Carl Menger

Preise richten sich nicht nach den Kosten

Von Karen Horn
26.07.2014
, 10:29
Carl Menger von Wolfensgrün (1840–1921)
Der Ökonom Carl Menger hat erkannt, dass die Kunden die Preise festlegen. Entscheidend ist die subjektive Wertschätzung. Seine Habilitationsschrift sorgte für einen Paradigmenwechsel. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.
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Am 30. Januar 1889 wurden Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn und Baroness Mary Vetsera auf Schloss Mayerling tot aufgefunden. Suizid? Mord? Der Fall ist bis heute nicht geklärt. Es war ein schwerer Schlag für die Donaumonarchie; die Aussicht auf einen hochgebildeten, aufgeklärten Regenten war verloren.

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Zu Rudolfs Lehrern hatte auch Carl Menger (1840–1921) gezählt. Wie die Mitschriften des Prinzen erkennen lassen, hatte Menger ihm eine klassische ökonomische Bildung vermittelt und dazu ein liberales Staatsverständnis. So findet sich in Rudolfs Notizen der weise Lehrsatz, nur „anormale Fälle ... gestatten das Eingreifen des Staates, in den normalen Situationen des volkswirtschaftlichen Lebens werden wir so ein Verfahren stets für schädlich erklären müssen“.

Der in Neu Sandez (heute Nowy Sacz) geborene Menger hatte in Wien, Prag und Krakau Jura studiert, wozu damals auch volkswirtschaftliche Inhalte gehörten. Danach hatte er sich als Dichter und Journalist betätigt, erst in Lemberg, dann in Wien beim selbstgegründeten „Tagblatt“ und schließlich bei der kaiserlichen „Wiener Zeitung“. 1872 hatte er sich habilitiert; 1873 hatte man ihn zum Ministerialsekretär im Ministerratspräsidium und zum Professor an der Universität Wien berufen.

Wasser und Diamanten

Der Titel von Mengers Habilitationsschrift verheißt zwar gepflegte Langeweile: „Grundsätze der Volkswirtschaftslehre“. Doch das Buch hatte die Kraft, einen Paradigmenwechsel in der Ökonomie anzustoßen. Ideengeschichtler sprechen von der „marginalistischen Revolution“, die den Übergang von der Klassik zur Neoklassik markierte. Die Methode des „Marginalismus“ bedeutet, dass man beispielsweise nicht den Gesamtnutzen in den Blick nimmt, den ein Konsumgut dem Verbraucher bereitet, und auch nicht den durchschnittlichen Nutzen einer Einheit davon, sondern nur den Nutzen der letzten zusätzlichen („marginalen“) Einheit, den „Grenznutzen“. Dass für die Ökonomie eine solche Grenzbetrachtung aufschlussreich ist, ging etwa gleichzeitig auch dem Deutschen Hermann Heinrich Gossen, dem Franzosen Léon Walras und dem Engländer William Stanley Jevons auf.

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Menger gelang es mit dieser Betrachtungsweise unter anderem, das werttheoretische Rätsel zu lösen, an dem sich vor ihm Generationen von Ökonomen die Zähne ausgebissen hatten, nicht zuletzt der große Adam Smith: das Wasser-und-Diamanten-Paradoxon. Wie kann es sein, dass Wasser zwar großen Nutzen stiftet (ohne Wasser verdurstet man), aber nur einen niedrigen Preis erzielt? Dass sein Gebrauchswert also hoch ist, sein Tauschwert aber gering? Während Diamanten allenfalls das Auge erfreuen, aber ansonsten bekanntlich vollkommen unnütz und trotzdem sündhaft teuer sind?

In Mengers Augen war die Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert irrelevant. Er erkannte, dass der Wert – wie auch die sich danach richtende Zahlungsbereitschaft – eine höchst individuelle Angelegenheit ist. Der Wert wird bestimmt von der Knappheit des Gutes und vom (Grenz-)Nutzen dieses Gutes in jener Verwendung, die der jeweilige Nachfrager unter den Gütern, die er sich leisten kann, als am wenigsten dringlich empfindet.

