Kurt Biedenkopf im Interview

„Die Jungen sind egoistischer als die Alten“

26.02.2014
, 10:49
Kurt Biedenkopf ist im Januar 84 Jahre alt geworden. Wie hält er sich fit? „Sport ist nicht so meine Sache. Stattdessen habe ich die Vorzüge des gesunden Essens entdeckt.“
Kurt Biedenkopf warnte früh vor einem Kollaps des umlagefinanzierten Rentensystems. Im Interview spricht er über den Kampf der Generationen, die fatalen Folgen der Rente mit 63 und die Angst der Alten vor dem Alleinsein.
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Herr Biedenkopf, haben die Alten die Macht im Land übernommen?

Sicher nicht. Aber selbst wenn sie eines Tages die Mehrheit bilden, könnten sie ihre Kinder und Enkel nicht zwingen, länger und härter zu arbeiten, um Renten zu bezahlen, die sie heute für ihr Alter beschließen. Die Jungen werden sich nicht ausbeuten lassen.

Wieso? Die große Koalition beschließt die Rente mit 63, lässt sie von den Jungen bezahlen – und die geben keinen Mucks.

Warum sollten sie? Sie werden ihre Antwort geben, sobald sie die Verantwortung übernehmen. Und die wird den Alten nicht gefallen.

In Umfragen sind 90 Prozent für die Rente mit 63. Also alle!

Das haben Rentenversprechen so an sich. Vor allem, wenn sie als Akt der sozialen Gerechtigkeit verkauft werden und die Kosten im Dunkeln bleiben. Warum sollte eine Bevölkerung, die über Jahrzehnte an staatliche Wohltaten gewöhnt wurde, diese Wohltat plötzlich ablehnen? Zumal dann, wenn die Folgen nicht offensichtlich sind?

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Die Politiker verschleiern?

In der Tat: Die Verantwortung liegt bei denen, die dem Volk auch in Zukunft ein gutes Leben sichern wollen. So steht es in der Regierungserklärung von Kanzlerin Angela Merkel. Aber dann kommt wenig Konkretes. Kein Wort über die zukünftigen Kosten der gesetzlichen Rentenversicherung und über die voraussichtlichen Lasten der Jüngeren. Das ist nicht genug.

Die Rentner werden mit Wahlversprechen manipuliert?

Das hat eine lange Tradition. Auch der jüngste Bundestagswahlkampf hat wieder gezeigt: Versprechen werden gemacht, von denen klar ist, dass die so nicht eingehalten werden können. Später werden solche Versprechen dann zurückgenommen – meistens so, dass die Rentner die Wirkungen nicht sofort durchschauen können. Kein Wunder, dass die Menschen einem System nicht mehr vertrauen, das von der Unmündigkeit des Bürgers ausgeht.

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Wie entsteht Rentenpolitik? Sagt der Parteivorstand: So, wir brauchen mehr Rentner als Wähler, also her mit der Rente mit 63?

Es läuft eher so: Die Sozialpolitiker diskutieren über neue sozialpolitische Maßnahmen und begründen sie mit dem Gebot der sozialen Gerechtigkeit. Was das genau ist, definieren sie selbst. Die höhere Rente für Mütter mit vor dem 1. Januar 1992 geborenen Kindern, die jetzt beschlossen wurde, ist ein gutes Beispiel. Der bisherige Stichtag musste dem Gebot der sozialen Gerechtigkeit weichen. Dabei hat jede derartige Regelung einen Stichtag. Die Neuregelung wirkt deshalb als willkürliche Politik. Man kann mit sozialer Gerechtigkeit viel begründen und verführen – auch den Verstand, der uns rät, Maß zu halten.

Was wäre stattdessen richtig?

