Energie

Auch Gas wird noch teurer

06.09.2005
, 21:18
Kurz vor Beginn der Heizsaison müssen sich Verbraucher auf steigende Gaspreise einstellen. Über den Ölpreis gibt es unterschiedliche Ansichten: Bundeskanzler Schröder sieht die Weltwirtschaft bedroht, deutsche Ökonomen relativieren das.

Schlechte Nachrichten für die rund 18 Millionen Haushalte mit Gasheizung in Deutschland: Gas wird noch teurer. „Der kontinuierliche Anstieg der Beschaffungskosten führt dazu, daß auch in den nächsten Monaten mit weiteren Gaspreiserhöhungen zu rechnen ist“, sagte am Dienstag der Sprecher des Bundesverbands der deutschen Gas- und Wasserwirtschaft (BGW), Marian Rappl. Kein Land und kein Unternehmen könne sich vom weltweiten Anstieg der Energiepreise abkoppeln.

Ein Ende der Hochpreisphase auf den Energiemärkten ist nach Einschätzung von Rappl nicht in Sicht. Niemand könne billigere Energie versprechen. Denn es gebe weltweit einen Wettlauf um Energie. Mit China und Indien seien neue wirklich mächtige Konkurrenten auf dem Markt erschienen, die „fast zu jedem Preis Energie kaufen“.

Kartellamt schreitet nicht ein

Das Bundeskartellamt sieht derzeit keinen Grund, gegen Preisanhebungen einzuschreiten. Voraussetzung dafür wäre der Verdacht, daß die Gasversorger ihre Marktstellung mißbrauchten. „Wir beobachten den Markt kritisch und behalten uns die Einleitung von Mißbrauchsverfahren vor“, sagte eine Sprecherin.

Behördenpräsident Ulf Böge hat die Koppelung der Gas- an die Ölpreise als solche mehrfach in Frage gestellt und als „nicht mehr zeitgemäß“ beanstandet. Daß einzelne Unternehmen von der Ölpreisentwicklung unabhängige Tarife anbieten, wertet Böge als Beleg dafür, daß die Preiskopplung entgegen den Behauptungen der Gaswirtschaft als Absicherungsmechanismus keineswegs unverzichtbar sei. Auf jeden Fall erwartet er, daß Versorger den Preiszusammenhang in ihren Verträgen besser offenlegen. Mit kartellrechtlichen Mitteln fällt es jedoch schwer, die Preiskoppelung aufzubrechen. Solange die Unternehmen bei der Anpassung der Endverbraucherpreise unter der Erhöhung der eigenen Bezugskosten bleiben, sehen die Wettbewerbshüter dafür wenig Ansatzpunkte. Gas hält am deutschen Wärmemarkt einen Anteil von 47,2 Prozent. Der Rest entfällt auf Heizöl (31,3 Prozent) und Fernwärme (12,4 Prozent).

An den Rohölmärkten hat sich unterdessen die Entspannung am Dienstag spürbar fortgesetzt. Nach der Ankündigung einer abgestimmten Freigabe von täglich zwei Millionen Faß (mit je 159 Liter Öl) aus den Reserven verschiedener Staaten sind die Preise unter die 70-Dollar-Marke gefallen; der Preis liegt derzeit bei rund 67 Dollar. Auch die Benzinpreise in Deutschland gaben leicht nach, blieben aber auf hohem Niveau. An den Markentankstellen kostete der Liter Superbenzin am Dienstag noch durchschnittlich 1,41 bis 1,42 Euro, teilten Sprecher der Mineralölwirtschaft in Hamburg mit. Das sind drei Cent weniger als am Freitag.

„Weg vom Öl“

Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) appellierte abermals an die anderen führenden Industriestaaten und Rußland (G8), gemeinsam für eine Entlastung der Bürger zu sorgen. Der Ölpreis müsse wieder auf ein verantwortliches und der Realität entsprechendes Maß sinken, sagte Schröder auf einem Kongreß in Berlin. „Dies ist notwendig für die Wirtschaft, aber auch für viele Privathaushalte.“ Ein Dollar weniger je Barrel beim Rohöl bedeute eine Ersparnis von einer Milliarde Euro bei der deutschen Öl- und Gasrechnung. „Experten schätzen, daß ein ganz erheblicher Teil des Ölpreises auf reiner Spekulation beruht.“ Dies müsse zurückgeführt werden durch mehr Transparenz bei der Preisbildung.

