„Negative Strompreise“

Verbraucher zahlen für Überangebot an Öko-Strom

Von Andreas Mihm
10.12.2009
, 14:01
Noch ist es für die Stromproduzenten ökonomisch günstiger, Kohlekraftwerke durchlaufen zu lassen, statt Speicher zu bauen
Stromkunden müssen von Januar an über die Öko-Strom-Umlage dafür bezahlen, wenn ein Überangebot an Strom dazu führt, dass Öko-Strom nur noch „verkauft“ werden kann, wenn der Anbieter dem Abnehmer dafür eine Prämie zahlt. 18mal schon sind 2009 „negative Preise“ notiert worden.

Strom könnte im kommenden Jahr für die deutschen Verbraucher teurer werden - aber nicht weil die Konzerne mehr verlangen, sondern weil überschüssiger Windstrom anfällt, der nur an den Mann gebracht werden kann, wenn der Verkäufer dem Käufer dafür etwas bezahlt. Das ist ungewöhnlich, denn normalerweise zahlt der Käufer dem Verkäufer. Weil aber zuweilen so viel Wind bläst, finden sich für den damit produzierten Strom nicht genug Käufer. Um den Strom loszuwerden, muss der Verkäufer draufzahlen.

Allein in diesem Jahr hat die Bundesnetzagentur 18 Mal negative Preise registriert. Anfang Oktober waren es nach Angaben eines Marktteilnehmers sogar kurzzeitig bis zu 1500 Euro je Megawattstunde. So viel mussten die Verkäufer zahlen, um Abnehmer für ihren Strom zu finden. In normalen Zeiten bekommt ein Verkäufer derzeit etwa 50 Euro für die Lieferung einer Megawattstunde Strom.

Nach dem Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) trägt am Ende vor allem der deutsche Stromkunde die Kosten für negative Preise. Wie hoch die Zusatzkosten unter dem Strich ausfallen, ist noch nicht absehbar. Das hängt vom weiteren Zubau erneuerbarer Energien ab und von einer marktnahen und "intelligenten" Nachfragesteuerung. Käme es künftig häufiger zu Negativpreisen an der Börse, womit die Börsenbetreiber nach einer Gesetzesänderung rechnen, fiele die Umlage für Erneuerbare Energien auf der Stromrechnung umso höher aus (Angebot und Nachfrage: An Wochenenden gibt es Strom-Schnäppchen).

Bild: F.A.Z.

Die Verbraucher zahlten damit aber nicht für zusätzlich erzeugten Ökostrom, sondern dafür, dass der hierzulande aufwendig produzierte grüne, kohlendioxidfreie Strom anderswo verbraucht wird. "Bei negativen Preisen steigt die Umlage, ohne dass mehr grüner Strom ins Netz eingespeist wird", bestätigt denn auch die Bundesnetzagentur. In diesem Jahr können Netzbetreiber die Verluste als Folge negativer Preise noch nicht umlegen (Strom-Tarifrechner).

Vattenfall: Bedrohlicher Fall von Marktversagen

Um die Kosten zu begrenzen, hat der Netzbetreiber Vattenfall Europe Transmission bei der Bundesnetzagentur schon eine geheim gehaltene Untergrenze für Negativpreise durchgesetzt. "Das ist ein Fall von Marktversagen, der für unser Unternehmen existenzbedrohend sein könnte", sagt der Chef der Netzsparte, Stefan Dohler. Im nächsten Jahr kann er die Kosten zwar auf die Netznutzer umlegen, doch muss er die Vorfinanzierung für Millionenbeträge alleine stemmen.

Für die Stromkäufer, etwa ausländische Pumpspeicherwerkbetreiber, bedeuten die Tage mit negativen Preisen einen doppelten Gewinn: Zuerst bekommen sie Geld dafür, um ihre Pumpwasserspeicher mit deutschem Ökostrom zu füllen, sodann erzeugten sie selbst Elektrizität und verkaufen diese zurück - auch nach Deutschland. "Ein schönes Geschäft auf Kosten deutscher Stromverbraucher", nennt das der Chef der halbstaatlichen Deutschen Energieagentur, Stephan Kohler.

Vom nächsten Jahr an könnte das öfter vorkommen. Denn dann sind die Netzbetreiber verpflichtet, Ökostrom, für den sie die EEG-Fördersätze an die Erzeuger zahlen, vollständig am Spotmarkt der Börse zu verkaufen. Dort dürfte sich die Menge des angebotenen Stroms glatt verdoppeln und damit die Zahl der "Preisausreißer" zunehmen, erwarten Fachleute. Die Netzbetreiber dürfen Ökostrom nicht ablehnen, sie müssen jede angebotene Kilowattstunde einspeisen.

