Michail Bakunin

Der erste Anarchist

Von Georg von Wallwitz
18.10.2014
, 13:00
Michail Alexandrowitsch Bakunin (1814-1876)
Michail Bakunin lebte und dachte ungezügelt. Jede staatliche Ordnung war ihm ein Graus. Heute berufen sich linke Revolutionäre und amerikanische Libertäre auf ihn. Aus unserer Serie „Die Weltverbesserer“.

Michail Alexandrowitsch Bakunin war ein gesuchter Mann. Gleich mehrere Länder wollten ihn haben. Er wird nach dem gescheiterten Aufstand von Dresden im Jahr 1849 von Preußen verhaftet und als Rädelsführer zum Tode verurteilt. Da die Österreicher aber ebenfalls noch eine Rechnung mit ihm offen hatten, wird er nach Wien ausgeliefert und dort ebenfalls zum Tode verurteilt. Nun besteht auch das Russische Reich auf seinem Recht und erwirkt die Auslieferung nach St. Petersburg. Auch dort wird Bakunin ein Prozess gemacht, der mit dem Todesurteil endet. „Diese ewigen Prozesse beginnen mich zu langweilen“, schreibt er in seinen Briefen.

Wer war der Mann, um dessen Hinrichtung fast alle europäischen Mächte wetteiferten? Bakunin wuchs in den endlosen Weiten Russlands auf. Er war groß und dick, er aß viel, trank viel, rauchte viel und redete viel. Vor allem aber war er von einem unbezwingbaren Freiheitsdrang beseelt. In Moskau, wohin er nach kurzer und erfolgloser Militärzeit zog, kam er mit revolutionären Ideen in Kontakt, die er in Berlin, an der Universität Fichtes und Hegels, zu unterfüttern beschloss. Die Ideen schwankten und schwirrten in seinem Kopf, immer aber hatte er die Befreiung der Menschen aus den gegenwärtigen Verhältnissen vor Augen, welche nur zu deren Unterdrückung dienten.

Er zog weiter nach Paris, wo er sich bald in sozialistischen und anarchistischen Kreisen einen Namen machte. Mit Marx verband ihn dort ein zwiespältiges Verhältnis. Einerseits erkannte Bakunin an, dass dieser ein bedeutender theoretischer Kopf im Dienste des Sozialismus war. Andererseits hielt er dessen Lehre für im Grunde autoritär. Die Arbeiterschaft werde bei Marx von einer abstrakten Theorie und ihren Hohepriestern gegängelt und sei damit am Ende nicht freier als zuvor. So erinnert sich Bakunin: „Es bestand nie eine offene Intimität zwischen Marx und mir. Unsere Temperamente vertrugen sich nicht. Er nannte mich einen sentimentalen Idealisten, und er hatte recht; ich nannte ihn einen perfiden und tückischen eitlen Menschen, und ich hatte auch recht.“

Bakunins Todesstrafe wird, da er aus einer guten adeligen Familie kommt, vom Zaren zunächst in Festungshaft umgewandelt. Später wird er nach Sibirien in die Verbannung geschickt, wo er bald die Gelegenheit zur Flucht nutzt. Über Japan und die Vereinigten Staaten gelangt er nach England, wo er zehn Jahre nach seiner Festnahme völlig ungeniert und mit ungeminderter Energie für den Anarchismus wirbt. Er ist kein Schreibtischrevolutionär wie Marx, sondern wann immer irgendwo in Europa eine Revolte losbricht, findet Bakunin sich auf den Barrikaden im Auge des Sturms. Je chaotischer es zugeht, desto wohler fühlt er sich.

