Erklär mir die Welt (24)

Warum wird nicht mehr Geld gedruckt?

Von Gerald Braunberger
Aktualisiert am 28.11.2006
 - 08:57
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Die Idee klingt gut: Die Zentralbank gibt den Bürgern einfach mehr Geld. Doch das nützt leider nicht - das Geld verliert seinen Wert. Oder kann das Anwerfen der Notenpresse doch wie ein Konjunkturprogramm wirken?

Eigentlich klingt die Idee doch gar nicht blöde. Warum wird nicht einfach mehr Geld gedruckt, um wirtschaftliche Probleme zu lösen? Warum beseitigt man die Armut nicht einfach, indem jede(r) Arme einen 500-Euro-Schein zusätzlich im Monat erhält?

Diese Idee klingt um so verführerischer, als die Herstellung des Geldes ungeheuer billig ist im Vergleich zum Nennwert einer Banknote. Eine Banknote über 500 Euro kostet die Europäische Zentralbank (EZB) nur einen Bruchteil ihres Wertes. Noch billiger wäre die unbare Überweisung zusätzlichen Geldes auf die Bankkonten der Bevölkerung, die nahezu gar nichts kostete. Die EZB gibt das Geld allerdings nicht direkt an Unternehmen und Verbraucher aus, sondern an Geschäftsbanken, die es dann an ihre Kunden weiterleiten.

Anwerfen der Notenpresse führt zur Inflation

So verführerisch die Idee klingt, wirtschaftliche und soziale Probleme ließen sich durch das Anwerfen der Notenpresse lösen, so irrig ist sie. Denn ein Zuviel an Geld führt zur Geldentwertung, der Inflation. Das abschreckendste Beispiel bildet bis heute die große Inflation von 1923: Damals kursierten Geldscheine mit Nennwerten über viele Millionen und Milliarden Mark, für die man sich am Ende nichts mehr kaufen konnte, weil das offizielle Geld so wenig realen Wert hatte wie das Spielgeld bei Monopoly. Nein, Geld alleine macht nicht glücklich - das Geld muß auch werthaltig sein.

Damit das Geld Wert besitzt und bewahrt, muß seine umlaufende Menge in einem zumindest annähernd stabilen Verhältnis zur Menge an Gütern und Dienstleistungen stehen, die sich mit dem Geld kaufen lassen. Der Zusammenhang ist unmittelbar einsichtig für das Lieblingsmodell vieler Ökonomen: eine Wirtschaft, die auf vollen Touren läuft, keine Arbeitslosigkeit kennt und in der alle Fabriken voll ausgelastet sind. Nehmen wir an, in einer solchen Wirtschaft vergrößerte die Zentralbank plötzlich die Menge des umlaufenden Geldes. Das Problem ist, daß die Verbraucher mit diesem zusätzlichen Geld nicht mehr Güter und Dienstleistungen kaufen können, da alle Fabriken ausgelastet sind und eine Mehrproduktion an Gütern daher gar nicht schnell machbar ist - der Bau neuer Fabriken würde lange dauern. Anstatt mehr zu produzieren, würden die Unternehmen auf die Ausgabe zusätzlichen Geldes mit Preiserhöhungen reagieren. Das Geld verlöre damit einen Teil seines Wertes, das heißt: Für eine Geldeinheit kann man weniger kaufen als zuvor. Wirklich reicher wäre niemand.

Reale Welt und Lehrbuchwelt

Nun hat die reale Welt mit der Lehrbuchwelt wenig zu tun. In der realen Welt sind weder alle Arbeitsuchenden beschäftigt noch alle Fabriken voll ausgelastet. Wird auch in diesem Falle die Ausgabe zusätzlichen Geldes höhere Preise zur Folge haben?

Das ist zumindest am Anfang nicht sicher. Denkbar ist nämlich auch, daß Unternehmen auf die zunehmende Nachfrage nach ihren Gütern durch das zusätzliche Geld mit einer Erhöhung ihrer Produktion reagieren, indem sie vorhandenes Personal länger arbeiten lassen und eventuell sogar zusätzliches Personal einstellen und so ihre Fabriken besser auslasten. Sie produzieren mehr Güter, ohne notwendigerweise deren Preise zu erhöhen.

