolitische Entscheidung

Ein höherer Zinssatz gleichsam fürs Abzinsen künftiger Pensionsverpflichtungen bedeutet, dass die Bundesbank heute weniger Geld für die Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter zurücklegen muss. Sie spart also – das Geld darf sie aber nicht ausschütten, es gibt eine gesetzliche Ausschüttungssperre. Die Mittel werden deshalb einer Rücklage zugeführt, einer Art Ersparnis der Bundesbank. Für die Ausschüttung an Schäuble hat das aber keine Auswirkungen – die neue Bewertung der Pensionsrückstellungen und die höhere Dotierung der Rücklagen gleichen sich aus.

Was den ausgeschütteten Gewinn der Bundesbank schmälert, sind vor allem die Rückstellungen für Zinsänderungsrisiken. 1,8 Milliarden Euro wendet die Bundesbank auf, um ihre Vorsorge auf 15,4 Milliarden Euro aufzustocken. Die Bundesbank bereitet sich damit auf künftige Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB) vor, die vermutlich noch nicht in diesem Jahr anstehen, aber irgendwann sicher kommen werden. Die Bundesbank hat dabei bilanzrechtlich einen gewissen Ermessensspielraum, ähnlich wie bei jeder Volksbank die Risikovorsorge immer auch eine geschäftspolitische Entscheidung ist. Nicht alle Notenbanken des Eurosystems handeln da gleich.

Angekaufte Wertpapiere machen erheblichen Anteil auf der Aktivseite aus

Warum bedeutet es überhaupt für die Bundesbank ein Risiko, wenn die Zinsen steigen? Dazu muss man einen Blick auf die Struktur der Bilanz werfen. Wenn die Zinsen steigen, wird die Bundesbank das vor allem auf der Passivseite ihrer Bilanz merken, also bei den Verbindlichkeiten. Sie muss dann Banken, die bei ihr Einlagen halten, höhere Zinsen zahlen. Im Augenblick liegt der Zins für Einlagen der Banken bei der Notenbank bei minus 0,4 Prozent. Die Bundesbank verdient also noch Geld an den Einlagen, die Banken bei ihr halten. Ein Zinsänderungsrisiko besteht also darin, dass sich das irgendwann ändert, und der Einlagenzins wieder positiv wird und die Bundesbank dort höhere Aufwendungen hat.

Auf der Aktivseite, also bei den Vermögensgegenständen, machen mittlerweile die angekauften Wertpapiere aus dem QE-Anleihekaufprogramm (Quantitative Easing) einen erheblichen Anteil aus. Bei diesen gibt es allerdings kein bilanzielles Zinsänderungsrisiko. Die Bundesbank bilanziert sie nicht nach Marktpreisen, wie das etwa die Schweizerische Notenbank mit ihren Wertpapieren aus geldpolitischen Interventionen tut, die deshalb fortlaufend Wertberichtigungen ausweisen muss, sondern nach sogenannten fortgeführten Anschaffungskosten. Schon beim Kauf wird gleichsam ermittelt, welche jährlichen Abschreibungen die Bundesbank für die Wertpapiere bis zur Endfälligkeit hat, und diese werden regelmäßig mit den Zinskuponzahlungen verbucht.

Keine Einnahmen auf der Aktivseite

Die Bundesbank verbucht die Wertpapiere also so, als ob sie alle bis zur Endfälligkeit hält; in einem solchen Fall können einem Kursschwankungen egal sein, so lange der Emittent des Wertpapiers nicht ausfällt. Anders als man vielleicht meinen könnte, haben steigende Zinsen deshalb nicht zur Folge, dass die Bundesbank bilanzielle Kursverluste erleidet und entsprechende Wertberichtigungen verbuchen muss. Allerdings: Wie Bundesbankpräsident Jens Weidmann hervorhob, ist es auch möglich, dass die Bundesbank Anleihen vor der Endfälligkeit verkauft. In diesem Fall könnte sie aus dem Verkauf dann durchaus materiell einen Kursverlust erleiden.

Weil die Bundesbank in erheblichem Maße Bundesanleihen kauft, von denen viele eine negative Rendite haben, sind die Erträge aus diesem Wertpapierportfolio insgesamt sehr niedrig, wenn nicht null. Es gibt zudem ein Risiko, dass Wertpapiere ausfallen. Anders als seinerzeit bei den Griechenland-Anleihen aus dem früheren Anleiheprogramm ist dieses Risiko für die Bundesanleihen allerdings wohl nicht besonders hoch.

Die Konsequenz: Bei steigenden Zinsen hat die Bundesbank aus den Posten auf der Passivseite höhere Kosten, denen keine Einnahmen aus den Posten auf der Passivseite entgegenstehen.

Kurzfristige Passiva, langfristige Aktiva

Das ist eine neue Entwicklung, die auch mit der erheblichen Ausweitung der Bundesbankbilanz im Zuge der unkonventionellen Geldpolitik zusammenhängt. Früher standen in der Notenbankbilanz vor allem nicht verzinste Passiva wie die Banknoten vielen verzinsen Aktiva wie den sogenannten Hauptrefinanzierungsgeschäfte mit Banken gegenüber. Das größte Risiko einer Notenbank, mal einen Verlust zu machen, lag im Wechselkursrisiko der Devisenreserven.

In den 1970er Jahren beispielsweise gab es mal Bundesbankverluste, die mit Schwankungen des Dollars zusammenhingen. Seit der Ausweitung der Bundesbankbilanz ist es umgekehrt: Einer sehr zinssensiblen Passivseite der Bilanz steht eine relativ zinsunsensible Aktivseite gegenüber. Zudem stehen kurzfristigen Passiva der Notenbank wie die Einlagen der Banken langfristige Aktiva wie die angekauften Wertpapiere mit mehreren Jahren Restlaufzeit gegenüber. Ähnlich wie viele Geschäftsbanken hat die Bundesbank damit jetzt eine Art Fristenrisiko: Wenn die kurzfristigen Zinsen steigen, spürt sie das bei den Zinsen, die sie zahlen muss, nicht aber bei denen, die sie verbuchen kann.

Interessant dabei: Fast alle künftigen Zinsen, für die die Bundesbank jetzt Risikovorsorge betreibt, sind Notenbankzinsen. Es sind also keine Marktzinsen, gegen deren Unwägbarkeit sich die Notenbank absichert. Sie sichert sich gegen Zinsänderungsrisiken ab, die sie selbst beeinflussen kann. Allerdings natürlich nur in gewissem Maße – im Zentralbankrat hat die Bundesbank ja nur eine Stimme von vielen. Unter den verschiedenen Notenbanken gehört sie dabei bekanntlich zu denjenigen, die eher früher als später die Zinsen anheben wollen. Auf keinen Fall möchte Bundesbankpräsident Jens Weidmann dann vermutlich die Situation haben, für höhere Zinsen zu stimmen, und dabei zugleich zu wissen, dass die Bundesbank die eigenen Risiken aus einer solchen Situation nicht ausreichend abgesichert hat.

Quelle: FAZ.NET
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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