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Streitgespräch

Macht der Kapitalismus uns krank?

Von Corinna Budras und Rainer Hank
 - 11:57
Jeder zwanzigste Arbeitnehmer ist heute wegen psychischer Probleme krankgeschrieben, zweihundertmal so viele wie vor siebzig Jahren.zur Bildergalerie

Herr Rosa, macht uns der Kapitalismus krank?

Rosa: Der Kapitalismus befördert Verhältnisse, unter denen Burnout oder Depressionen zunehmen, und deshalb kann man auch sagen, dass der Kapitalismus krank macht. Wir haben es mit einer Form von Entfremdung zu tun, die durchaus kapitalistische Ursachen hat. Ein gutes Leben gelingt nur schwerlich unter diesen Bedingungen.

Dornes: Das bestreite ich energisch. Dass psychische Störungen wie Burnout und Depressionen in den vergangenen dreißig oder vierzig Jahren zugenommen haben, wiederholen linke Sozialwissenschaftler wie Sie, Herr Rosa, unablässig. Aus der Zunahme der Burnout-Diagnosen schließt man auf die Zunahme dieser Krankheiten und daraus wiederum, dass die Lebensverhältnisse unter dem neoliberalen Kapitalismus die Krankheitszahlen nach oben treiben. Dieser Zusammenhang existiert nicht. Wenn die Krankheitsdiagnosen zunehmen, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch mehr Kranke gibt. Je mehr Ärzte es gibt, desto mehr Krankheiten werden diagnostiziert; je mehr Kinderpsychiater, desto mehr ADHS. Man nennt das eine angebotsinduzierte Nachfrage, die die Diagnosen in die Höhe treibt. Die Leute waren vorher schon krank, und jetzt werden sie ins diagnostische Hellfeld überführt. Was zugenommen hat, ist unsere Sensibilität für Symptome und Syndrome, die wir früher ignoriert haben. Aber sie waren immer da.

Rosa: Ich finde diese Argumentation ausgesprochen gefährlich, Herr Dornes. Sie ignorieren die überwältigende Zahl von Psychotherapeuten und Psychiatern, die übereinstimmend in ihrer Praxis eine Steigerung von schweren Krankheitsfällen beobachten, von denen sie überzeugt sind, dass sie soziale Ursachen haben. Es gibt nun einmal diesen dramatischen Anstieg. Und da können Sie beim besten Willen nicht behaupten, das Ganze sei lediglich ein Diagnoseartefakt durch eine erhöhte Sensibilität der Ärzte, die plötzlich mehr Depressionen diagnostizieren. Das Problem ist doch, dass die Realprävalenz noch immer über der Diagnoseprävalenz ist, was bedeutet: Es sind eigentlich noch viel mehr Menschen krank. Das finde ich einen extrem beunruhigenden Befund. Und Ihre Beschwichtigungstheorie macht die Beunruhigung nicht besser.

Während Sie, Herr Dornes, sagen, es gibt heutzutage nicht mehr depressive Menschen, sondern nur mehr Depressionsdiagnosen, sagen Sie, Herr Rosa, es gibt trotz der Zunahme der Diagnosen noch viel mehr Fälle von Depression, die durch ein neues Unbehagen am Kapitalismus ausgelöst werden. Stimmen Sie überein, dass Sie darin nicht übereinstimmen?

Rosa: Einverstanden.

Dornes: (knurrt)

Machen wir es einmal konkret: Nehmen wir eine Chefsekretärin mit einer tariflich vereinbarten Wochenarbeitszeit von 37,5 Stunden. Um 18 Uhr ist sie zu Hause, alles ist wunderbar, aber sie klebt wider Willen an ihrem Chef, der gerne auch nachts arbeitet. Ab 19 Uhr rollen die E-Mails rein, die kurze Bitte, noch schnell den Flug für morgen umzubuchen. Nebenbei muss die Chefsekretärin ihre beiden Kinder mit Abendbrot versorgen und die Hausaufgaben kontrollieren. Ist diese Frau Burnout-gefährdet?

