Der Islamische Staat in China

Chinas Angst vor dem IS

Von Hendrik Ankenbrand
24.09.2016
, 18:33
Der „Islamische Staat“ drohe in den Westen Chinas einzudringen, behauptet Peking – und baut eine muslimische Unruheprovinz zum Hochsicherheitstrakt um.

Tief im Westen, wo der Hotelgast sein Frühstücksbrot mit Essstäbchen buttern muss, ist sie zu spüren: Chinas Angst. „Messer hat uns die Polizei verboten“, entschuldigt sich die Kellnerin in Urumtschi, von Schanghai fünf Stunden mit dem Flugzeug entfernt. Gelandet ist es auf Terrain, in dem spitznasige Frauen Kopftücher tragen und baumlange Männer blaue Augen. Es ist eine Welt, in der Besteck als Waffe gilt.

Das hier ist China, wie es kaum jemand kennt: Xinjiang heißt die größte von 33 Provinzen, die ein Sechstel der Landesfläche einnimmt. Unter der Kruste ruht ein Drittel der kontinentalen Öl- und Gasreserven. Ein Gebiet von der fünffachen Größe Deutschlands. Zerklüftet von Bergen, die an acht Länder grenzen, darunter Afghanistan, Pakistan, Russland.

23 Millionen zählt Xinjiangs Bevölkerung. Anders als im Rest Chinas sind hier nicht neun von zehn Menschen „Han“, wie ethnische Chinesen heißen. Bei der Gründung der Volksrepublik stellte diese Bevölkerungsgruppe allemal einen Anteil von vier Prozent. Heute beträgt er das Zehnfache. Die andere große Gruppe, die muslimischen Uiguren, kommen auf 40 bis 45 Prozent.

Konflikte zwischen Uiguren, Han und Staat

Xinjiangs Städte tragen die Namen der Baubrigaden der Volksbefreiungsarmee: „70. Regiment“, „77. Regiment“. Bei der Erschließung eisiger Pässe ließen hier Hunderte Soldaten ihr Leben. Heute liegt die politische und ökonomische Macht in der Hand von Chinesen. Die Uiguren gingen größtenteils leer aus: Xinjiangs Volksgruppe muslimischen Glaubens, deren Angehörige oft ein paar Brocken Türkisch verstehen, aber kaum ein Wort Chinesisch.

Weil sie sich von China kolonialisiert fühlen, gibt es zwischen Uiguren, Han und Staat seit jeher Konflikte. Vor sieben Jahren schlugen wütende Uiguren in Urumtschi über einhundert Chinesen tot. Exilgruppen behaupten, auch Hunderte Uiguren seien in der Folge von der Polizei erschossen worden. Seit diesem Zeitpunkt ist Xinjiang Chinas Terrorprovinz.

Vor zwei Jahren stachen in der südchinesischen Stadt Kunming Uiguren reisende Chinesen mit Messern nieder. Drei Wochen später zündeten Uiguren auf dem Bahnhof Urumtschis eine Bombe, nachdem sie mit Messern Passanten angegriffen hatten. Terror nennt Peking das zu Recht. Ob es aber darüber hinaus Verbindungen zwischen Uiguren und islamistischen Terrorgruppen gibt, die ihren Kampf nach China tragen wollten, wie die Führung behauptet: das ist schon mehr umstritten. Dass die Anschläge einen ideologischen Hintergrund hätten, bestreiten viele ausländische Beobachter. Für sie sind die Attacken eine Reaktion auf staatliche Repressionen. Neue Erkenntnisse zeigen, dass die Lage allerdings weit weniger eindeutig ist.

Kinder lernen,die Straßenseite zu wechseln, wenn ein Uigure naht

Hat sich der radikale Islam in Xinjiang ausgebreitet? Rekrutiert die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ hier Kämpfer? Wäre dies der Fall, könnte nach Amerika und Europa mit China bald der nächste Wirtschaftsraum ins Fadenkreuz weit größerer Anschläge geraten.

Die Suche nach Antworten führt an den Rand des Reichs der Mitte: in Chinas Armenhaus. Das Pro-Kopf-Einkommen in Xinjiang liegt bei gerade mal einem Drittel Pekings. In der Hauptstadt versehen die Kader die dreitausend Kilometer entfernte Provinz gern mit drei Attributen: rückständig, randständig, instabil. Sieben Jahrzehnte nachdem Xinjiang in die Volksrepublik eingegliedert wurde, lehren chinesische Eltern ihre Kinder, die Straßenseite zu wechseln, sobald ein Uigure naht.