Programm zur Belebung der Konjunktur

Die Ausgabe zusätzlichen Geldes wirkt damit wie ein Programm zur Belebung der Konjunktur und führt so zu einer Zunahme des materiellen Wohlstandes. Dieser Prozeß könnte so lange dauern, bis die Wirtschaft wieder auf Hochtouren läuft und kurzfristig nicht zusätzlich produzieren kann. Dann würde zusätzliches Geld wieder höhere Preise zur Folge haben.

Recht lehrreich ist in diesem Zusammenhang ein Blick auf die aktuelle Wirtschaftslage in Deutschland. Das unerwartet kräftige Wirtschaftswachstum (auch in anderen europäischen Ländern) ist fraglos zum Teil das Ergebnis einer großzügigen Ausgabe von Geld durch die Europäische Zentralbank in den vergangenen Jahren. Damit hat die Zentralbank die Produktion von Gütern und Dienstleistungen angeregt und die Schaffung von Arbeitsplätzen erleichtert, ohne daß die Inflationsrate gestiegen wäre. Nachdem die Wirtschaft in Schwung gekommen ist, dürfte die Zentralbank in Zukunft darauf achten, daß die Menge an Geld nicht weiter rasch wächst und die Preise vielleicht doch einmal stark steigen.

Zentralbanken zeigen mehr Verantwortung als früher

Diese ökonomischen Zusammenhänge sind allerdings keine strengen Gesetze. So hat die japanische Zentralbank in der Krise der 90er Jahre ihre Wirtschaft geradezu mit Geld zugeschüttet, ohne daß viel passierte. Viele Menschen besaßen kein Vertrauen in die Zukunft und gaben das zusätzliche Geld nicht aus, sondern sparten es einfach.

Als Fazit bleibt festzuhalten, daß die Zentralbanken mit ihrem Geld heute verantwortungsvoller umgehen als früher. Die Inflationsraten sind in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zurückgegangen.

Deutschland 1915-30: Banknoten ohne jeden Wert

Im November 1923 waren viele Deutsche Milliardäre. Damals kursierten Banknoten im Nennwert von 200 und 500 Milliarden Mark. Kaufen konnte man sich für das Geld allerdings so gut wie nichts: In Berlin kostete am 21. November 1923 eine Straßenbahnfahrt 150 Milliarden Mark. Die Inflation von 1923 besaß ihre Ursache in den Kosten des Ersten Weltkriegs und dem Unwillen der Regierung, eine seriöse Wirtschaftspolitik zu betreiben. So rotierten die Notenpressen, bis das Geld nichts mehr wert war. Die größte Inflation der Weltgeschichte endete mit der Einführung einer neuen Währung, der Rentenmark.

Deutschland 1938-53: Zigaretten statt Geld

Ein Vierteljahrhundert nach der großen Inflation von 1923 war die deutsche Währung schon wieder kaputt. Die unseriöse Finanzierung des Zweiten Weltkriegs durch die Notenpresse sowie der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung und der Wirtschaft hatten Mitte der vierziger Jahre den Wert der Reichsmark unterminiert, auch wenn das Ausmaß der Geldentwertung weniger schlimm war als 1923. Dennoch übernahmen vorübergehend Zigaretten die Funktion der Währung. Mit den Währungsreformen des Jahres 1948 endete im Westen wie im Osten Deutschlands das Zeitalter der entwerteten Reichsmark.

Großbritannien 1970-85: Geld ersetzt keine Reform

Die britischen Erfahrungen belegen, daß auch in stabilen demokratischen Staaten die Versuchung entstehen kann, durch zusätzliches Geld wirtschaftliche Probleme zu lösen. Großbritannien litt seinerzeit an einer hartnäckigen Wachstumsschwäche, die sich überwiegend aus veralteten Wirtschaftsstrukturen und einer sehr starken Gewerkschaftsmacht erklärte. Versuche, die Wirtschaft durch die Ausgabe von Geld anzukurbeln, hatten zweistellige Inflationsraten zur Folge. Erst mit den Reformen der konservativen Regierung unter Margaret Thatcher kehrte Großbritannien zu einer Politik stabilen Geldes zurück.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 26.11.2006, Nr. 47 / Seite 60
Autorenporträt / Braunberger, Gerald
Gerald Braunberger
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