Die Grünen-Bundestagsfraktion verabschiedete ein Zehn-Punkte-Sofortprogramm mit dem Titel „Weg vom Öl - Rein in die neuen Energien“. Vom Jahr 2020 an solle Deutschland jeweils ein Viertel seines Bedarfs an Kraftstoffen, Strom, Wärme und petrochemischen Gütern wie Kunststoffen aus erneuerbaren Rohstoffquellen decken, sagte Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne). „Wir wollen unsere Abhängigkeit vom Öl mindern, weil nur das langfristig zur Versorgungssicherheit und zu stabilen und bezahlbaren Energiepreisen führt.“

Exportindustrie profitiert vom Öl-Dollar der Araber

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) warnte davor, die Auswirkungen der Ölpreisentwicklung zu dramatisieren. Deutschland werde von diesem Preisschock weniger betroffen als viele andere Industriestaaten. Im vergangenen Jahr habe die Bundesrepublik 1,1 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für den Rohölimport ausgegeben. Andere Länder wendeten erheblich mehr auf. Der Präsident des Industrie- und Handelskammertages (DIHT), Ludwig Georg Braun, verwies gegenüber der F.A.Z. darauf, daß ein großer Teil der Öl-Dollar an die deutsche Exportindustrie zurückflössen. Die deutschen Ausfuhren in die arabischen Staaten, Iran und Israel seien im ersten Halbjahr 2005 um über 15 Prozent auf 12 Milliarden Euro gestiegen. Besonders die Ölstaaten kauften hierzulande ein. Die Lieferungen nach Saudi-Arabien seien um 40 Prozent, in den Iran um 37 Prozent und in die Vereinigten Arabischen Emirate um 24 Prozent geklettert. „Die Opec-Staaten verzeichnen aufgrund des hohen Ölpreises erhebliche Liquiditätszuwächse und blicken bei ihren Einkäufen verstärkt nach Deutschland“, sagte Braun. In den vergangenen acht Jahren hätten sich die deutschen Ausfuhren in die ölreichen arabischen Länder mehr als verdoppelt. Der Trend werde anhalten.

Auch mit Rußland, woher Deutschland rund ein Drittel des Erdöls und Gases bezieht, floriert das Geschäft. Für 2005 erwarte er einen Zuwachs bei den Ausfuhren von mehr als 20 Prozent, sagte der Vorsitzende des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft, Klaus Mangold, der F.A.Z.

Die „Bild“-Zeitung berichtete unterdessen unter Berufung auf den Hamburger Fachinformationsdienste EID, die Gasversorger wollten ihre Preise zu Beginn des kommenden Jahres noch einmal um weitere zehn bis 15 Prozent erhöhen. Eine vierköpfige Familie müßte dem Bericht zufolge dann statt 1.400 Euro pro Jahr 1.540 bis 1.610 Euro für eine typische Haushaltsmenge Erdgas bezahlen. Hintergrund sei der Anstieg der Heizölpreise um 75 Prozent im Jahresvergleich.

Der Bund der Energieverbraucher hat den Gasversorgern vorgeworfen, die aktuellen Rekordpreise beim Öl zu unangemessen hohen Preissteigerungen zu nutzen. „Die aktuellen Gaspreiserhöhungen haben nichts mit dem Ölpreisboom zu tun, obwohl die Unternehmen sie damit begründen“, sagte Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher. Die derzeitigen Rekordstände beim Ölpreis würden sich im Rahmen der Ölpreisbindung erst mit großer zeitlicher Verzögerung auf die Importpreise und anschließend auf die Gasverbraucherpreise auswirken, begründete der Verbraucher-Vertreter seine Kritik.

Nach Angaben von Peters sind die Importpreise von Erdgas nach Deutschland seit Jahresanfang um 30 Prozent gestiegen. Die Verbraucherpreise seien im selben Zeitraum aber stärker nach oben gegangen. Den Unternehmen gehe es nur darum, die Gewinne zu steigern, kritisierte der Verbraucherschützer.

Quelle: ami./F.A.Z., AP, AFP
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