Rosa: Das ist ein gutes Beispiel, denn man sieht hier, dass gar nicht die direkten Anforderungen das Problem darstellen, sondern auch die Identifikation mit der Arbeit. Menschen arbeiten gerne. Auch diese Sekretärin arbeitet wahrscheinlich gerne und fühlt sich ihrem Chef verpflichtet. Dann ist ihre Frage nicht: Bin ich rechtlich verpflichtet, jetzt noch per Mail zu antworten, oder wird mir sonst gar gekündigt? Sondern sie weiß: Es ist einfach wichtig, dass ich das jetzt tue. Das passiert auch häufig im Pflegebereich. Meine Schwester arbeitet in einer Jugendhilfeeinrichtung, dort fällt häufig einer aus. Dann hat man eigentlich Wochenende, aber man muss trotzdem ran. Die Menschen identifizieren sich mit ihrer Arbeit, mit den Kollegen, mit den Kindern und erledigen dann natürlich ihre Arbeit.

Und was hat das mit Burnout zu tun?

Rosa: Burnout tritt dann ein, wenn alle Termine und Aufgaben die gleiche psychische Form annehmen. Wenn man das Gefühl hat, selbst der Kindergeburtstag ist einfach nur noch ein Eintrag in der To-do-Liste, dann kippt das in eine Burnout-Gefährdung. Dabei spielt es für mich keine Rolle, dass der Druck nicht nur aus der Arbeit kommt. Im Gegenteil: Mein Interesse gilt der kapitalistischen Gesellschaft im Ganzen, die so etwas zur Folge hat, nicht nur für den Arbeitsplatz.

Herr Dornes, haben Sie Verständnis für die Zwangslage der Chefsekretärin?

Dornes: Ich habe jedes Verständnis für sie. Ich würde ihr auch sagen, wir machen ein Arbeitsplatzmanagement und eine psychologische Beratung, und dann sehen wir, wo die Schwierigkeiten liegen. In der Regel liegen die Probleme in einem großen Mittelfeld von Arbeitsplatzgestaltung, persönlichen Fähigkeiten und der Unfähigkeit, sich abzugrenzen.

Rosa: Was macht die Menschen wirklich krank? Wenn die Menschen sich engagieren und merken, es kommt nichts zurück, entwickeln sie irgendwann eine zynische Haltung und bekommen Burnout. Wichtig ist doch: Anstrengung, schnell rennen müssen ist für die Menschen kein Problem. Das macht sie ganz bestimmt nicht psychisch krank. Es ist geradezu umgekehrt: Es ist ein Faktor für psychisches Wohlbefinden, dass man sich gelegentlich oder auch häufig sehr anstrengen muss, um ein Ziel zu erreichen. Dann bekommt man die Erfahrung: Ich habe etwas geleistet. Burnout kommt daher, dass man jede Ziellinie aus den Augen verliert. Die Chefsekretärin hat doch das Gefühl: Es ist egal, wie effizient ich heute arbeite, morgen wird es noch schlimmer, da kommt noch was drauf.

Womit hängt das zusammen?

Rosa: Damit, dass Menschen heute das Gefühl haben, dass sie immer schneller laufen müssen, nur um stehen zu bleiben. Ich erinnere an den berühmten Fall der France Telecom, wo es eine große Suizidwelle gab. „Time to move“ hieß der Slogan des Unternehmens damals: Die Mitarbeiter sollen nie länger als drei Jahre an einem Arbeitsplatz sein und sich dann weiterbewegen. Das führt zu einem Gefühl der Ziellosigkeit und der Vergeblichkeit. Es gibt keine Ziellinie, keinen Horizont. Das ist das Problem für die Menschen, nicht die Anforderungen als solche.

Was ist am heutigen Kapitalismus anders im Vergleich zum Kapitalismus vor hundert Jahren?

Rosa: Die Steigerungslogik war schon immer Teil der kapitalistischen Wirtschaftsform, schon durch den Wachstumszwang, der ja mit einem Produktivitätssteigerungszwang verknüpft ist. Hinzu kam die Veränderung der Zeitstrukturen. Der große Unterschied heute im Vergleich zu früheren Zeiten ist die Eintrübung der Zukunftshorizonte. Solange die Menschen das Gefühl haben, sie bewegen sich aufwärts, ist Anstrengung kein Problem. Dieses Gefühl ist uns heute abhandengekommen. In den heutigen Industriegesellschaften sagt die Mehrzahl der Eltern nicht, wir müssen hart arbeiten, damit es den Kindern bessergeht. Dieser Horizont hat sich vollständig eingetrübt. Sie sagen: Wir müssen hart arbeiten, damit es ihnen nicht schlechtergeht. Das ist der alles entscheidende Unterschied.

