Albert O. Hirschman

Lob der Aufmüpfigkeit

Von Christian Siedenbiedel
08.10.2014
, 20:11
Albert O. Hirschman (1915 - 2012)
Unzufriedene haben immer zwei Möglichkeiten: protestieren oder abhauen. Das gilt für die Ehe wie für den Euro. Die Theorie dazu stammt von Albert Hirschman. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.
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Wettbewerb ist der Himmel der Ökonomen. Wenn Unternehmen sich in harter Konkurrenz abmühen, ihre Leistung zu steigern und billiger zu werden, kommen die Kunden zu guten und günstigen Produkten. So lehrt es die ökonomische Theorie seit den Tagen von Adam Smith. Es ist nichts Geringeres als dieses Monopol des Konkurrenzprinzips, das der vor knapp zwei Jahren verstorbene Albert O. Hirschman angegriffen hat. Und zwar mit einem Lob der Aufmüpfigkeit.

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Es gibt laut Hirschman in Wirklichkeit nämlich zwei Möglichkeiten, wie sich Menschen wehren können, wenn sie mit der Leistung einer Organisation nicht zufrieden sind: Sie können zur Konkurrenz wechseln, ganz im Sinne des Wettbewerbsgedankens. Hirschman nennt das Abwanderung („Exit“). Man könnte auch sagen: Abstimmung mit den Füßen. Oder aber sie können bleiben, protestieren und versuchen, Veränderungen durchzusetzen. Hirschman nennt das Widerspruch („Voice“).

Gut vorstellen kann man sich das anhand eines Kaufhauses: Was machen Leute, die seit Jahren im selben Kaufhaus einkaufen, und auf einmal wird das Angebot drastisch schlechter? Die Verkäufer sind nicht mehr so freundlich, Auswahl und Qualität der Waren nehmen ab. Dann gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man beschwert sich beim Chef – in der vagen Hoffnung, dieser werde in Zukunft mehr auf die Qualität achten und das Kaufhaus zur gewohnten Leistung zurückführen. Oder, leichter: Man kauft künftig woanders ein.

Das ist die Entscheidung zwischen „Exit“ und „Voice“. Aus ihr entwickelte Hirschman, ein Grenzgänger zwischen Ökonomie, Politologie und Philosophie, eine originelle Theorie. Sie lässt sich auf viele Lebensbereiche anwenden: auf Unternehmen genauso wie auf die Ehe, die EU oder den Euro.

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Prinzip ist auf viele Lebensbereiche übertragbar

Ursprünglich aufgefallen sind Hirschman „Exit“ und „Voice“ auf einer Reise durch Afrika. In Nigeria wurde der Güterverkehr auf der Schiene immer schlechter, obwohl die Bahn starkem Wettbewerb durch Lastwagen ausgesetzt war. Nach der klassischen Lehre der Ökonomie hätte die Konkurrenz das Geschäft beleben müssen. Das Gegenteil aber war der Fall: Besonders starke und zahlungskräftige Kunden wichen auf Lastwagen aus. Sogar beim Transport von Massengütern wie Erdnüssen, die mehr als 800 Meilen vom Hafen entfernt wuchsen. Die Bahn verlor zwar Einnahmen – aber das war der Leitung wegen der Staatsfinanzierung nicht so wichtig. Und die Kunden, die bei der Bahn blieben, ärgerten sich zwar über die Leistung – waren aber zu schwach, als dass ihr Protest etwas bewirkt hätte.

Hirschman folgerte: Wenn Menschen in solchen Situationen abwandern können, schwächt das die Gruppe, die widerspricht. Umgekehrt kann die Möglichkeit, Widerspruch zu leisten, die Tendenz zur Abwanderung verringern.

Dieses Prinzip lässt sich auf viele Lebensbereiche übertragen – beispielsweise auf die Ehe: Ein strenges Scheidungsrecht führt zu mehr Konflikten in der Ehe – ein laxes zu vielen Scheidungen. Außerdem kann es die Tendenz zur Abwanderung in einer Ehe („Exit“) befördern, wenn über Probleme zu wenig geredet wird („Voice“). Umgekehrt kann die Auseinandersetzung innerhalb der Beziehung leiden, wenn einer von beiden längst einen neuen Partner hat – und deshalb kein Druck mehr da ist, zu reden und das Verhältnis zu verbessern.

