Pharmaindustrie zahlt für Anwendungsstudien

Bis zu 1000 Euro extra für den Doktor

Von Andreas Mihm
01.10.2009
, 12:30
Das Wartezimmer als Vorhof zur – gut bezahlten – Wissenschaft
Immer mehr Ärzte nehmen an bezahlten Studien der Pharmaindustrie teil. Dabei zahlen die Unternehmen Ärzten ein Extrahonorar, wenn sie bestimmte Arzneimittel verordnen und deren Wirkung auf den Patienten beobachten. Patienten wissen meist nicht, dass sie an einer solchen Studie teilnehmen.
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Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ist besorgt über die zunehmende Zahl sogenannter Anwendungsbeobachtungen in Arztpraxen. Dabei zahlen Pharmaunternehmen Ärzten ein Extrahonorar, wenn sie bestimmte Arzneimittel verordnen und deren Wirkung auf den Patienten beobachten und die Ergebnisse festhalten.

Patienten wissen meist nicht, dass sie an einer solchen Studie teilnehmen. Er habe den dringenden Verdacht, dass viele solcher Studien nicht wie vorgeblich aus wissenschaftlichen Gründen, sondern vor allem zur Verkaufsförderung veranlasst würden, sagte KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller der F.A.Z. unter Hinweis auf neue Zahlen der KBV. "Das ist nicht rechtens und besorgt uns sehr", sagte er und verlangte schärfere Auflagen für die Pharmaindustrie und Ärzte sowie eine bessere Patientenaufklärung.

Die Kassenärzte sollten sich bei der Zusammenarbeit mit Arzneimittelherstellern stärker zurückhalten, verlangte Müller. Für das Jahr 2008 hatte die KBV 85.000 Fälle registriert, in denen Ärzte an einer der 329 Anwendungsstudien zu 235 Präparaten teilnahmen. In diesem Jahr sei die Zahl der als Studienteilnehmer gemeldeten Ärzte um fast 5 Prozent gestiegen.

„Das ist nicht rechtens”: KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller
„Das ist nicht rechtens”: KBV-Vorstand Carl-Heinz Müller Bild: dpa

Bei knapp 150.000 niedergelassenen Ärzten und Psychotherapeuten nimmt demnach rechnerisch mindestens jeder zweite niedergelassene Arzt an einer solchen Studie teil. Faktisch dürfte laut KBV-Schätzungen wegen Mehrfachteilnahmen jeder vierte Kassenarzt an solchen Studien beteiligt sein. Wie viel Geld dabei insgesamt fließt, ist unklar, weil die Zahl der beteiligten Patienten nicht bekannt ist. Müller veranschlagt diese Zusatzeinkommen der Ärzte von der Pharmaindustrie "mindestens auf einen hohen zweistelligen Millionenbetrag".

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Honorare übersteigen Dokumentations- und Schulungskosten

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Jede zweite dieser Anwendungsbeobachtungen sei wohl überflüssig, vermutet der für hausärztliche Versorgung zuständige KBV-Vorstand. Deshalb könne man ihre Zahl "ohne Informationsverlust deutlich reduzieren". Das gelte gerade dann, wenn die Studie sich mit der Wirkung lange eingeführter und in ihrer Wirkung gut dokumentierter Präparate befasse.

Es spreche viel dafür, dass Untersuchungen oft nicht der Therapiesicherheit des Arzneimittels dienten, sondern den Umsatz des Unternehmens steigern sollten. Müller nannte als Beleg die Höhe des Honorars von 10 bis 1000 Euro, das der Arzt für jeden teilnehmenden Patienten erhalte. Das liege damit oft weit über etwaigen Dokumentations- und Schulungskosten, die allein sich der Arzt erstatten lassen dürfe.

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Keine pauschale Verteufelung der Studien

Auch die im Durchschnitt je Patient an den Arzt gezahlte Aufwandsentschädigung von 190 Euro übersteige wohl die Dokumentationskosten. Dagegen erreiche sie fast die Medikamentenkosten von durchschnittlich 196 Euro, die den Kassen durch die Verordnung der in eine Anwendungsbeobachtung einbezogenen Arzneien entstünden. So erkläre sich denn auch "ein Teil des Umsatzzuwachses von 1 Milliarde Euro", den Hersteller mit den an solchen Studien beteiligten Arzneien 2008 gegenüber dem Vorjahr erzielt hätten. Alles in allem hätten die Hersteller mit den Präparaten, für die Anwendungsbeobachtungen liefen, im vergangenen Jahr 7,2 Milliarden Euro umgesetzt - knapp ein Viertel jener 30 Milliarden Euro, die allein die gesetzlichen Kassen 2008 für Arzneimittel ausgaben. Hersteller unternähmen Anwendungsbeobachtungen bevorzugt für neue und teure Arzneien. Sie trügen damit möglicherweise "zu schnellen und unter Versorgungsaspekten ungerechtfertigten Umsatzsteigerungen bei", sagte Müller. "Das Ziel einer schnelleren Umsatzsteigerung ist sicher nicht von der Hand zu weisen."

Er warnte aber auch vor einer pauschalen Verteufelung der Studien. Gerade bei neu eingeführten Arzneien gebe es oft zu wenig Informationen über Wirkungen und Nebenwirkungen von Medikamenten. Um die zu dokumentieren, seien Studien sinnvoll. Diese müssten aber wissenschaftlichen Kriterien genügen.

KBV verlangt gesetzliche Regelung

Um die Grauzone besser auszuleuchten, verlangt die KBV eine Reihe von Änderungen am Meldeverfahren für die Studien. Pharmahersteller müssten verpflichtet werden, die Ergebnisse der Anwendungsbeobachtungen in einer zentralen und allgemein zugänglichen Datenbank zu veröffentlichen. Die bestehende Selbstverpflichtung der Pharmahersteller reiche nicht aus. Gesetzliche Konsequenzen seien notwendig, Form und Inhalt des Meldeverfahrens verbesserungswürdig.

Auch bei den Ärzten gebe es Verbesserungsbedarf. So sollen Vertragsärzte ihren Patienten mitteilen, etwa mit Aushängen, ob sie grundsätzlich an Anwendungsbeobachtungen teilnähmen. Gegebenenfalls seien die Patienten "möglichst umfassend aufzuklären und deren Einverständnis einzuholen", sagte Müller. Allgemein gelte: "Anwendungsbeobachtungen zu Marketingzwecken sind in keiner Weise akzeptabel, sie sind kein Standbein für eine Arztpraxis und im Zweifelsfall geeignet, das Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient zu unterminieren."

Quelle: F.A.Z.
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
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