Energie

Gasprom kann sich keinen Ruf als unsicherer Kantonist leisten

Von Werner Sturbeck
09.01.2007
, 19:33
Der Preiskampf ums Erdöl zwischen Russland und Weißrussland zeigt die Abhängigkeit der EU-Länder von Russlands Energielieferungen. Die russische Liefertreue gegenüber dem Westen steht aber nicht in Frage. Denn die Abhängigkeit ist durchaus gegenseitig.
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Erst ein in letzter Minute abgewendeter Erdgas-Lieferstopp und nun noch die Unterbrechung des Transportes von russischem Erdöl in die ostdeutschen und polnischen Raffinerien - der Preiskampf zwischen Russland und Weißrussland zeigt die Verwundbarkeit der Europäischen Union im Blick auf ihre Energieimporte. Stück für Stück wurde die GUS und insbesondere Russland zum wichtigsten Energielieferanten. Deutschland bezog 2006 gut ein Drittel seines Rohölbedarfs aus Russland und ein Fünftel allein durch die seit Montag leere weißrussische Transitpipeline „Freundschaft“. Im Fall von Erdgas macht die Lieferabhängigkeit gar rund 40 Prozent aus.

Es wird zwar in der Bevölkerung und Politik allgemein akzeptiert, dass Russland durchaus nicht seine zahlungskräftigen Kunden in Deutschland und Westeuropa treffen will, sondern die nach dem Untergang der Sowjetunion 1991 weiterhin subventionierten Energielieferungen auf internationales Preisniveau anheben will. Aber der bislang gute Ruf Russlands als verlässlicher Lieferant leidet. Man fragt sich: Wenn Russland - ob aus rein wirtschaftlichen oder gar politisch-strategischen Gründen - den Einsatz des Lieferboykotts im Fall der Ukraine und Weißrusslands nicht scheut, warum sollte der Energieriese diese Waffe dann nicht auch einmal gegen westeuropäische Kunden einsetzen?

Niedrigpreise auf dem Heimatmarkt

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Die jüngeren Regierungseingriffe auf dem russischen Energiemarkt - angefangen bei der Rückverstaatlichung des größten privaten Erdölkonzerns bis zum Aussteuern westlicher Ölmultis aus gemeinsamen Förderprojekten - zeugen zudem von der mangelhaften Rechtssicherheit für Auslandsinvestitionen in der Energiewirtschaft.

Aber der Erdgaspreiskampf erst mit der Ukraine und nun mit Weißrussland ist kaum geeignet, die Liefertreue in Frage zu stellen. Denn zwischen den russischen Öl- und Gasverkäufern sowie deren Abnehmern in Westeuropa gibt es nicht nur einseitige, sondern auch gegenseitige Abhängigkeiten.

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In Russland wird Energie weit unter Weltmarktpreisen verkauft. Gasprom erhält von den heimischen Verteilerunternehmen nur ein Sechstel der Exportpreise von gegenwärtig 220 bis 240 Dollar je 1000 Kubikmeter. Diese Subvention ist politisch gewollt. Andererseits kann der Staatshaushalt nicht auf hohe Umsatz- und Ertragssteuern der Energieproduzenten verzichten. Gasprom allein trug lange mehr als ein Viertel des russischen Steueraufkommens. Da das Unternehmen gleichzeitig den Inlandsmarkt alimentieren muss, arbeitet es mit aller Kraft daran, das Exportvolumen immer stärker auszuweiten. Da kann es sich bei seinen zahlungskräftigen Kunden in Westeuropa einen Ruf als unsicherer Kantonist nicht erlauben.