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Jenseits des objektiven Wertmaßstabs

Ein Beispiel: Wasser ist in unseren Breiten so üppig vorhanden, dass es – mit zunächst hoher, dann aber abnehmender Dringlichkeit – zum Trinken, Kochen, Waschen, zum Bewässern von Gärten und zum Befüllen von Schwimmbädern dienen kann.

Ein Liter Wasser mehr im bereits befüllten Becken bringt nur noch einen geringen Nutzenzuwachs – und genau so viel ist dem Entscheider dann eben der Liter Wasser wert. Anders verhält es sich in der Wüste, wo Wasser sehr knapp ist. Hier kann allenfalls das dringlichste Bedürfnis gedeckt werden, die Flüssigkeitsaufnahme; ein Liter Wasser mehr beschert dem Durstigen einen hohen Nutzenzuwachs, und dieser ist bereit, viel dafür zu zahlen. Analog verhält es sich mit den seltenen Diamanten.

Noch revolutionärer als die Einführung der Marginalbetrachtung an sich war Mengers konsequent subjektivistische Perspektive. Spätestens seit Adam Smith hatten Ökonomen nach einem objektiven Wertmaßstab gesucht. Hartnäckig hatte sich der Gedanke gehalten, dass sich der Wert eines Gutes und damit auch der angemessene Preis nach den Produktionskosten richtet. Sich ausschließlich auf die Angebotsseite zu fokussieren war indes schon zuvor, im 16. Jahrhundert, den Mönchen der Schule von Salamanca irreführend erschienen: Dann hätten die Produzenten ja einen Anreiz, ihr Angebot möglichst unwirtschaftlich zu erstellen, die Konsumenten wären ihnen ausgeliefert.

Keine Lehre ohne Trauschein

Nach Menger sind es vielmehr die Nachfrager mit ihren jeweiligen Nutzenbewertungen, die vor dem Hintergrund der Knappheit letztlich über Preis und Wert befinden. Mit dieser Stärkung des Subjektivismus, der bis heute das Herzstück der vor allem in Amerika weiter entwickelten „Österreichischen Schule“ ausmacht, bahnte Menger seinem Fach den Weg in die Moderne.

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Als Menger seinen Ansatz in einem zweiten Buch verdeutlichte, den „Untersuchungen über die Methode der Socialwissenschaften und der politischen Oekonomie insbesondere“ (1883), reagierte Gustav Schmoller, ein einflussreicher Vertreter der vorherrschenden, weitgehend theoriefreien „Historischen Schule der Nationalökonomie“, freilich äußerst ungnädig.

Menger, der sich gar nicht als Abweichler, geschweige denn als Revolutionär verstanden hatte, antwortete verletzt und umso polemischer. Ihre böse Kontroverse, die sich im Kern um die Balance von Theorie und deskriptiver Empirie drehte, ging als „Methodenstreit“ in die Geschichte ein.

Im Jahr 1900 wurde Menger, der als Mitglied der Österreichisch-Ungarischen Währungskommission der Wiedereinführung der Goldwährung den Weg bereitet hatte, zum Mitglied des österreichisch-ungarischen Reichsrats ernannt. Drei Jahre später, mit 63 Jahren, zog er sich aus der Lehre zurück, angeblich um sich der Forschung zu widmen.

In Wahrheit hatte man ihn zur Emeritierung gedrängt, weil er in einer „Ehe ohne Trauschein“ nun auch noch Vater geworden war. Eine größere Schrift publizierte er nie wieder. Sein Sohn Karl Menger (1902–1985) wurde ein berühmter Mathematiker.

Karen Horn ist Vorsitzende der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft und Dozentin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Quelle: F.A.S.
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