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Wirtschaftsprüfer

An der Rotation entzündet sich der Streit

Von Georg Giersberg
 - 09:26

Die Wirtschaftsprüfer und die Wirtschaft in Deutschland lehnen die EU-Vorschläge zur Neuregelung des Marktes für Wirtschaftsprüfer weitgehend ab; nur die (branchenunabhängige) Abschlussprüferaufsichtskommission (Apak) begrüßt mehrheitlich die Vorschläge der EU. Das ergibt sich aus den Stellungnahmen zu den Reformvorschlägen gegenüber der Bundesregierung. Stellungnahmen kamen vor allem von den großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, den mittelständischen Wirtschaftsprüfern (Baker Tilly, BDO, Crowe Horwath, Grant Thornton, Mazars, Moore Stephens, Nexia, PKF, Rödl & Partner, RSM Germany), des IDW Institut der Wirtschaftsprüfer, der Wirtschaftsprüferkammer, dem wp.net Verband für die mittelständische Wirtschaftsprüfung und den Prüfungsausschüssen in den Aufsichtsräten der 30 deutschen Dax-Konzerne, die im Rahmen der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft eine Stellungnahme abgaben.

EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier hatte 2010 Reformvorschläge zur Verbesserung der Qualität der Wirtschaftsprüfung und zur Minderung der Marktmacht der vier großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften zur Diskussion gestellt (Grünbuch). Er wollte als Konsequenz aus der Finanzkrise die Unabhängigkeit der Wirtschaftsprüfer erhöhen, die Qualität der Prüfung steigern und vor allem die Marktmacht der vier dominierenden Prüfungsgesellschaften KPMG, PWC, Deloitte und Ernst & Young - sie teilen die Prüfung börsenrelevanter Unternehmen in Europa quasi unter sich auf - aufbrechen. Herzstück seiner Reformvorschläge war eine Gemeinschaftsprüfung aller großen Unternehmen durch zwei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Einer der sogenannten Joint-Audit-Partner sollte eine Prüfungsgesellschaft sein, die nicht zu den großen Vier gehört.

Dagegen sind die Marktführer Sturm gelaufen - mit Erfolg. In den Ende November 2011 vorgelegten Regelungsentwürfen - zu einer Prüferrichtlinie und einem Verordnungsentwurf zur Prüfung von Unternehmen von öffentlichem Interesse - ist genau dieser Kern der Marktöffnung nicht mehr enthalten. Die Neuregelung umfasst neben zahlreichen unumstrittenen Änderungen wie einem aussagefähigeren Bestätigungsvermerk eines Jahresabschlusses, einem in Deutschland schon üblichen Prüfbericht oder einem europäischen Prüferpass, der länderübergreifende Prüfungen eines Prüfers zulässt, einige umstrittene Vorschläge. Das sind vor allem die vorgesehene Zwangsrotation des Wirtschaftsprüfers nach sechs Jahren, eine striktere Trennung von Prüfung und Beratung sowie die Aufspaltung von großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Prüfungs- und Beratungsgesellschaften.

Mittelständler bevorzugen Gemeinschaftsprüfung

„Die externe Rotation des Wirtschaftsprüfers als isoliertes Element ohne Gemeinschaftsprüfung lehnen wir ab“, sagt Joachim Riese, Partner und Vorstandsmitglied der Warth & Klein Grant Thornton AG für die 10 mittelständischen Prüfungsgesellschaften, die eine gemeinschaftliche Stellungnahme eingereicht haben. Die externe Rotation, das heißt der gesetzlich vorgeschriebene Zwangswechsel des Wirtschaftsprüfers nach sechs Jahren ist nach dem Wegfall der Gemeinschaftsprüfung der Kern der geplanten Neuregelung. Alle Beteiligten lehnen diesen Zwangswechsel ab. Nur „aus Sicht der Apak überwiegen im Ergebnis mit Blick auf die Wahrnehmung der Unabhängigkeit die Vorteile der externen Rotation“. Allerdings erscheint auch ihr die Begrenzung der maximalen Vertragslaufzeit auf sechs Jahre als zu kurz, sie schlägt zehn Jahre vor. Der die kleinen Prüfungsgesellschaften vertretende Verband wp.net will die Rotation mit einer Mindestbestelldauer der Wirtschaftsprüfer von fünf Jahren verbunden wissen.