Kein Restaurant, keine Bar in Urumtschi, an deren Tür nicht Schlagstock und Schild zur Selbstverteidigung lehnen. Wüsste die Nation, dass Letzterer aus Plastik besteht, die Sorge um Xinjiang wäre wohl noch größer.

Dabei ist es hier so schön wie nirgendwo im Land. In den Millionenmetropolen an Chinas Ostküste kämpft sich das Licht der Wolkenkratzer durch Smog. In Xinjiangs Tianshan-Gebirge sieht es aus wie in den Alpen. Bis auf siebentausend Meter geht es hier hinauf. Langsam schiebt sich der Wagen den Bergpass entlang. Wälder rauschen ringsherum. Ein Himmel, blau und weit wie im Film. Im Tal zuckeln Schafe und Mongolenpferde über die Straße, am Wegesrand kaut ein Kamel. Hinter der Kurve taucht eine Polizeisperre auf: so plötzlich wie das Schrillen des Weckers.

Anschläge und Selbstverbrennungen will Peking verhindern.

Über dreißig Mal wird der Toyota in einer Woche durchsucht. Erinnerungen kommen auf an Besuche in der DDR: Motor aus. Kofferraum auf. Woher? Wohin? Der Ton der Spezialkräfte ist mal freundlich, oft scharf wie Munition. Der Personalausweis der chinesischen Beifahrerin muss ans Lesegerät. So entstehen Profile. „In welcher Beziehung stehen Sie?“

Xinjiangs Tankstellen sind verbarrikadiert mit Stacheldraht. Sicherheitskräfte kontrollieren den Zugang. Ohne Ausweis bleibt der Schlagbaum unten. Vor der zweiten Registrierung an der Zapfsäule fließt kein Sprit. An der Kasse der Erlass des Ministeriums für öffentliche Sicherheit vom Juli: „Beginn der Errichtung eines Erfassungs- und Managementsystems von Informationen über Benzinverkäufe“. Anschläge und Selbstverbrennungen will Peking verhindern. Die Bewegungsradien sollen schrumpfen. Das Internet hier ist so langsam wie nirgendwo sonst im Land.

Ein Reisebus fährt vor: Alles aussteigen. Die Uiguren stellen sich auf zum Registrieren ihrer Pässe. Mitunter durchsuchen Polizisten Smartphones nach Videos. An der Blechwand im Posten ein Plakat mit Verboten: Keine Burkas und Gesichtsschleier. Keine dichten Bärte. T-Shirts mit der Flagge der Türkei stehen auf dem Index neben dem Emblem des IS.

Im November vergangenen Jahres töteten IS-Terroristen zum ersten Mal eine Geisel aus China. Im Dezember veröffentlichte der IS ein Propagandalied auf Chinesisch, das Muslime „zu den Waffen“ ruft. Peking wird nicht explizit als Feind genannt. Allerdings hat IS-Führer Abu Bakr al Bagdadi das Land vor zwei Jahren als einen Staat bezeichnet, in dem „die Rechte von Muslimen gewalttätig unterdrückt“ würden. „Ein Jahrhundert der Sklaverei/Hinterlässt schändliche Erinnerung/Der Albtraum geht weiter“. So heißt es im Terrorsong.

Menschenrechtler kritisieren Verbote der Regierung scharf

Dass Chinas Regierung in Xinjiang noch mehr verbietet, wird von Menschenrechtlern scharf kritisiert: Jugendlichen unter 18 Jahren den Besuch einer Moschee. Staatsangestellten das Fasten während des Ramadans. Die uigurische Sprache in weiten Teilen des Schulunterrichts.

Kaschgar befindet sich nicht allzu fern von der Grenze zu Afghanistan. Die Oasenstadt erinnert an Kairo, nur der Muezzin ruft hier nicht. 62 Klassenkameraden habe sie, erzählt die Tochter eines Taxifahrers, zehn Jahre alt und unendlich schüchtern. Der Lehrer ist Uigure. Doch im Unterricht spricht er nur Chinesisch.