Unser Sozialsystem regt die „Leistungsempfänger“ kaum an, selbst mitzudenken und Eigenverantwortung zu übernehmen. Unser staatliches Rentensystem ist durch ständige Interventionen geprägt. Kein Rentner kann es mehr verstehen. Statt ihm eine verstehbare Ordnung zu geben, wird es immer komplizierter. Es belastet zunehmend die öffentlichen Haushalte – obwohl wir immer dringender Geld brauchen für Bildung, Forschung, Technologie. Diese Bereiche sichern die zukünftige Leistungsfähigkeit der Jüngeren. Interessant ist, dass das die Politik der geburtenstarken Jahrgänge ist. Den Jüngeren liefern sie damit später gute Argumente gegen die Ansprüche der dann Älteren!

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Die Babyboomer werden von ihrer Rentenpolitik nicht profitieren?

Wie wird denn das gute Leben der geburtenstarken Jahrgänge aussehen, wenn sie in 20 Jahren in Rente gehen? Viele werden auf Grundsicherung angewiesen sein und aufzehren, was sie gespart haben.

Ist Deutschland eine Rentnerdemokratie?

Dafür gibt es Anzeichen. Die große Koalition macht Politik in Übereinstimmung mit der Anspruchshaltung der geburtenstarken Jahrgänge. Doch diese Haltung hat keine Zukunft. Was diese Gruppen sich versprechen, ist nur bedingt erfüllbar.

Kann man in Deutschland Wahlen gegen die Rentner gewinnen?

Meine Erfahrung lehrt mich: mit guten Argumenten immer! Als ich 1990 in Sachsen kandidierte, habe ich den Leuten gesagt: Blühende Landschaften gibt es nicht morgen. Das braucht eine Generation. Das war mehrheitsfähig. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, die Menschen seien unmündig – Kinder von Vater Staat gewissermaßen! Dass Gerhard Schröder an seinem Reformpaket scheiterte, lag nicht an den Wählern, sondern an seiner Partei.

Sind große Reformen möglich in einer Demokratie?

Das ist die Schlüsselfrage. Käme man zu dem Ergebnis, unsere Form der Demokratie sei unfähig, sich zu begrenzen, dann wäre sie nicht zukunftstauglich. In jeder Regierungsform sind die Regierenden versucht, den Menschen etwas zu versprechen, um sich ihre Gefolgschaft zu sichern. Aber in den letzten Jahren sehe ich eine Veränderung in der deutschen Gesellschaft: Sie ist ansprechbar für den Gedanken der Begrenzung.

Trotz der Rente mit 63?

Das ist nur ein Teil der Kette jener Fehlentscheidungen, die seit den 80er Jahren bei der staatlichen Alterssicherung getroffen werden. Sie beruht auf der Annahme einer umlagefinanzierten Rente, eines Systems, dem die Geschäftsgrundlage abhandengekommen ist: Die nachfolgende Generation ist nicht so zahlreich und leistungsfähig wie die vorhergehende.

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Die Alten können die Jungen doch einfach länger arbeiten lassen?

Die Alten mögen die Mehrheit haben. Aber sie haben deshalb nicht die Macht. Was für eine Macht soll das sein? Durch Gesetze kann man die dann Aktiven kaum zwingen, mehr zu arbeiten für den Lebensabend der Älteren. Vor allem aber: Die Interessen der Alten werden höchst verschieden sein. Die Großeltern und Eltern werden die Jungen eher vor Ausbeutung schützen, als sich daran zu beteiligen. Es wird keine Partei der Alten geben.

Sie haben zwölf Enkel im Alter von vier bis 20 Jahren. Die würden nicht einfach auswandern?

Warum sollten sie? Sie werden keinen Grund dazu haben. Statt Konflikt wird es eher neue Formen des Zusammenlebens geben, in dem etwa die 70-Jährigen die 90-Jährigen pflegen, weil die Jüngeren für anderes gebraucht werden – sich aber nicht zwingen lassen.

Wie sollen sich die Jungen denn schon groß wehren?