Der Verbund mittelständischer Wirtschaftsprüfungsunternehmen lehnt die Rotation ohne eine Gemeinschaftsprüfung ab, denn die reine Rotation führt nach Rieses Worten zu einem Wissensverlust, zu Mehrkosten und eher zu einer weiteren Marktkonzentration. Um sich in die Prüfung eines größeren Konzerns einzuarbeiten, brauche man zwei bis drei Jahre. In diesen Jahren der Einarbeitung sei die Prüfung fehleranfällig, wie Untersuchungen belegten. Außerdem sei die Einarbeitungszeit teuer. Zudem bevorteile die Zwangsrotation gerade die großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, deren Macht gebrochen werden soll. Da sie unbestritten Größenvorteile hätten, könnten sie preiswerter anbieten und würden dann die attraktiven Mandate nur noch unter sich rotieren lassen. Das IDW sieht die konzentrationsfördernde Wirkung der Zwangsrotation sogar als empirisch belegt an.

Die mittelständischen Wirtschaftsprüfer fordern daher die Bundesregierung auf, sich nachhaltig für die Einführung einer Gemeinschaftsprüfung (Joint Audit) einzusetzen, bei der der große Partner maximal 70 Prozent der Prüfungsleistung erbringt. Außerdem müsse die Berichterstattung an den Aufsichtsrat durch beide Prüfungsgesellschaften erfolgen. „Mit einem Prüfungsanteil von weniger als 30 Prozent wird man nicht ernst genommen“, begründet Uwe Wolf, Managing Partner von Mazars, die 70-Prozent-Forderung. Die Prüfungsausschussvorsitzenden der Dax-Unternehmen lehnen die Gemeinschaftsprüfung ab, „weil keine Erkenntnisse vorliegen, dass Joint Audits zu einer Steigerung der Prüfungsqualität führen“.

Wirtschaftsprüfer wehren sich gegen Aufspaltung

Die mittelständischen Prüfer fordern auch eine Präzisierung des von der EU geforderten Beratungsverbots bei Prüfungsmandanten. Während das Institut der Wirtschaftsprüfer, die Prüfungsausschussvorsitzenden der Dax-Aufsichtsräte, die Wirtschaftsprüferkammer und auch die marktbeherrschenden Prüfungsunternehmen keine Notwendigkeit sehen, die bisherige Praxis der Trennung von Prüfung und Beratung zu ändern, sind mittelständische Wirtschaftsprüfer und auch die Apak der Ansicht, dass hier Nachholbedarf besteht. Sie sind allerdings der Ansicht, dass der Aufsichtsrat darüber entscheiden sollte, welche Leistungen er von seinem Prüfer möchte. Die im Entwurf der EU vorgesehene Höchstgrenze von 10 Prozent des Honorarumsatzes für prüfungsverwandte Leistungen sehen alle Beteiligten als zu niedrig an. Allein ein sogenannter Comfort Letter, in dem ein bestimmter Unternehmensstatus beglaubigt wird, koste oft mehr als 10 Prozent des Honorars der Abschlussprüfung.

Fast alle Beteiligten stimmen darin überein, dass der Aufsichtsrat und hier vor allem der Prüfungsausschuss in seiner Unabhängigkeit gestärkt werden sollte. Er sollte den Wirtschaftsprüfer auswählen - die Absicht, der Hauptversammlung zwei alternative Prüfer vorschlagen zu müssen, wird von den Dax-Unternehmen abgelehnt -, enger mit ihm zusammenarbeiten sowie den Umfang der Prüfungs- und Beratungsleistung bestimmen. Damit würde der Prüfer, wie vom Gesetz vorgesehen, Partner des Aufsichtsrates und nicht - wie heute oft Praxis - des Vorstands.

Absolute Einigkeit aller Stellungnehmenden besteht darin, dass sie eine Aufspaltung von großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in reine Prüfungsgesellschaften und reine Beratungsgesellschaften ablehnen. Einen so weitgehenden Eingriff in Marktstrukturen will niemand. Davon verspricht sich auch niemand einen Vorteil - auch die branchenunabhängige Apak nicht.

Quelle: F.A.Z.
Georg Giersberg
Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.
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