Im größten Zimmer der Hütte trägt der Vater Lamm auf, im Steintopf geschmort. 150 Euro hat ihn das am Vortag auf dem Viehmarkt gekostet. Die Familie feiert Opferfest, der Höhepunkt des islamischen Kalenders. In Mekka drängen sich die Gläubigen auf dem Haddsch. In Kaschgar sind sie morgens um neun Uhr durch die Gassen zur Heytgah-Moschee geeilt.

Trotz der vorgerückten Stunde war es noch nachtkühl, weil in ganz China die Zonenzeit Pekings gilt. Dabei liegt Kaschgar mit viertausend Kilometern so weit entfernt wie San Francisco von New York. Vor dem Moscheevorplatz, auf dem die Betenden knieten, fuhren Panzerwagen auf. Auf den Dächern gingen Scharfschützen in Stellung. Glaubt man zwei neuen Studien renommierter amerikanischer Institute, ist Chinas Angst vor dem radikalen Islam nicht völlig grundlos.

Forscher der Denkfabrik New America und der staatlichen Militärakademie West Point glauben, dass zwischen Mitte 2013 und Mitte 2014 mehr als einhundert Uiguren dem IS in Syrien beigetreten seien. Das gehe aus „Anmeldeformularen“ von 4000 Kämpfern aus dem Zeitraum hervor, die von einem Überläufer stammen sollen. Angaben aus anderen Jahren gibt es nicht. Träfe die Zahl zu, würde dies die Behauptung Pekings erhärten, dass Uiguren in Syrien und im Irak im Terrorkampf seien. Dann stünde China an achter Stelle der IS-Rekrutierungsländer.

China will wenig gewinnbringende Fabriken in den Westen verlagern

In den Konflikt in Syrien will Peking allerdings überhaupt nicht gern eingreifen. Lieber gelobt es, mit Milliarden an Wirtschaftshilfe zwei Millionen Uiguren aus der Armut zu holen, in der 8 Prozent der Bevölkerung leben. Die Fabriken, die sich wegen der Lohnsteigerungen an der Ostküste Chinas nicht mehr rechnen, will Peking in den günstigen Westen verlagern. Auf den Baumwollfeldern, die am Autofenster vorbeiziehen, sollen Massen neuer Arbeitsplätze entstehen.

Für seinen Marshallplan gerät Peking die Milliarde zur kleinstmöglichen Einheit: 100 Milliarden Yuan will es in den Bau neuer Straßen und Eisenbahnstrecken in Xinjiang stecken, 15 Milliarden Euro. Für 220 Milliarden Yuan soll das Stromnetz hier zur „elektrischen Seidenstraße“ werden. Vier neue Flughäfen sollen her, einer mitten in der Wüste.

Kritiker behaupten, von alledem würden auch künftig vor allem Han-Chinesen profitieren. Noch stärker als im Rest des Landes seien die Regierungskontakte in Xinjiangs Planwirtschaft entscheidend, über die Uiguren nicht verfügten. So klang die Klage Ilham Tohtis, eines eigentlich moderaten uigurischen Wirtschaftsprofessors, der trotzdem zu lebenslanger Haft verurteilt worden ist, weil er mit separatistischem Gedankengut Studenten „verhext“ habe, wie es im Urteil hieß.

Ein uigurischer Busfahrer fährt eine Gruppe chinesischer Beamter den Pass hinauf in den Nationalpark Xiata. Es findet sich das Paradies auf zweitausend Metern. Die Berggipfel hier tragen Schnee. Kasachstan in nah. Der Pass ist gut ausgebaut; die hölzernen Leitpfähle hat sich Chinas Staat viel kosten lassen. Ein staatliches und ein privates Hotel vermieten Zimmer an reiche Chinesen auf SUV-Safari. Der Verschlag des Uiguren, dessen Familie hier seit Jahrzehnten lebt, kostet uns einen Bruchteil.

Ein altes Haus mitten im Bergdorf verwittert. Die Wände morsch, der blau-weiße Anstrich blättert. Die Verschläge der Fenster sind zu, vor der Tür rostet ein Vorhängeschloss.

Es ist die Polizeiwache. Hier, am Ende der Welt, leben neben Uiguren noch Mongolen und Kasachen. Keine zwanzig Köpfe. Selbst hier hat die Staatsmacht ihren Vorposten errichtet. Doch jetzt ist er leer. Offensichtlich gibt es sie auch in Xinjiang noch, Orte ohne Angst vor dem Terror.

Quelle: F.A.Z.
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