Einkommen

Macht Ungleichheit krank?

Von Patrick Bernau
03.02.2011
, 10:19
Das große Glück liegt in der Gleichheit, lautet eine populäre These. Wenn das stimmte, dann hätten Ökonomen heftig zu knabbern. Sie müssten eine weithin anerkannte ökonomische Grundaussage überdenken.
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Selten dauert es ganze zwei Jahre, bis ein Buch richtig einflussreich wird. Thilo Sarrazins Thesen beispielsweise wurden im vergangenen Sommer schon diskutiert und verrissen, bevor sein Buch offiziell erschienen war. Doch dieser Tage erobert ein Buch die öffentliche Diskussion, das schon im März 2009 auf den Markt gekommen ist. In der deutschen Übersetzung heißt es "Gleichheit ist Glück", und es stammt von den Briten Kate Pickett und Richard Wilkinson, die als Epidemiologen den Gesundheitszustand ganzer Länder erforschen. Sie behaupten: Je ungleicher die Einkommen in einem Land verteilt sind, desto schlechter geht es dem Land.

Offenbar hat es schlicht eine Weile gedauert, bis genügend Leute das Buch gelesen hatten. Jetzt spricht plötzlich jeder darüber - zumal es ganz wunderbar in eine Zeit passt, in der die halbe Welt darüber debattiert, ob Wirtschaftswachstum überhaupt noch so wichtig ist. Ausgehend von dem Buch, philosophieren internationale Magazine über den Sinn der Gleichheit. In Deutschland werden große Zeitungsinterviews mit der Autorin Kate Pickett gedruckt. Und selbst der konservative britische Premierminister David Cameron zitiert aus dem Buch.

Darin haben Wilkinson und Pickett nur die reichen Länder untersucht. In unterschiedlichen Fragen haben sie verglichen, wie gleich oder ungleich die Nettoeinkommen der Bürger dieser Länder nach Steuern und Sozialleistungen verteilt sind. Die Autoren argumentieren, dass es in ungleichen Ländern allen Leuten schlechter geht. Das soll selbst für die Reichen gelten - zwar nicht unbedingt den wenigen Superreichen, aber doch den wohlhabenden Mitgliedern der oberen Mittelschicht und Oberschicht.

"Wenn die Ungleichheiten größer sind, wird es wichtiger, wo jeder von uns seinen Platz hat", schreiben Pickett und Wilkinson. Es gebe weniger Bescheidenheit, dafür mehr Eigenlob. Gleichzeitig bekämen die Menschen größere Sorge um ihr Ansehen bei den anderen. "Größere Ungleichheit wird wahrscheinlich von härterem Statuswettbewerb begleitet und von größerer Statusangst."

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So weit, so klar, denkt der Leser des Buches. Das ist ja genau der Antrieb, der die Menschen anspornt. Genau weil das Leben so unbequem ist, leisten sie in einer ungleichen Welt mehr als in einer Welt, in der alle gleichgemacht werden. Doch die beiden britischen Epidemiologen gehen noch weiter. Sie nennen eine ganze Reihe von Problemen, die ungleiche Staaten in weit größerem Ausmaß hätten als Staaten mit gleichem Einkommen: Das sind zum Beispiel Misstrauen in der Bevölkerung und Übergewicht. Ungleiche Länder haben mehr schwangere Teenager, mehr Schulabbrecher und ohnehin eine schlechtere Schulausbildung. Sucht und andere psychische Störungen seien häufiger. In ungleichen Gesellschaften würden mehr Menschen umgebracht, überhaupt sei die Lebenserwartung deutlich niedriger.

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Wenn das stimmte, dann hätten Ökonomen heftig zu knabbern. Sie müssten eine weithin anerkannte ökonomische Grundaussage überdenken: dass Ungleichheit zwar manchmal unangenehm sein kann, aber den Menschen doch auf Dauer zusätzlichen Wohlstand bringt - und damit ein besseres Leben.