An russischen Gasreserven kommt niemand vorbei

Das sieht auch die deutsche Gaswirtschaft so. Eon Ruhrgas hat im vergangenen Herbst nicht nur die bestehenden Lieferverträge bis 2035 verlängert, sondern die langfristigen Abnahmen um 20 Prozent aufgestockt. Im RWE-Konzern wurde gerade für die Tschechische Republik - wo der Essener Konzern einen wesentlich höheren Marktanteil im Gasgeschäft hat als im Heimatmarkt - ein großvolumiger Vertrag mit Gasprom bis 2036 verlängert. Beide Konzerne setzen zwar auf eine Diversifizierung ihrer Erdgasquellen und versuchen vor allem in das von Deutschland bisher vernachlässigte Marktsegment verflüssigtes Erdgas vorzudringen. Aber vorläufig besteht ein Engpass bei den Verflüssigungsterminals in den Förderländern.

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Weil Großbritannien im Hinblick auf das Erdgas nicht mehr autark ist, weil auch die niederländischen Vorkommen schrumpfen und die norwegischen Reserven am Polarkreis immer aufwendiger zu erschließen sind, geben sich gegenwärtig europäische Gaseinkäufer in den Förderländern im Nahen Osten und in Nordafrika die Klinken in die Hand. Und ihnen allen ist klar, dass auf lange Sicht niemand an den russischen Gasreserven, den größten der Welt, vorbeigehen kann.

Lange Erfahrungen von Ruhrgas mit Gasprom

Als Importeur von russischem Erdgas hat Deutschland die längsten Erfahrungen. Gegen heftigsten politischen Widerstand vor allem aus den Vereinigten Staaten flossen 1973 erste kleine Mengen aus der Sowjetunion nach Deutschland. Der Wegbereiter Ruhrgas hat auch später der aus dem sowjetischen Energieministerium abgespaltenen und später teilprivatisierten Gasprom zur Seite gestanden. Ende der neunziger Jahre war Ruhrgas als einziges angesprochenes westliches Unternehmen bereit, bei Gasprom gegen Aktien Geld einzuschießen. Umgekehrt haben die Essener in politisch wie wirtschaftlich zum Teil außerordentlich schwierigen Phasen nie schlechte Erfahrungen mit der Zuverlässigkeit dieses Lieferanten gemacht.

Deutschland ist für die Gasprom nicht nur der bedeutendste Auslandskunde, sondern auch eine Drehscheibe zu den anderen Verbraucherländern in Westeuropa. Seit dem Untergang der Sowjetunion gibt es Transitprobleme mit der Ukraine, der Gasprom immer wieder unzulässige Gasabnahmen aus der lange einzigen Transitleitung nach Deutschland vorwarf. Deswegen wurde auch eine weitere große Pipeline durch Weißrussland und Polen nach Deutschland gebaut.

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Dritte Gasautobahn nach Deutschland geplant

Mit der 2006 vereinbarten nordeuropäischen Gasleitung (NEGP) durch die Ostsee wird es bald drei Gasautobahnen nach Deutschland geben. Für eine Kapazitätserweiterung wäre eine Verdopplung der Leitung durch Weißrussland und Polen billiger gekommen. Ruhrgas hat sich deswegen lange gegen das NEGP-Projekt gesperrt. Aber aus politischen Erwägungen hat Russland den Bau dieser ohne Transitländer auskommenden direkten Verbindung nach Deutschland dann doch beschleunigt. Nach deren für 2010 geplanten Inbetriebnahme dürften Auseinandersetzungen zwischen Russland und Transitstaaten für die Versorgung in Westeuropa an Bedeutung verlieren.

Die Investitionen in diese wirtschaftlich noch nicht zwingend erforderliche NEGP wie auch die Entscheidung der Gasprom, im nördlichen Polarkreis das größte Offshore-Gasfeld in Europa nicht mehr über eine Flüssiggaskette für den nordamerikanischen Markt zu erschließen, kommen der Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa zugute. Mit enormen Investitionen bindet sich auch der Gasproduzent an seine europäischen Abnehmer, wird die gegenseitige Abhängigkeit verstärkt.

Quelle: F.A.Z., 10.01.2007, Nr. 8 / Seite 13
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