Theorien entsprechen seinem Lebenswandel

Seine Theorien entsprechen seinem Lebenswandel. Er verfasst Aufsätze und Pamphlete, setzt mehrfach dazu an, ein längeres Werk zu schaffen, aber zu einem zusammenhängenden Lehrgebäude fehlen im Zeit, Ruhe und die Haltung des Professors. Zwei Themen kommen aber immer wieder vor und können als das Zentrum seines Denkens gelten. Erstens ist er überzeugt, dass der Untergang alter Strukturen kein Übel ist, sondern die Voraussetzung für neues Wachstum: „Lasst uns also dem ewigen Geiste vertrauen, der nur deshalb zerstört und vernichtet, weil er der unergründliche und ewig schaffende Quell alles Lebens ist.“ Zweitens stellt er fest, dass Macht ihre Träger unvermeidlich korrumpiert. „Vorrechte, jede bevorrechtigte Stellung, haben die Eigentümlichkeit, Geist und Herz der Menschen zu töten.“ Er sieht daher die ideale Organisation in kleinen Einheiten, in denen die Macht von unten nach oben ausgeübt wird (Syndikaten). Ihm schweben dörfliche Gemeinschaften vor, in denen sich die Menschen zwanglos zu Produktionsgemeinschaften zusammenfinden, die sich wiederum in Föderationen koordinieren.

Bakunin liegt am Ende aber das Wohl der Menschen näher am Herzen als alle Theorien. Als er erkennt, dass die Menschen im Grunde nur ihren Frieden wollen, resigniert er bedauernd und zieht sich vom aktiven Kampf zurück. Ein Anarchist kann niemandem etwas aufzwingen, nicht einmal die Revolution.

Bakunins Erbe ist am offensichtlichsten in den anarchistischen Revolten, die es insbesondere in Südeuropa bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder gegeben hat. Zuletzt hat mit „Occupy Wall Street“ eine anarchistische Bewegung der Sehnsucht nach kleinen überschaubaren Einheiten Ausdruck gegeben, ohne alternativlose Bankenrettungen und korrupte Staatsapparate. Auch heute sind die Menschen nicht gerne unberechenbaren, unansprechbaren, namenlosen Mächten ausgeliefert. Daher zielt der Anarchismus, so David Graeber, der Vordenker von Occupy, „darauf, alle sozialen Verhältnisse zu eliminieren, die nur durch die systematische Androhung von Gewalt aufrechterhalten werden können, von der Lohnarbeit bis zum Patriarchat“. Bakunin hätte das nicht anders formuliert.

Erben finden sich auch am rechten Spektrum

Seine Erben finden sich politisch aber auch am rechten Spektrum. Heinrich Meier hat etwa Bakunins Bedeutung für Carl Schmitt hervorgehoben. Am lebendigsten ist der Anarchismus heute aber bei den Libertären in den Vereinigten Staaten, welche ebenfalls mit großer emotionaler Energie die Abschaffung des Staates fordern. Sie unterscheiden sich von Bakunin letztlich nur in der Betonung robuster Eigentumsrechte. Sie stehen der Österreichischen Schule in der Ökonomie nahe, die staatliche Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft ablehnt und ebenfalls den Charme der „schöpferischen Zerstörung“ sieht.

Bakunins Leben war zu chaotisch, seine Ideen zu wenig lehrbuchartig, als dass man sich heute explizit auf ihn berufen könnte. Er selbst hätte es auch absurd gefunden, ein Denkmal zu bekommen. Nur auf gedenktafelfähige Menschen kann man sich aber berufen, wenn man ernst genommen werden möchte.

Bakunins Satz von der Korruption der Macht hat bis heute seine Gültigkeit nicht verloren, er gilt in „House of Cards“ nicht weniger als bei Wladimir Putin. Die Reaktion darauf ist der Anarchismus. Diesen gelebt und formuliert zu haben ist Bakunins bleibendes Vermächtnis.

Der Autor ist Buchautor und Mitinhaber einer Vermögensverwaltung in München.

Wie geht es weiter?

19. Oktober: Beatrice Webb untersucht die Arbeitslosigkeit

26. Oktober: Joseph Schumpeter lobt die schöpferische Zerstörung

2. November: Charles Kindleberger analysiert Blasen.

Bisher erschienene Beiträge: www.faz.net/weltverbesserer

Quelle: F.A.S.
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