Umweltschutz

Energiesparlampe in schlechtem Licht

Von Alard von Kittlitz
10.11.2009
, 07:48
Umstritten: Die Energiesparleuchten
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Seit dem 1. September werden herkömmliche Glühlampen sukzessive vom Markt genommen. Tatsächlich eine gute Idee? Befürworter der Energiesparlampe argumentieren mit dem Umweltschutz. Kritiker sehen in ihr ein Gesundheitsrisiko.
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Ob Thomas Pynchon, der große literarische Paranoiker, von Dieter Binninger gehört hat? Kennt der amerikanische Schriftsteller die Geschichte des Erfinders aus dem Wedding, der 1991 Narva erwerben wollte, eine ostdeutsche Leuchtmittelfabrik, um dort Glühbirnen herzustellen, die 150.000 Stunden lang brennen sollten, ganze siebzehn Jahre lang? Dieter Binninger kam kurz vor dem Einreichen des Angebots an die Treuhand um, beim Absturz seines Privatflugzeugs.

In seinem Opus magnum, den „Enden der Parabel“, erzählt Pynchon die Geschichte von Byron der Birne, einer Glühbirne, die in den zwanziger Jahren Licht spendet und aus unerfindlichen Gründen nie ausbrennt. Die Unsterblichkeit der Birne weckt das Interesse von Phoebus, dem Kartell der Leuchtmittelhersteller. Phoebus trachtet Byron der Birne fortan nach dem Leben.

Die Anekdote im Roman ist nicht völlig absurd. Das Phoebus-Kartell immerhin hat es gegeben, nachweislich von 1924 bis 1941. General Electric, Osram, Philips und andere Hersteller waren Mitglieder, das Kartell einigte sich auf die Preise für Glühbirnen. Metall- und Stromindustrie sollen mit im Boot gesessen haben, 1000 Stunden fixe Lebensdauer waren für alle Beteiligten ein akzeptabler Kompromiss. 1941 flog das Phoebus-Kartell auf und wurde aufgelöst. Offiziell zumindest, würden Pynchon-Jünger und Freunde der kritischen Paranoia lächelnd sagen. Memento Binninger! Flugzeugabsturz kurz vor der 150.000-Stunden-Birne. Und das soll Zufall sein?

Kritik an der Stromsparpolitik

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Der schlechte Scherz über Binningers Unfalltod in Verbindung mit der Leuchtmittelindustrie fügt sich in die Kritik an jener Stromsparpolitik, mit der die Europäische Union die althergebrachte Glühlampe seit dem 1. September sukzessive vom Markt nehmen möchte. Glühlampen werden die immer strengeren Energiesparrichtlinien der EU zunehmend nicht mehr erfüllen können, erstes Opfer ist die alte 100-Watt-Birne. Auch Binningers Wunderlampe wäre, wenn man sie denn hätte bauen können, von der EU bald disqualifiziert worden. Sie hätte zwar lange gelebt, dafür aber viel Strom gefressen.

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Energiesparlampen, auch Leuchtstofflampen genannt, unterscheiden sich in ihrer Funktionsweise nur marginal von herkömmlichen Neonröhren. Im Baumarkt findet man daneben noch die alte Glühbirne, nur eben nicht mehr in 100-Watt-Stärke, und die Halogenlampe, die ebenfalls über einen Wolframdraht verfügt, wegen eines speziellen Gasgemischs im Inneren jedoch effizienter ist als das Standard-Edison-Modell. Sporadisch tauchen erste LED-Birnen auf, dieser Sorte soll mittel- bis langfristig die Zukunft gehören.

Wenn man nicht gewillt ist, die Einführung der Energiesparlampe finsteren Lobbymachenschaften in Brüssel zuzuschreiben, so lautet der Hauptgrund ihrer Bevorteilung durch härtere Effizienzstandards: Umweltschutz. Wir müssen sparen, und die Energiesparlampe ist effizienter als die alten Alternativen. Die Glühlampe verliert somit aus ökonomischen, damit auch aus moralischen Gründen gegen die Leuchtstofflampe. Im Zeitalter des Klimawandels erinnern ästhetische Einwände gegen das kalte Licht der Sparlampen an Architekturkritik im Atomschutzbunker. Vorausgesetzt natürlich, die Energiesparlampe ist tatsächlich so viel effektiver als die Glühlampe.