Dornes: Das Robert-Koch-Institut in Berlin hat 2012 eine große Gesundheitsbefragung gemacht und auch die Häufigkeit psychischer Krankheiten festgestellt, und das mit Zahlen von 1998 verglichen. Heraus kam, dass es keine Zunahme psychischer Erkrankungen gegeben hat. Eher schon lässt sich zeigen, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen leicht zurückging. Stress haben die Menschen in jedem Jahrzehnt wahrgenommen, und zwar in mehr oder weniger kapitalistischen Gesellschaften.

Selbst im semisozialistischen schwedischem Volksheim ist in den 1960er Jahren eine schwere ADHS-Epidemie ausgebrochen mit vielfachen Steigerungsdaten. Das hat man nur damals noch nicht ADHS genannt. Erst heute reden wir davon, dass Kinder mit Ritalin vollgepumpt werden. In Schweden war zwischen 1960 und 1970 die Zeit, nach der sich heute alle Linken sehnen. Es herrschte ein Sozialstaatskapitalismus, es gab einen Spitzensteuersatz von 90 Prozent und einen Sozialstaat, der jeden Kranken und Fußlahmen mitgenommen hat. Es gab eine komplette Durchwattierung der sozialen Existenz. Und trotzdem sind ausgerechnet zwischen 1957 und 1970 die Depressionsraten und der Gebrauch der Psychopharmaka dort erheblich angestiegen.

Rosa: Aber Sie wollen doch nicht bestreiten, dass der Konsum von Psychopharmaka heute höher ist als damals?

Dornes: Nein, das bestreite ich nicht. Aber das ist ein Wohlstandsphänomen und die Beseitigung einer bisherigen Unterversorgung, kein Indiz, dass wir kränker werden. Es ist auch ein Indiz dafür, dass wir eher bereit sind, ein Phänomen X mit einer Tablette zu behandeln.

Sind wir heute mehr Stress ausgesetzt als im Jahr 1950?

Dornes: Nein, im Gegenteil: Das Leben war damals viel anstrengender als heute.

Rosa: Anstrengender? Ich würde sagen, es war anders anstrengend.

Dornes: Einverstanden. Es gibt aber auch Betriebsuntersuchungen zu Arbeitsstress, die belegen, dass die Anforderung zwischen 1950 und 1970 über den heutigen Angaben lagen. Damals war die Arbeit körperlich anstrengender, heute sagen die Menschen, die Arbeit sei psycho-mental erschöpfender. Das hat eine gewisse Plausibilität, wobei ich auch da Zweifel habe, denn 1960 an einem Fließband zu stehen, das war nicht nur körperlich erschöpfend, das war auch emotional erschöpfend wegen der großen Monotonie. Ich halte von all den Theorien angeblicher heutiger Überforderung wenig.

Warum nimmt die Zahl der Depressionen dann nicht ab? Warum fühlen wir uns nicht alle befreit von den Erleichterungen der Arbeitsbedingungen?

Dornes: Ich vermute ja, wir sind heute psychisch gesünder als damals in den fünfziger und sechziger Jahren. Aber das taucht in der Statistik nicht auf, weil die Diagnosemanuale sich verändert haben und die Schwellenwerte ständig abgesenkt wurden. 1970 mussten Sie ein Jahr lang fünf Symptome von sieben haben, dann haben Sie die Diagnose Depression bekommen. Heute reicht es schon, wenn sie die Merkmale 14 Tage lang haben, um als depressiv eingestuft zu werden.

Es ist also nur eine Frage der Einstellung? Wenn wir nur endlich mal begreifen, wie gut es uns geht, ist alles bestens?

Dornes: Nein. Es ist eine Frage des Kulturwandels. Ich habe gegen die Diagnosesteigerungen gar nichts einzuwenden. Dies hat ja auch einen zivilisierenden und humanisierenden Sinn ...

Rosa: Wenn sich Menschen für krank halten, nennen Sie das humanisierend? Pathologisierung als Zivilisierung zu beschreiben, erscheint mir doch höchst problematisch. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.

Dornes: Wenn wir normales alltägliches Leiden in Krankheit umcodieren und dadurch eine Aufmerksamkeit bekommen, wir sie behandeln können, dann ist das zweifellos ein Fortschritt. Ich habe sieben Jahre in einer Schreiambulanz für Säuglinge und ihre Eltern gearbeitet. Als es uns drei Monate gab, war das Haus voll bis unters Dach. Aber das bringt mich doch nicht zu der These, dass die Kinder heute mehr schreien als in den fünfziger Jahren.

Rosa: Die Tatsache, dass die Menschen auch schon in den fünfziger, sechziger und siebziger Jahren gestresst waren, ist doch nur ein Beleg für meine These, dass wir es mit einem fortlaufenden Prozess von Verdichtung des Arbeitstages zu tun haben.