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Auswanderung spielte auch in Hirschmans Leben eine Rolle

Es war sicher kein Zufall, dass sich ausgerechnet der Exilant Hirschman intensiv mit Abwanderung und Widerspruch auseinandersetzte. Sein ganzes Leben war eine Odyssee, wie der Historiker Jeremy Adelman in seiner 2013 erschienenen Biographie „Wordly Philosopher“ schreibt. 1915 in Berlin geboren, engagierte sich der protestantisch getaufte, aus einer jüdischen Familie stammende Hirschman früh in der sozialistischen Jugendbewegung. 1933 verließ er Deutschland, ging zunächst nach Frankreich, kämpfte später im Spanischen Bürgerkrieg und meldete sich 1940 freiwillig zur französischen Armee. Er verhalf vielen Intellektuellen zur Flucht nach Amerika, unter anderen Hannah Arendt, Siegfried Kracauer und Marc Chagall.

Später hatte Hirschman Professuren in Yale, an der Columbia University, in Harvard und Princeton inne. Außerdem beriet er Regierungen in aller Welt: Unter anderem war er am Aufbau des Marshallplans für Deutschland beteiligt und arbeitete für die Weltbank in Lateinamerika. Ein Politiker in Chile soll ihm einmal gesagt haben, es gebe eigentlich nur zwei Arten von Problemen: solche, die unlösbar seien, und solche, die sich von selbst lösen. Genau damit wollte Hirschman sich nie abfinden.

Eine Anekdote erzählte Hirschman selbst über die Veränderung seines Namens. Ursprünglich hatte er sich in Deutschland mit zwei „n“ geschrieben und sein Rufname war Otto. Seine Eltern hatten ihn nach dem „eisernen Kanzler“ Otto von Bismarck benannt. Aber schon als er nach Frankreich auswanderte, besann er sich auf seinen zweiten Vornamen Albert; Otto klang auf Französisch zu sehr wie „Auto“. Und als ihm später bei der Emigration nach Amerika der Mann von der Einwanderungsbehörde das zweite „n“ des Nachnamens strich, nahm Hirschman das zwar hin – für das „c“ im Hirsch aber kämpfte er. Seither führte der Ökonom den Namen Albert O. Hirschman, unter dem er berühmt wurde.

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„Exit and Voice“ in der Europäischen Union

Im vergangenen Jahr unternahm der britische Historiker Harold James den Versuch, Hirschmans Theorie auf Europa und die EU zu übertragen. Eigentlich naheliegend: Schließlich war überall vom „Grexit“ die Rede, als Griechenland kurz davor schien, den Euro zu verlassen. Und man spricht vom „Brexit“, wenn Großbritannien mal wieder damit droht, aus der Europäischen Union auszutreten. Was lag da näher als eine Einordnung in die Theorie von „Exit and Voice“?

Schon Hirschman selbst hatte erkannt, dass man die Theorie auch auf Staaten anwenden kann. Die Möglichkeit für die Menschen, auszuwandern („Exit“), steht dabei in einem Spannungsverhältnis zu Protesten mit dem Ziel von Reformen innerhalb des Landes („Voice“).

In Europa stellt sich vor allem die Frage, ob es nützt oder schadet, wenn ein Staat die gemeinsamen europäischen Institutionen verlässt. Auf der einen Seite sorgt offenbar schon der Gedanke, dass ein Land mit dem „Exit“ spielt, für Veränderungen: Weil der britische Premier David Cameron damit droht, sein Land könnte die Europäische Union verlassen, ist die EU unter Druck, sich zu reformieren – und achtet stärker darauf, dass die Ausgaben nicht aus dem Ruder laufen.

Auf der anderen Seite könnte ein tatsächlicher Austritt der Briten durchaus negative Folgen haben. Man denke an die Staatsbahn von Nigeria: Wenn starke Kritiker aus einem sozialen System abwandern, gibt es in diesem weniger Widerspruch. Das würde wohl auch gelten, wenn die Briten als erklärte Gegner von allzu viel Europa-Bürokratie die EU verließen. Die kritische Auseinandersetzung innerhalb der EU könnte leiser werden – zu Lasten von Reformen.

Quelle: F.A.S.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
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