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Das wagen die Kritiker zu bezweifeln. Die Diskussion ist teilweise komplex. Es geht zum Beispiel darum, ob man die Lichtausbeute in den physikalischen Einheiten Lumen, Lux oder Candela pro Watt messen sollte, wie man die Lebensdauer der konkurrierenden Produkte realistisch einzuschätzen habe, wie gefährlich das Quecksilber in den Leuchtstofflampen ist und wie fragwürdig die Stoffe in den elektronischen Vorschaltgeräten derselben. Es geht um adäquate Energiebilanzen, von der Herstellung bis zur Entsorgung, um Drittweltlieferanten und technische Spezifika. Liebhaber des Wolframdrahtes weisen darauf hin, dass das in Amerika entwickelte „Blackening“ die Leuchtkraft von Glühdrähten eventuell um 100 Prozent steigern könnte. Je nach Maßstab und Glaubensrichtung ist es mehr oder weniger möglich, dass die effektivsten Halogenlampen es schon jetzt mit Sparlampen aufnehmen können.

Wenn dem allerdings so sein sollte, ist die Frage nach der richtigen Birnenwahl schnell geklärt. Es wäre dann in jeder Hinsicht die Glühlampe zu bevorzugen, sagen die Kritiker. An diese Behauptung fügt sich ein ganzer Rattenschwanz von Argumenten, die das Energiesparen als oberste Prämisse der Lampenwahl abermals und grundsätzlich in Frage stellen.

Ein von der britischen Regierung mit Energiesparfragen beauftragtes Institut will den „Wärmeersatzeffekt“ entdeckt haben. Glühbirnen sind Licht emittierende Hitzestrahler, ihre Ineffektivität, die Lichtausbeute betreffend, wird in den sieben Monaten, die der Nordeuropäer im Jahr durchschnittlich heizt, stark reduziert, weil sie mitwärmen. Das „Market Transformation Programme“ (MTP) sieht je nach Stromproduktion für manche Sparlampenhaushalte eine schlechtere Ökobilanz als für solche mit Glühlampen.

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Die abstrahlende Wärme der Glühlampen ist dabei allerdings nur ein Faktor. Der zweite – und bei diesem Thema gehen bei allen Beteiligten die Sirenen an – liegt in der Spektralverteilung des Lichts bei den unterschiedlichen Leuchten. Tageslicht und Glühlampenlicht haben ein kontinuierliches Spektrum gemein. In hellem Tageslicht ist der kurzwellige, also ultraviolette Anteil hoch. Morgens und abends ist der langwellige Rotbereich stärker. Damit gleicht die Spektralverteilung der Glühlampe der der Abendsonne. Sparlampen hingegen haben kein kontinuierliches Spektrum. Teureren Modellen werden Spektralbereiche zugefügt, allerdings bleibt der kurzwellige Anteil vergleichsweise hoch. Die Forscher vom MTP meinen, dass dieses Licht von den meisten Menschen als kalt empfunden wird, sie drehen instinktiv die Heizung höher.

Der hohe UV-Anteil der Leuchtstofflampen ist allerdings auch in der Debatte um ihre gesundheitlichen Risiken von Relevanz. Unabhängig von Elektrosmog- und Migräne-Argumenten sorgen sich einige Mediziner wegen der Auswirkungen des Leuchtstofflichts auf den Hormonhaushalt. Es gibt zunehmend seriöse Studien, die die durch das blaue Licht vergleichsweise stärker beeinflusste Melatonin-Produktion mit erhöhter Krebsgefahr in Verbindung setzen. Im schlimmsten Fall könnte der Energiesparkurs langfristig schwere Gesundheitskosten nach sich ziehen.

Die Gegner sollten allerdings auch nicht pauschal auf die Hersteller und die EU schimpfen. Philips beispielsweise arbeitet weiter an hocheffektiven Glühlampen. Den Lesern mit Kontakt zu Phoebus sei unterdessen ein Besuch in Kalifornien angeraten. In der Feuerwehrstation von Livermore soll es eine Birne geben, die bereits seit 1901 brennt. Byron lebt und leuchtet.

Quelle: F.A.Z.
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