Dornes: Aber wenn wir in Wahrheit gar nicht kränker werden?

Rosa: Das amerikanische National Institute for Mental Health hat festgestellt, dass in den vierziger Jahren nur einer von 4000 Menschen wegen Depressionen arbeitsunfähig geschrieben worden ist. Heute ist es jeder zwanzigste Arbeitnehmer. Das ist ein gewaltiger Anstieg.

Dornes: Aber nicht, weil wir damals weniger depressiv waren, sondern weil wir heute genauer hinschauen. Ich muss mich wiederholen, weil Sie es nicht verstehen wollen.

Rosa: Früher waren die Arbeitszeiten länger, es gab weniger Freizeit, das ist alles klar. Heute kommt es zu einer anderen Art von Verdichtung. Depressionen gab es über die Jahrhunderte hinweg. Eigentlich sind die Lebensbedingungen ja so, dass man nicht an der Welt leiden müsste, schon gar nicht an Burnout. Wir haben nicht mehr die ganzen posttraumatischen Belastungen, die durch den Krieg verursacht wurden. Krieg und Vertreibung sind eine extreme psychische Belastung, Gewalt hat abgenommen. Offensichtlich also sind die Ursachen für diese Art von Krankheiten nicht mehr in Krieg und Gewalt zu suchen, sondern sie verlagern sich auf die ökonomischen Bedingungen. Die Menschen klagen heute darüber, dass sie keine Zeit haben. Dann sagen Menschen wie Herr Dornes: Aber die Arbeitszeit ist doch zurückgegangen. Doch das ist doch gar nicht die richtige Kategorie! Die Frage ist: Was steht auf der To-do-Liste? Und wie kommt es darauf? Keine Zeit zu haben hängt nicht mit der Geschwindigkeit der Arbeit zusammen, sondern ausschließlich mit dem, was auf der To-do-Liste steht im Verhältnis zur Zeit, die man hat. Und die To-do-Liste setzt sich zusammen aus legitimen Erwartungen, die Menschen aneinander haben oder die sie an sich selbst haben. Manche von diesen Einträgen standen da schon immer drauf, manche sind neueren Datums.

Was ist wirklich neu?

Rosa: Das ist genau die Frage, die wir stellen müssen: Woher kommt das gefühlte Missverhältnis zwischen dem, was auf der Liste steht, und unserer Zeit? Ein Teil des Problems besteht darin, dass alle Einträge gleichermaßen auf Sie andrängen, weil Sie einfach in der Lage sind, sich hier auf der Arbeit auch noch um Ihre Familie und andere private Angelegenheiten zu kümmern. Vielleicht schreibt der Sohn oder die Tochter Ihnen eine Nachricht. Oder es kommt eine Anfrage vom Saxophonverein. Deshalb sind alle Einträge auf der To-do-Liste gleichermaßen aktiviert. Das Smartphone trägt daran eine entscheidende Mitschuld. Früher waren Sie auf der Arbeit und hatten auch den Druck mit der Deadline. Aber alle familiären Verpflichtungen waren deaktiviert, da konnten Sie sich gar nicht drum kümmern. Und wenn Sie um 17 Uhr das Büro verlassen haben, war die Arbeit deaktiviert. Was lässt die To-do-Listen so explodieren, dass die Menschen das Gefühl haben, sie haben einen Termin nach dem anderen, und selbst der Kindergeburtstag oder das Abi der Tochter hat den gleichen Charakter?

So ist das eben im Smartphone- Zeitalter.

Rosa: Es ist nicht nur die Technik, sondern es ist die Gesellschaft, die den Wettbewerb entfesselt und ubiquitär macht und Menschen dazu bringt zu versuchen, ihr soziales Kapital, ihr kulturelles Kapital, ihr ökonomisches Kapital und vor allem ihr Körperkapital permanent zu optimieren. Das wird als Notwendigkeit wahrgenommen.

