Schweizer Gesundheitssystem

Die teuren Schweizer Zähne sind besonders sauber

21.07.2003
, 17:22
BERN, 21. Juli. Wenn im Zuge der geplanten Reform des Gesundheitswesens in Deutschland Zahnarztkosten nicht mehr von gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, dann stöhnen gewiß die Bürger, doch ihren Zähnen wird es vermutlich besser gehen.
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BERN, 21. Juli. Wenn im Zuge der geplanten Reform des Gesundheitswesens in Deutschland Zahnarztkosten nicht mehr von gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden, dann stöhnen gewiß die Bürger, doch ihren Zähnen wird es vermutlich besser gehen. Das sieht man an den Schweizern: Ihr Gebiß ist nicht gesetzlich versichert, daher wird es sorgfältiger gepflegt. Man spart teures Bohren durch intensives Bürsten. Schweizer Versicherer übernehmen die Kosten ohne Zusatzdeckung nur, wenn es sich um einen Unfall handelt oder eine dentale Behandlung unvermeidbar war, was nur bei chronischen Zahnfleischentzündungen oder nach Krebsbestrahlungen zutrifft. Zerstört dagegen Karies die Zähne oder braucht man gar eine Brücke, dann gibt es zwei Möglichkeiten: Man zahlt aus eigener Tasche oder reicht die Rechnung bei einer privaten Zusatzversicherung ein.

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Die wenigsten Schweizer haben solch eine Versicherung. Peter Jäger von der Schweizerischen Zahnärzte-Gesellschaft (SSO) in Bern schätzt, daß nur 10 bis 15 Prozent der Eidgenossen ihre Zähne versichern. Das sei zu teuer, sagt er, weil solche speziellen Zahnversicherungen schlechte Risiken anzögen. Daher werden in der Regel nur die Kinder versichert, was etwa 11 Franken (7 Euro) monatlich kostet. Wenn die Zeit der Zahnkorrekturen, zum Beispiel durch teure Spangen, vorüber ist und die Kinder größer sind, kündigt man die Versicherung wieder.

Erwachsene zahlen den Dentisten meist aus eigener Tasche. Denn wer sein Gebiß nicht so zeitraubend pflegen mag und lieber das Zahnfäulerisiko mit einer Versicherung abdecken will, der muß bis zu 83 Franken monatlich berappen. Billiger wird es nur mit einer hohen Selbstbeteiligung. Bei 1000 Franken Selbstbehalt reduziert sich die Prämie für einen fünfzig Jahre alten Mann auf 36 Franken monatlich. Bei solch hoher Eigenbeteiligung ist es jedoch zumeist billiger, den gelegentlichen Zahnarztbesuch selbst zu zahlen. Schweizer können sich dies eher leisten als Deutsche - nicht weil sie im Durchschnitt reicher sind, sondern weil sie ihre Zähne sorgfältiger pflegen. Da die Zahnarztkosten fast voll privatisiert sind (der Anteil unvermeidbarer und damit kostenpflichtiger Behandlungen liegt bei 10 Prozent), wird weitaus mehr vorgebeugt, ersetzt Prävention oft den Bohrer und verhindert viele Zahnfüllungen. Auch bei der Mundhygiene versagen also nicht die klassischen ökonomischen Anreize.

Prävention lernt man in der Schweiz von klein auf. In der Schulzahnpflege werden die Kinder regelrecht dressiert im virtuosen Umgang mit der Bürste. Viele Zahnärzte haben in der Praxis eine Dentalhygienikerin, die regelmäßig Zahnstein beseitigt und sehr böse gucken kann, wenn man nachlässig war beim Gebrauch der Zahnseide. Vor allem als Deutscher, der in der Bohrtradition des deutschen Kassensystems aufwuchs, fühlt man sich da oft peinlich ertappt und bekommt einen Sonderkurs am Gebißmodell. In der Schweiz hätte man gern noch mehr Dentalhygieniker, doch es fehlt an Personal, und daher rekrutiert man gelegentlich sogar in den Vereinigten Staaten.

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Die ökonomischen Anreize zur Vorbeugung führen dazu, daß es in der Schweiz weniger Zahnarztpraxen gibt. Auf etwa 1800 Einwohner kommt ein Zahnarzt, was ziemlich genau den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entspricht. In der Einkommensrangliste Schweizer Mediziner liegen die Dentisten auch nicht auf den oberen Rängen, sondern in der Mitte. In Deutschland mit seiner sozial alimentierten Zahnversorgung ist die Dichte größer: Hier kommt bereits auf 1300 Einwohner ein Zahnarzt. In Großstädten wie Berlin und Hamburg können die Mediziner sogar von weniger als 1000 Bürgern "leben", weil die besonders häufig in die Praxis kommen.

Trotz des fleißigen Bürstens scheinen die Pro-Kopf-Ausgaben der Schweizer für Zahnbehandlung nicht viel geringer zu sein als in Deutschland. Peter Jäger schätzt sogar, daß die Ausgaben nahezu gleich hoch sind. Der Sprecher der Zahnärzte-Gesellschaft führt dies darauf zurück, daß es mehr Wahlkonsum gibt. Die reichen Schweizer leisten sich offenbar mehr Luxus und Ästhetik im Mund, während ältere Bergbauern und Ausländer offensichtlich am künstlichen Gebiß sparen. Die Ausgaben sind auch deshalb hoch, weil fast jedes Schweizer Kind jahrelang mit einer Spange herumläuft. Die Zahnärzte korrigieren selbst minimale Anomalien in der Gebißstellung mit dem Argument, das zahle sich später aus. Die Kosten übernehmen zu den recht günstigen Kindertarifen die Krankenkassen, weil sie offenbar künftige Kunden ködern wollen. Ein anderer, aber von der Zahnärzte-Gesellschaft nicht genannter Grund für die hohen Pro-Kopf-Ausgaben dürften die hohen Tarife der Dentisten sein, die gelegentlich moniert werden. Schweizer kaufen daher im grenznahen Ausland nicht allein scharenweise Butter und Fleisch ein, weil es halb so teuer ist, gelegentlich gehen sie auch, wie man hört, zu Gebißsanierungen über die Grenze - auch nach Deutschland.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.07.2003, Nr. 167 / Seite 13
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