Sie können einen Wissenschaftler nicht zwingen, etwas zu erfinden, damit die technische Leistungsfähigkeit des Landes zunimmt. Das setzt, wie jede Leistung, Freiheit voraus. Sollten die Älteren versuchen, Druck auszuüben, werden sie sich selbst schaden. Warum sollten sie das? In Wirklichkeit wird sich zeigen: die Generationen werden aufeinander angewiesen sein und sie werden sich auch so verhalten. Wenn sich das, was Umfragen über die Erwartungen der Jüngeren ergeben, nicht grundlegend verändert, werden sie Familie, Freunden, Gemeinschaft und Vereinswesen eine höhere Bedeutung beimessen – und den rein wirtschaftlichen Aspekten und ihrem ständig wachsenden Leistungsdruck eine geringere.

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Überfordern die Alten die Jungen mit ihren Ansprüchen?

Nicht die Alten, sondern die gegenwärtige „Immer schneller“-Lebensweise. Schon heute hat sich zu ihr ein gefährliches Korrektiv entwickelt: das schnelle Anwachsen psychischer Krankheiten. Sicher kein Ausdruck des glücklichen Lebens.

Die Jungen werden streiken?

Nochmals nein! Eine Gesellschaft, die lernt, sich zu begrenzen, ist möglicherweise viel glücklicher als eine, die immer mehr will, nur um den Betrieb aufrechtzuerhalten.

Das klingt schlecht fürs Wachstum.

Reines Wirtschaftswachstum führt schon lange nicht mehr zur Vermehrung von Wohlstand. Es soll Arbeitsplätze schaffen und den sozialen Frieden sichern. Dafür verschulden wir uns seit Jahrzehnten. Jetzt fragen die Jungen: wie ist dieser Riesenschuldenberg zustande gekommen? Mit der Antwort ihrer Eltern, um unseren Wohlstand zu sichern, werden sie weder zufrieden noch bereit sein, sich mehr ins Zeug zu legen, um diese Schulden abtragen zu helfen

Wie sollen sich die Jungen den Ansprüchen der Alten entziehen?

Die Jungen werden ihr eigenes Leben gestalten. Es wird nicht mehr ausschließlich durch die Ökonomie definiert. Werte wie Zusammenleben werden wichtiger werden. Was wollen Sie als Alter denn machen, wenn sich die Jungen entscheiden, bescheiden zu leben – auch mit Blick auf die Existenzansprüche der großen Mehrheit der Menschen.

Ausgerechnet die Generation iPhone soll Konsum ablehnen?

Ein iPhone ist weit weniger wert als ein Auto. Und was werden die Jungen vorziehen? Car-Sharing! Davor zittert die Autoindustrie.

Sind Alte eigentlich egoistisch?

Eher weniger als die Jüngeren. Die Bereitschaft der Rentner, Kinder und Enkel mit Geld zu unterstützen, nimmt zu; und dies in allen Einkommensschichten.

Eigentlich teilen Rentner gern?

Ja, auch weil sie nicht alleine sein wollen. Weil sie es für richtig halten zu geben, weil sie das als solidarisch empfinden. Weil es ihnen Freude macht, weil sie gerne Teil des Lebens der nachwachsenden Generationen bleiben wollen.

Teilen Sie in Ihrer Familie gern?

Die Enkel wissen, dass wir ihnen helfen werden, wenn Not am Mann ist – und darüber hinaus. Umgekehrt würde ich meine Enkel niemals in Anspruch nehmen, außer, ich selbst käme in eine Notlage. Dieses Zusammenleben muss geübt werden.

Der Renten-Rebell

Bereits in den 70er Jahren warnte der Jurist, Hochschulprofessor und CDU-Politiker Kurt Biedenkopf vor einem Kollaps des umlagefinanzierten Rentensystems und plädierte immer wieder für eine steuerfinanzierte Grundrente, womit er sich in seiner eigenen Partei isolierte. In den 90ern geriet Biedenkopf in steten Konflikt mit CDU-Rentenminister Norbert Blüm. Zwischen 1990 und 2002 regierte er als Ministerpräsident in Sachsen mit absoluter Mehrheit, er lebt auch heute in Dresden. Im Januar wurde er 84 Jahre alt.

Das Gespräch führte Hendrik Ankenbrand.

Quelle: F.A.S.
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