Krankenkassen

Große Kassen, bessere Gesundheit

Von Dyrk Scherff
28.09.2009
, 08:54
Die Krankenkassen fusionieren. Das kommt den Patienten zugute: Die Leistungen werden besser, und die Beiträge steigen nicht so schnell. Doch die Nachteile stecken im Kleingedruckten.
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Die kleinste deutsche Krankenkasse hat zwei Mitarbeiter und betreut damit knapp 600 Mitglieder. Die sind fast alle Mitarbeiter oder Exmitarbeiter des schwäbischen Stoffeherstellers Gaenslen und Völter, der die Kasse 1883 unter dem Namen G&V BKK gründete. Überlebensfähig ist der Kassen-Winzling nur durch die Kooperation mit einer größeren Kasse.

Es gibt noch eine Handvoll weiterer solcher Minikassen in Deutschland. Und die Hälfte der rund 180 gesetzlichen Krankenkassen hat weniger als 50.000 Mitglieder, das ist auch nicht viel. Ihre Zahl schrumpft aber. Denn die Kassen fusionieren oder werden von den größeren übernommen.

Fusionen an sich unbedenklich

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In der vergangenen Woche ist noch mehr Schwung in das Fusionskarussell gekommen. Jetzt verbinden sich auch die großen Kassen untereinander: Die Barmer will am 1. Januar die Gmünder Ersatzkasse mit ihren 1,7 Millionen Versicherten übernehmen und damit wieder zur größten deutschen Krankenkasse werden. Sie verdrängt dann die Techniker Krankenkasse von ihrem Platz, die erst im Januar nach der Fusion mit der IKK direkt zur Nummer eins aufgestiegen war.

Für die Versicherten sind die vielen Fusionen noch nicht bedenklich. Es gibt in jeder Region noch genug Auswahl an Kassen. Für die Kunden der kleineren, übernommenen Kasse bedeutet ein Zusammenschluss zunächst einmal, dass sie eine neue Versichertenkarte bekommen und meist neue Ansprechpartner. Der Beitrag bleibt gleich, denn es gilt ein Einheitssatz für alle Kassen: 7,9 Prozent beträgt der Arbeitnehmeranteil.

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Größer werden für den Leistungskampf

Und was ändert sich sonst? Bringt eine Fusion den Mitgliedern Vorteile? Häufig schon. Das fängt damit an, dass die Mitglieder oft den Zusatzbeitrag sparen, den einige Kassen ohne Fusion erheben müssten. Den schlagen sie auf den Einheitsbeitrag auf, wenn sie mit den Einnahmen nicht hinkommen. Er darf maximal ein Prozent vom Einkommen betragen. Bei der Gmünder Ersatzkasse, wird spekuliert, wäre noch in diesem Jahr ein solcher Zusatzbeitrag fällig geworden, wenn es nicht die Pläne mit der Barmer gäbe. Häufiges Motiv für Fusionen ist die Finanznot einer der beteiligten Kassen.

Die übernehmende Kasse gewinnt durch den Zusammenschluss mehr Marktmacht. „Ein zweistelliger Marktanteil zumindest in einer Region ist dafür zwingend notwendig“, sagt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen. Stärke wird immer wichtiger in einer Welt, in der Wettbewerb unter den Kassen nicht mehr über die Beitragshöhe, sondern über die Leistungen ausgetragen wird. Je größer die Kasse, desto leichter kann sie in Vertragsverhandlungen mit Krankenhäusern, Pharmafirmen und Ärzten niedrigere Preise, besseren Service und eine bessere Behandlung durchsetzen.

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Bessere Verträge, bessere Leistungen

Davon profitieren die Patienten. Durch die Verträge mit Hausärzten sollen sie schneller einen Termin bekommen. Wer sich für Ärzte entscheidet, mit denen die Kasse einen Vertrag geschlossen hat, wird zudem teilweise von der Praxisgebühr entlastet. Große Kassen setzen auch höhere Rabatte in Preisverhandlungen mit Pharmafirmen durch. „Die Ermäßigungen können bis zu 50 Prozent betragen. Kleine Kassen bekommen deutlich weniger“, schätzt Wasem. Patienten profitieren von den Rabatten oft über eine Befreiung von der Zuzahlung in der Apotheke.

Zudem können große Kassen spezielle Versorgungsverträge aushandeln, etwa für Patienten mit Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Rückenleiden. Im Rahmen der Integrierten Versorgung wird die Behandlung solcher Patienten besser zwischen Arzt, Krankenhaus und Reha-Einrichtung koordiniert. Das verbessert und beschleunigt in der Regel die Behandlung. Solche Verträge zu schließen ist aufwendig und lohnt nicht für kleine Kassen. Allerdings sind diese Verträge auch über eine Kooperation mehrerer Kassen zu erreichen. Eine Fusion ist dazu nicht nötig.

Sie bringt aber oft mehr Effizienz bei den Ausgaben. Denn in größeren Kassen lohnt sich der verstärkte, aber teure Einsatz von Computertechnik stärker als bei kleinen Anbietern. Die Versicherten könnten davon profitieren, denn das hilft, Zusatzbeiträge zu verhindern. Kostensenkungen in der Verwaltung fallen hingegen kaum ins Gewicht, weil die Verwaltungskosten nur 6 Prozent der Gesamtausgaben ausmachen.

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Kartellgefahren

Aber Kassenfusionen haben nicht nur Vorteile. Sie fördern auch Zusammenschlüsse auf der Gegenseite: Es bilden sich schon jetzt Krankenhaus-Ketten und Ärztenetze, die ihre Position gegenüber den Kassen stärken wollen. Das ermöglicht zwar, dass neuartige, aber teure Behandlungsmethoden eine Chance bekommen. Aber außerhalb der Verbünde bleiben immer weniger unabhängige Kliniken und Ärzte übrig. „Das schränkt die Wahl für die Patienten ein, gerade auf dem flachen Land“, warnt Günter Neubauer vom Münchner Institut für Gesundheitsökonomik.

Der Versicherte muss sich dann in den Kooperationsvertrag seiner Kasse mit einem Ärztenetz einschreiben. Das spart vielleicht Geld, weil er von der Praxisgebühr befreit ist. Aber es birgt auch Gefahren. Denn die Kassen setzen in Verträgen mit Ärzten oft Anreize, nur bestimmte Medikamente zu verschreiben, für die sie einen Rabattvertrag mit Pharmafirmen ausgehandelt haben. „Der beste Wirkstoff könnte dem Patienten so vorenthalten werden“, befürchtet Neubauer. Den Versicherten bleibt nur, sich von der Kasse die Verträge und deren Folgen genau erklären zu lassen. Und im Zweifel lieber nicht der Verlockung geringer Zuzahlungen zu erliegen. Oder die Kasse zu wechseln.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Scherff, Dyrk
Dyrk Scherff
Redakteur im Ressort „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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