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Allerdings ist es noch sehr fraglich, ob die beiden Forscher tatsächlich recht haben. Schon haben sich viele Kritiker gefunden. Die ersten waren Forscher aus konservativen Denkfabriken. Zum Beispiel der Historiker Christopher Snowdon. Er wirft den beiden vor, dass sie einige Länder nicht berücksichtigt hätten, die ihrer These widersprechen. Tschechien und Südkorea beispielsweise fehlten ohne ersichtlichen Grund. Auch Singapur und Hongkong seien nicht mit dabei, und das mache die Ergebnisse besonders unglaubwürdig. Schließlich sei das Einkommen in diesen beiden Städten besonders ungleich verteilt, darum müsse es ihnen besonders schlecht gehen - doch das Gegenteil sei wahr.

In der Tat ändert sich das Bild fundamental, wenn diese Länder in die Untersuchung aufgenommen werden. Schlagartig verschwindet beispielsweise der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Lebenserwartung. Das passt zu anderen ökonomischen Forschungsergebnissen, zum Beispiel einer sehr anerkannten Literaturübersicht des Princeton-Ökonomen Angus Deaton. Sie war sechs Jahre vor dem Buch veröffentlicht worden, die beiden Forscher hatten sie aber nicht erwähnt.

Zwar weisen Wilkinson und Pickett Deatons Arbeit als veraltet zurück. Doch am Ende der Diskussion mussten sie zugeben: "Wir akzeptieren, dass der Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Gesundheit einer der schwächeren Punkte in dem Buch ist." Das ist eine herbe Niederlage für Forscher, die ihr Buch und auch frühere Papers mit der Schlagzeile "Ungleichheit tötet" beworben hatten.

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Dass ihre anderen Punkte viel stärker sind, ist nicht sicher. Denn die beiden Forscher haben noch ein anderes Problem. Das hat mit Kopfschmerzen und Aspirin zu tun. Kopfschmerzen treten zwar oft bei Leuten auf, die Aspirin nehmen - aber das bedeutet noch lange nicht, dass Aspirin tatsächlich Kopfschmerzen macht. Und so bleibt auch bei vielen Beobachtungen in dem Buch unklar, ob die Ungleichheit wirklich der Grund des Übels ist oder nur die Folge.

Wilkinson und Pickett beschäftigen sich mit dieser Frage meist gar nicht. Ein überzeugendes Argument liefern sie nur für die Beobachtung, dass Ungleichheit Misstrauen schürt. Aber in vielen anderen Fragen spricht einiges dafür, dass der Zusammenhang andersherum funktioniert. Zum Beispiel bei Teenager-Schwangeschaften: Schwangere Teenager brechen oft ihre Ausbildung ab - also bleiben sie oft arm, und die Gesellschaft wird ungleicher. Ähnliches gilt für psychische Störungen und die Drogensucht: All das kann Leute arm machen. Und wenn die Kinder in der Schule eine schlechte Bildung bekommen, macht das die Gesellschaft ebenfalls ungleicher. Schließlich bedeutet es, dass Kinder schlecht gebildeter Eltern selbst weniger Bildungschancen haben.

Deshalb macht das Buch von Richard Wilkinson und Kate Pickett die Welt nicht viel schlauer. Die beiden Autoren haben aber immerhin eine neue Debatte eröffnet. Vermutlich wird in den nächsten Jahren so mancher Doktorand an den offenen Fragen weiterforschen - und wahrscheinlich wird sich dann einiges klären.

Richard Wilkinson und Kate Pickett: Gleichheit ist Glück: Warum gerechte Gesellschaften für alle besser sind. Haffmans & Tolkemitt, 2009.

Angus Deaton: Health, Inequality and Economic Development. Journal of Economic Literature 41(1), März 2003.

Christopher Snowdon: The Spirit Level Delusion: Fact-Checking the Left's New Theory of Everything, Democracy Institute / Little Dice, 2010.

Quelle: F.A.S.
Patrick Bernau  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Patrick Bernau
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Wert“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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