Das summiert sich auf einen Milliardenbetrag. Für 2010 haben die Übertragungsnetzbetreiber eine EEG-Einspeisevergütung in Höhe von 12,7 Milliarden Euro kalkuliert. Den Gegenwert des eingespeisten Stroms an der Börse veranschlagten sie auf 4,5 Milliarden Euro. Die Differenz, 8,2 Milliarden Euro, wird über die EEG-Umlage den Verbrauchern auf die Rechnung geschlagen.

Wegen der Veränderung zum Jahreswechsel und der Sorge vor zu teuer zu verkaufendem Überangebot hat der Börsenrat der Epex-Spot-Börse, einer Tochtergesellschaft der deutschen und französischen Strombörse, jetzt eine Notbremse bei Preisen von minus 150 Euro eingebaut. Weil "der neue EEG-Wälzungsmechanismus negative Strom-Stundenpreise am Spotmarkt wahrscheinlicher macht, kann die Epex Spot künftig eine zweite Stundenauktion ansetzen, wenn die Preise unter minus 150 Euro je Megawattstunde sinken", teilte die Epex mit.

Eine neue Regel soll für Transparenz sorgen

Sinn der zum Jahresbeginn in Kraft tretenden neuen EEG-Regel ist es, die erneuerbaren Energien stärker mit dem Marktgeschehen zu verzahnen und für Transparenz zu sorgen. "Die Vermarktung aller EEG-Mengen ab Jahresanfang am Spotmarkt steigert die Transparenz und wird von der Energiewirtschaft unterstützt", sagt Hildegard Müller, Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft. Wie sich der Handel auf lange Sicht entwickelt, müsse man abwarten.

Kommt es in nachfrageschwachen Zeiten, etwa in der Nacht oder am Wochenende, unerwartet zu einem großen Schub an "grünem" Strom, werde der Preis in den Keller purzeln und negativ werden, sagt Thorsten Lenck vom Berliner Energiemarktbeobachter Energybrainpool voraus. Allerdings sind die Erzeuger von den Folgen dieser Marktreaktion weitgehend befreit, die Verluste werden über die EEG-Umlage sozialisiert und den Verbrauchern aufgebürdet. Mittelfristig, hofft der Energiemarktanalyst Lenck, könne der Markt Abhilfe schaffen: "Werden die Preise öfter negativ, würde es sich für Stromanbieter lohnen, Speicher zu bauen, um sie mit billigem Strom zu füllen oder eigene Kraftwerke herunterzufahren, um stattdessen geschenkten Strom abzunehmen."

Noch ist es nicht so weit. Für die Stromproduzenten war es bisher ökonomisch günstiger, Kohlekraftwerke einfach durchlaufen und weiter Strom produzieren zu lassen. Denn deren Abschaltkosten seien zu hoch und würden der Bilanz mehr schaden als Verluste im Stromhandel. Umweltverbände kritisieren das und wollen die Erzeuger in die Pflicht nehmen.

„Bitte nicht noch eine staatliche Unterstützung“

Dena-Chef Kohler weist noch auf einen anderen Umstand hin, der die Kosten der Umlage und die Preisausschläge an der Strombörse treiben dürfte "Wir werden die Windstromkapazitäten weiter ausbauen, und deshalb muss das Problem jetzt angegangen werden." Ziel müsse sein, die Ökostromproduktion besser zu steuern. Er will Nachfrage und Erzeugung besser verbinden. "Die Energieerzeuger sollten für ihre Windstromspitzen vermehrt solche Kunden ansprechen, die über speicherfähige Anlagen verfügen." Dazu zählt er Betreiber von Kühlhäusern, Supermarktketten mit ihren Kühleinrichtungen oder Betreiber von Nachtstromspeicheröfen. Letztlich sei für solche Dienstleistungen ein "intelligentes" und besser ausgebautes Stromnetz notwendig.

Die neuen Energieanbieter wollen das durch eine zusätzliche staatliche "Marktprämie" unterstützen. So sollten beispielsweise Betreiber von Biogasanlagen dafür eine Prämie bekommen, dass sie in windstarken Zeiten ihre Produktion drosseln und in schwachen Zeiten steigern. Dena-Chef Kohler hält von solchen neuen Hilfen wenig: "Bitte nicht noch eine staatliche Unterstützung."

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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