Energieversorgung

Der erste Schritt in die Wüste

Von Henning Peitsmeier und Rüdiger Köhn
30.10.2009
, 09:00
Im Sommer wurde Andasol 1, das größte und erste kommerzielle solarthermische Kraftwerk Europas, im Süden Spaniens eröffnet
Solarstrom aus der Sahara soll die Energieversorgung sauberer machen. Heute, Freitag, wird Desertec gegründet. Der Imagegewinn ist allen Gesellschaftern sicher: In der Öffentlichkeit feiern sie sich als Klimabotschafter.
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Der Plan klingt so verwegen wie die erste Landung auf dem Mond im Sommer 1969. Die Desertec-Vision, Strom klimafreundlich in der Wüste zu erzeugen, dürfte die Energieversorgung für künftige Generationen nachhaltig verändern. Und anders als die amerikanische Mondfähre „Eagle“, die von der Idee bis zur Landung nur acht Jahre brauchte, ist das größte und teuerste Ökostromprojekt aller Zeiten auch ein Projekt für Generationen.

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Erst im Jahr 2050 kann der Wüstenstrom 15 Prozent des europäischen Energiebedarfs decken – wenn das gut 400 Milliarden Euro teure Vorhaben wirklich von allen Beteiligten, Industrienationen wie Wüstenstaaten, umgesetzt wird. Immerhin: Ein erster Meilenstein wird an diesem Freitag gesetzt. Dann wird in München die Planungsgesellschaft Desertec Industrial Initiative gegründet. Das ist grundsätzlich nur ein formaler Akt, wird aber von der Industrie als ein „wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Realisierung der Vision“ gesehen, wie es etwa René Umlauft formuliert, der Vorstandsvorsitzende des Siemens-Konzernbereichs Renewable Energy.

Die wichtigste Personalie ist zur Gründung ebenfalls geklärt: Der Niederländer Paul van Son soll die Pläne als Chief Executive Officer (CEO) vorantreiben. Innerhalb der kommenden drei Jahre muss der 56 Jahre alte Energiemanager, der für den niederländischen Versorger Essent das Deutschland-Geschäft aufgebaut hat, eine sogenannte „road map“ erstellen. Er muss Investoren suchen und erste Referenzprojekte anstoßen, etwa ein Solarkraftwerk am Meer, gekoppelt mit Windkraft, und eines mitten in der Sahara. Deutlich vor dem Jahr 2020 soll ein Solar- und Windkraftprojekt in Nordafrika umgesetzt werden. Es gebe die berechtigte Hoffnung, sagt ein Eingeweihter, dass alles schneller gehen könnte als geplant.

Ein Prestige-Projekt für München

Die Entwicklung riesiger Solarthermie-Fabriken im Norden Afrikas soll von München aus gesteuert werden. Angeblich hat sich Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer dafür eingesetzt, das Prestige-Projekt in die Landeshauptstadt zu holen. Weil Desertec aber nicht ein rein deutsches Projekt sein soll, gilt in Konsortialkreisen eine starke Verwaltungsniederlassung in Nordafrika als ausgemacht. Schon bald sollen internationale Unternehmen den Kreis der 13 Gründungsgesellschafter erweitern, zu dem neben Siemens überwiegend deutsche Industrieunternehmen wie Schott Solar, Eon und RWE gehören, aber auch einige ausländische wie Abengoa Solar aus Spanien oder Cevital aus Algerien. Aus der Finanzbranche kommt neben dem Rückversicherungskonzern Munich Re, der die Moderatorenrolle übernommen hat, auch die Deutsche Bank, zuständig für Finanzierungsfragen. „Die Deutsche Bank übernimmt einen aktiven Part in der Planungsphase“, sagt der Managing Director und Projektverantwortliche Thomas Rüschen. „Wir verfügen über langjährige Erfahrung in der Finanzierung von großen Infrastrukturprojekten.“

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Der Imagegewinn ist allen Gesellschaftern sicher: In der Öffentlichkeit feiern sie sich als Klimabotschafter. Viele Interessenten wollen bei Desertec dabei sein. „Ich rechne damit, dass schon schnell nach der Gründung weitere Partner einsteigen werden“, sagt Siemens-Vorstand Umlauft. Bereits vor der offiziellen Gründung der Desertec GmbH hat es intensive Kontakte im Ausland gegeben. In den vergangenen Wochen wurden Gespräche mit Interessenten aus Spanien und Italien, aus dem arabischen Raum und aus nordafrikanischen Ländern geführt. Ganz konkret soll Ägypten eine Beteiligung angefragt haben. Teuer ist das nicht. Weil die Gründungsgesellschaft steuert und koordiniert, bleibt der Jahresetat überschaubar. Er soll bei 1,8 Millionen Euro liegen, aufgebracht vom Desertec-Gründerkreis.

Zu ihm zählt die Desertec Foundation, die Stiftung des Physikers und „Sonnenenergie-Pioniers“ Gerhard Knies. Die Gründung der GmbH ist sein persönlicher Triumph. „Was engagierte Bürger erreichen können, das zeigt die Desertec-Initiative“, sagt Friedrich Führ, Vorstand in Knies’ Desertec-Stiftung. Der heute 72 Jahre alte Knies hat nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl mit seinen Sonnenenergieforschungen begonnen, fand rasch Unterstützung im Club of Rome, wurde aber von großen Teilen der Industrie lange als „Spinner“ gemieden. Heute stehen Weltkonzerne hinter der Idee, Knies’ Stiftung wacht über die Integrität. Gesucht wird auch noch ein Umweltbotschafter von internationalem Rang, einer wie der frühere Umweltpolitiker Klaus Töpfer.

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Die Technologien sind erprobt

Die Technologien sind erprobt: Ob Solarthermie, Windkraft zu Land (Onshore) und zu Wasser (Offshore), aber auch der Stromtransport über weite Strecken per Hochspannungsgleichstromübertragung (HGÜ) gelten als technologisch ausgereift. Neun Solarthermie-Anlagen arbeiten schon seit Jahren in der kalifornischen Mojave-Wüste. Im Sommer wurde Andasol 1, das größte und erste kommerzielle solarthermische Kraftwerk Europas, im Süden Spaniens eröffnet. Der Desertec-Plan sieht indes einige hundert Kraftwerke vom Typ Andasol 1 vor. Fachleute weisen darauf hin, dass für die Umsetzung noch etliche Hürden zu nehmen sind. Denn die Anforderungen an die einzelnen technischen Komponenten sind angesichts der klimatischen Bedingungen in der nordafrikanischen Wüste extrem. Verglichen mit den Fortschritten in der Technologie, sagen Experten, seien dies aber eher Details – und damit ebenso lösbar wie der Bau einer Mondlandefähre vor 40 Jahren.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Peitsmeier, Henning
Henning Peitsmeier
Wirtschaftskorrespondent in München.
Autorenporträt / Köhn, Rüdiger (kön.)
Rüdiger Köhn
Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.
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