Dornes: Mit Verlaub, das halte ich für abwegig. Die Komplexität der Welt hat zugenommen. Wir stehen vor neuen Herausforderungen, aber diesen Herausforderungen sind wir gewachsen. Die meisten Menschen können damit gut umgehen. Wir verbessern ja auch gleichzeitig unsere psychosozialen Kompetenzen. Die Idee, wir würden uns ständig optimieren, um im Wettbewerb bestehen zu können, halte ich für überspannt. Genauso abwegig ist Ihre Idee, Herr Rosa, Eltern, besonders Eltern aus der Mittelschicht, würden erbarmungslos ihre Kinder in emotionaler, kognitiver, physischer, psychischer und musischer Hinsicht erziehen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Damit reden Sie nur die redlichen Bemühungen der Eltern schlecht. Ich habe Hunderte von Stunden in Kitas und auf Spielplätzen verbracht und kann nur sagen: Sie haben keine Ahnung von modernen Familienverhältnissen. Mittelschichtseltern sind ziemlich kompetent, und zwar kompetenter, als sie es früher jemals waren. Nicht Helikoptereltern, bildungspanisch gewordene Mittelschichtseltern, ausgebrannte Leistungsträger oder erschöpfte Mittelschichtarbeitnehmer sind das wirkliche Problem, sondern Personen aus dem ärmsten Fünftel der Bevölkerung, denen es an den psychosozialen und beruflichen Kompetenzen fehlt, die zur Lebensbewältigung nötig sind. Wir führen schlicht eine Luxusdiskussion.

Rosa: Das Problem ist doch, dass die externen Anforderungen und die eigenen Interessen fusionieren. Natürlich arbeiten Eltern nicht gegen das Interesse der Kinder. Eltern wollen, dass ihre Kinder möglichst gesund, stark und resonant sind. Und damit sie das werden, bekommen sie jede erdenkliche Förderung: Musik- und Sportunterricht und noch ein Tenniscamp oder eine Chorfreizeit in den Ferien, denn all das macht sie leistungsfähiger. Am Ende der Ferien sind die Unterschiede zwischen Kindern aus der Mittelschicht und Kindern aus der Unterschicht größer als vorher. Eben weil das Kind auf allen Ebenen gefördert werden muss.

Dornes: Man muss gar nichts. Wenn man sein Kind liebt, implementiert man in der Erziehung alle Werte, die man für wichtig hält. Dadurch macht man die Kinder im besten Falle auch leistungsfähiger. Diese Termin-Kindheit, die Sie beschreiben, wird von 15 bis 20 Prozent der Kinder als anstrengend empfunden. 80 bis 85 Prozent fühlen sich in ihren Schul- und Freizeitaktivitäten von ihren Eltern unterstützt. Die Kinder heute leben so zufrieden wie noch nie mit ihren Eltern.

Rosa: Nicht mal die Leser des Wirtschaftsteils der F.A.S. werden Ihnen das mit den 80 Prozent abnehmen.

Dornes: Doch, doch, die kennen das schon, weil es ihrer Erfahrungswelt entspricht. Und Dutzende von Untersuchungen belegen das auch.

Sind wir den Lebensbedingungen heute tatsächlich gewachsen, Herr Rosa?

Rosa: Nein, überhaupt nicht, diese Behauptung muss man wirklich zerfetzen. Woher kommt sonst dieses hohe kulturelle Interesse an der Burnout-Problematik? Jede Zeitung weiß, sie braucht nur Burnout und Stress auf den Titel zu setzen, und die Auflage geht um ein Viertel hoch. Woher kommt diese Sensibilität und kulturelle Selbstwahrnehmung? Das muss man doch ernst nehmen.

Dornes: Diese Mode des Burnouts ist selbst schon längst wieder out. Burnout ist schon wieder um 30 Prozent zurückgegangen. Burnout ist ausgebrannt.

Rosa: Aber trotzdem ist das Interesse da. Die kulturelle Selbstwahrnehmung zeigt doch gerade, dass wir uns der Gegenwart nicht gewachsen fühlen. Ich sehe auch einen Zusammenhang zu unserer politischen Reaktion, übrigens weltweit. Es ist doch kein Zufall, dass die Leitmetaphern derzeit weltweit „Zaun“ und „Mauern“ heißen. Wir wollen uns einzäunen und einmauern. Europa will sich einmauern, Trump will sich einmauern gegenüber der Welt. Das kommt von dem Gefühl der Menschen: Es ist schon mehr als genug, wir können nichts Weiteres mehr annehmen. Da ist kein offenes Zugehen auf das Fremde, das Neue, das Interessante. Deshalb halte ich Ihre These, wir seien für die neuen Herausforderungen bestens gewappnet, sowohl politisch als auch individuell für naiv und gefährlich.

