Rezessionsängste durch Brexit

„Zuerst überreagieren, später nachdenken“

24.06.2016
, 07:55
Tief besorgt: Ökonom und Großbritannien-Kenner Clemens Fuest
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Die deutschen Ökonomen sind erschreckt über das Brexit-Votum. Bedauern mischt sich mit Rezessionsängsten. Denn, so sagt es ein Banker treffend, „die Märkte werden zuerst überreagieren und später nachdenken“.
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Die deutschen Ökonomen haben mit Bestürzung und Rezessionsangst auf das Ergebnis des britischen Referendums zum Austritt aus der Europäischen Union reagiert. Der neue Ifo-Präsident Clemens Fuest, der Großbritannien-Kenner ist und einst in Oxford lehrte, bedauerte die Entscheidung der Briten. Sie sei „eine Niederlage der Vernunft", sagte er am Freitag.

„Die Politik muss jetzt alles tun, um den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen“, sagte Fuest weiter. Dazu gehöre es, sicherzustellen, dass Großbritannien so weit wie möglich in den Binnenmarkt integriert bleibe. „Es ist wichtig, die Verhandlungen darüber möglichst schnell zum Abschluss zu bringen, damit die Phase der Unsicherheit über die künftigen Wirtschaftsbeziehungen möglichst kurz bleibt."

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Das Ifo-Institut hat schon Szenarien dazu berechnet, wie stark sich der Brexit auf das Bruttoinlandsprodukt einzelner Länder auswirken könnte. Die größten Wirkungen sehen die Forscher naheliegenderweise für Großbritannien - der BIP-Rückgang könnte dort demnach bis zu 2,2 Prozent betragen. Die zweitstärksten Auswirkungen sieht das Institut für Irland, danach folgt Belgien (siehe Grafik).

Wie groß der Schock ist zeigt auch die Reaktion der Ratingagentur Standard & Poor´s (S&P). Sie wird voraussichtlich ihre Bonitätsnote für Großbritannien senken. Damit zitierte die Financial Times einen Analysten von S&P. Das Pfund ist am Freitagmorgen gegenüber dem Dollar auf den tiefsten Stand seit drei Jahrzehnten gefallen. Auch an den asiatischen Aktienmärkten fallen die Kurse. Der Goldpreis steigt dagegen stark. Die Fluchtwelle der Anleger in „sichere Häfen“ rollt.

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So bleibt die wohl dringendste Frage am Freitagmorgen: Wie kann die Panik an den Finanzmärkten eingedämmt werden? „Die Regierung in London, die Bank von England und die Europäische Zentralbank werden unter unmittelbarem und immensem Druck stehen, die Märkte zu beruhigen“, sagte Bill O’Neill, Leiter der britischen Vermögensverwaltung der Großbank UBS. „Aber die Märkte werden nicht warten. Sie werden zuerst überreagieren und später nachdenken.“

Die Bank von England jedenfalls stellte zusätzliche Mittel zur Geldversorgung der Finanzbranche des Landes bereit. Die Zentralbank stehe bereit, das Funktionieren der Märkte zu garantieren, sagte der Notenbankchef, Mark Carney, am Freitag in London. Großbritannien stehe eine Zeit der Unsicherheit bevor. Zur Geldversorgung der Finanzwirtschaft könnten zusätzliche 250 Milliarden Pfund abgerufen werden.

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Nach dem Brexit-Votum geriet zudem der Schweizer Franken unter Aufwertungsdruck. Daraufhin griff die Schweizer Notenbank an den Finanzmärkten ein, um den Kurs zu stabilisieren. „Die Schweizerische Nationalbank hat am Devisenmarkt eingegriffen, um die Situation zu stabilisieren und wird am Markt aktiv bleiben“, teilte die Notenbank in einer Stellungnahme per E-Mail mit. Ein zu starker Franken ist den Schweizern schon lange ein Dorn im Auge.

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Briten für EU-Austritt
Cameron unter Druck

„Potentiell fatale Folgen“

„Die Entscheidung der britischen Bürger wird potentiell fatale Folgen haben, auch wenn sie nicht überraschend gekommen ist“, sagte Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW). „Den EU-Mitgliedsländern ist es in den vergangenen Jahren nicht gelungen, bei ihren Bürgern eine Identität als Europäer zu verankern. Das Ergebnis sehen wir nun in Großbritannien und in den Diskussionen in anderen europäischen Ländern.“

Es werde nun eine möglicherweise lange und gefährliche Phase der Unsicherheit folgen, wie es mit den Beziehungen der EU zu Großbritannien weitergeht. „Ein Assoziierungsabkommen nach dem Modell der Schweizer oder Norwegens ist für Großbritannien utopisch“, glaubt Snower. „Die Briten hätten dann ihren Einfluss in der EU verloren, müssten aber weiter fast alle Regeln befolgen.“ Dass die EU Großbritannien ziehen lassen, dem Land aber weiter in großem Umfang wirtschaftliche Vorteile gewähren wird, sei ebenfalls unwahrscheinlich. „Die EU wird wahrscheinlich ein Exempel statuieren, um andere vom Verlassen der Union abzuschrecken.“

Auch Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln äußerte sich bestürzt: „Es gibt nur Verlierer“, sagte er in einer ersten Reaktion auf das Brexit-Votum. Die Briten verlören an Gewicht auf der weltpolitischen Bühne und zugleich ihren Zugang zum weltweit größten Binnenmarkt. „Auf der anderen Seite muss die Europäische Union den Verlust ihres wichtigsten Finanzplatzes und damit ihres Tors zum Commonwealth sowie in die USA hinnehmen“, so Hüther weiter.

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„Eine Katastrophe für alle Europäer“, sieht der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher. Er fürchtet “ernome“ wirtschaftliche Kosten für ganz Europa. Großbritannien könnte in eine Rezession abrutschen. Sein Institut erwartet in seiner neuesten Prognose ein um 0,5 Prozentpunkte schwächeres Wachstum für Deutschland im Jahr 2017, allein durch den Rückgang deutscher Exporte nach Großbritannien. „Die Abschwächung des Wachstums der deutschen Wirtschaft könnte jedoch über Finanzmarkteffekte und einen Vertrauensverlust noch deutlich stärker sein“, sagte Fratzscher. Am größten sei das Risiko für Länder wie Italien, die nach wie vor tief in der Krise seien und noch tiefer in die Krise geraten könnten.

Von Anfang an eher Vernunft- als Liebesehe

Thomas Straubhaar von der Universität Hamburg macht sich nach dem Referendum schon Gedanken über weitere Austritte aus der EU. „Nichts wird in Europa mehr gehen, ohne das Damoklesschwert weiterer Austritte und ohne die ständige Angst davor, neue Gründe für einen Zerfall Europas zu liefern“, sagte Straubhaar. National-konservative Parteien werden nach seiner Einschätzung in Europa nun an Zulauf gewinnen. Sie würden in ihren Heimatländern einen EU-Austritt ganz oben auf die politische Agenda setzen.

Doch in völlige Hoffnungslosigkeit möchte Straubhaar nicht verfallen und sieht in der Krise auch die historische Chance eines Neuanfangs. „Es ist wie nach dem Ende einer langen Partnerschaft, die von Anfang an eher Vernunft- als Liebesehe war. Jetzt muss sich Europa neu erfinden“.

Quelle: nab./theu./dpa
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