Dornes: Was meinen Sie, wie wir 1950 mit Flüchtlingen umgegangen sind? Dagegen ist der Umgang heute zivilisiert. Die Leitmetapher über die Flüchtlinge war damals ein Schild am Bremer Bahnhof, da stand drauf: „Hier sind Flüchtlinge nicht erwünscht.“ Heute würde man schreien, der Rassismus habe die gesellschaftliche Mitte erreicht.

Rosa: Aber die Bedingungen waren damals doch ganz andere. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es enorme Engpässe aller Art. Da war es kein Wunder, dass man keine Flüchtlinge haben wollte. Zur Bewältigung der normalen Alltagsanforderungen aber sind heute deshalb weniger Menschen psychisch in der Lage als damals, weil diese Anforderungen gestiegen sind. Darin müssten Sie mir doch zumindest zustimmen, Herr Dornes.

Dornes: Nein. Für die Bewältigung der Alltagsprobleme sind wir heute genau so gut gerüstet wie vor fünfzig Jahren. Der Alltag ist komplexer geworden, er ist aber auch anregender und bereichernder geworden. Ich kann diese Komplexität nur begrüßen, früher war das Leben ziemlich monoton. Wer 1960 zehn Stunden am Tag am Fließband stand oder Hausfrau war, wäre froh gewesen über etwas mehr Komplexität. In der Freizeit sind wir damals ziemlich gelangweilt an den Ecken rumgestanden. Mir wäre etwas mehr „Freizeitstress“ schon willkommen gewesen - einfach mehr Abwechslung und mehr Optionen. Ich freue mich über jede zusätzliche Option. Hören Sie auf mit der Verklärung der Vergangenheit.

Rosa: Ich will auf keinen Fall frühere Zeiten verteidigen. Auch mich ärgert an manchen Linken, die früher das Fließband bis aufs Messer bekämpft haben, dass sie diese Zeiten heute idyllisch verklären.

Was müssen wir denn tun, Herr Rosa, wenn wir den Zustand der Entfremdung überwinden wollen? Müssen wir die Verhältnisse ändern, wie man früher gesagt hätte? Was ist gelingendes Leben?

Rosa: Ich finde nicht, dass sich Menschen einfach an die Verhältnisse anpassen und nur schauen sollten, wie sie künftig noch leistungsfähiger werden. Umgekehrt ist es richtig: Verhältnisse müssen sich an Menschen anpassen. Ich halte es nicht für segensreich, wenn man permanent das Wettbewerbsprinzip betont, noch nicht einmal für den Kapitalismus ist das segensreich. Die unglaubliche innovative und produktive Kraft des Kapitalismus müsste doch eigentlich dazu führen, dass die Menschen nicht in Dauerangst leben. Es muss möglich sein, sich in der Arbeit zu entfalten. Ich nenne solche Verhältnisse Resonanzverhältnisse. Herr Dornes, Sie sagen, wir müssen uns im Kapitalismus einrichten. Im Vergleich zu Ihnen bin ich ein Revolutionär.

Dornes: Bloß keine Revolution. Finger weg, das ist eine gefährliche romantisierende Utopie. Menschen hatten immer schon an der Arbeit ihre Freude, sie haben immer schon an der Arbeit gelitten. Da hat sich nichts verschlimmert. Es ist auch nicht so, dass wir ein Paradies der Resonanz verloren hätten. Von einer grundlegenden Änderung der Verhältnisse halte ich nichts. Ich bin für Reform und gegen Revolution. Nur so funktioniert Fortschritt, und so wird er weiter funktionieren.

Zwei Soziologen aus der Frankfurter Schule

Martin Dornes (geboren 1950) und Hartmut Rosa (geboren 1965) sind studierte Soziologen, altersmäßig fast schon eine Generation auseinander, beide aber aufgewachsen im linken Mainstream der sogenannten Frankfurter Schule. Dornes habilitierte sich in psychoanalytischer Psychologie, seine Fachgebiete sind Psychiatrie, Psychosomatik und Sexualmedizin. Sein Bestseller „Der kompetente Säugling“ erschien 2015 bereits in 16. Auflage. Zuletzt erschien von Dornes bei S. Fischer „Macht der Kapitalismus depressiv?“ Hartmut Rosa ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie in Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Seit Jahren forscht er über die Veränderung von Zeitstrukturen in der Moderne. Berühmt ist sein Buch über die „Beschleunigung“ (2005). Zuletzt erschien bei Suhrkamp: „Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung“.

Quelle: F.A.S.
Autorenportät / Budras, Corinna
Corinna Budras
Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.
Autorenporträt / Hank, Rainer
Rainer Hank
Freier Autor in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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