Leistungsbilanz

Exportiert Deutschland zu viel?

Von Jens Südekum und Gabriel Felbermayr
04.04.2017
, 16:46
Deutschland hat 2016 Waren im Wert von 1,2 Billionen Euro exportiert. Nach wie vor zieht die Autobranche.
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Der sehr hohe deutsche Überschuss in der Leistungsbilanz ist kein Grund zur reinen Zufriedenheit. Wenn man seine Schattenseiten bedenkt, hört er sich gar nicht mehr so toll an. Ein Gastbeitrag.
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Unausgeglichene Handelsbilanzen erregen die Gemüter. Dafür hat nicht zuletzt der Vorwurf von Donald Trumps Wirtschaftsberater Peter Navarro gesorgt, Deutschland manipuliere den Euro, um sich auf Kosten anderer zu bereichern. Auch wenn dieser Vorwurf absurd ist, denn der Außenwert des Euros wird nicht in Berlin entschieden, bleibt hierzulande doch ein mulmiges Gefühl zurück. Steckt vielleicht ein Körnchen Wahrheit darin?

Immerhin wurde Deutschland kürzlich wieder zum Exportweltmeister gekürt, und unser Leistungsbilanzüberschuss ist mit knapp 9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts größer als je zuvor. Der Internationale Währungsfonds, die EU-Kommission und viele Ökonomen weltweit fordern Korrekturen. Müssen wir uns also Sorgen machen, dass der Überschuss „zu hoch“ ist? Und was könnten wir tun, um ihn zu reduzieren? Die Krux mit der Leistungsbilanz ist, dass man sie immer von zwei Seiten betrachten muss. Diese beiden gehören unzertrennlich zusammen wie das Yin und das Yang aus der chinesischen Philosophie. Schaut man bloß isoliert auf eine Seite, dann entstehen schnell Fehlschlüsse.

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Ein Beweis für die enorme Stärke der Wirtschaft?

Das „Yin“ der Leistungsbilanz geht so: Deutschland hat 2016 Waren im Wert von 1,2 Billionen Euro exportiert. Die Wareneinfuhr betrug 920 Milliarden Euro, also 280 Milliarden Euro weniger. Auf der Dienstleistungsbilanz haben wir zwar ein kleines Defizit, vor allem wegen vieler Auslandsurlaube, die saldenmechanisch Importe sind. Zählt man alles zusammen, kommt Deutschland zu einem Überschuss in der Leistungsbilanz von 261 Milliarden Euro. Viele sehen das als Beweis für die enorme Stärke der Wirtschaft. Es gibt hier eben exzellente Unternehmen mit Produkten von höchster Qualität. Die Deutschen sind erfolgreicher als andere, also wollen alle mehr von uns kaufen als umgekehrt. Dadurch entstehen hier Tausende zusätzlicher Arbeitsplätze, um die Auslandsnachfrage zu befriedigen, während Amerika zu Lasten der einfachen Arbeiter mit Importen überflutet werde.

Diese hemdsärmelige Sicht, wonach Exportüberschüsse tugendhaft sind, springt volkswirtschaftlich allerdings viel zu kurz. Das wird deutlich, wenn man das „Yang“ der Leistungsbilanz betrachtet, die Finanzierungsseite. Hiernach hat die deutsche Volkswirtschaft allein im vergangenen Jahr 261 Milliarden Euro weniger konsumiert oder im Inland investiert, als möglich gewesen wäre. Dieses Geld ist natürlich nicht einfach weg. Es wurde gespart und im Ausland angelegt. Doch man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: Deutschland wird oft als sicherer Hafen bezeichnet. Aber im Saldo hat mehr Kapital das Land verlassen, als hineingeflossen ist. So ist das deutsche Netto-Auslandsvermögen auf stolze 1,8 Billionen Euro angewachsen, erzielt laut Bundesbank aber miserable Renditen. Plötzlich hört sich ein Leistungsbilanzüberschuss gar nicht mehr so toll an: Statt die Früchte der eigenen Arbeit im Inland zu genießen, leihen wir lieber dem Ausland ständig mehr Geld und hoffen, dass wir es irgendwann wiedersehen. Ganz anders die Vereinigten Staaten: Amerika mit seinem „Dollarprivileg“ darf jedes Jahr mehr konsumieren, als es produziert, weil Deutschland, Japan und China auf Pump exportieren. Ob Trump bewusst ist, dass dies vorbei wäre, wenn er das amerikanische Defizit abbaut?

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Der deutsche Überschuss hat schon etwas Spezielles

Nun gibt es handfeste Gründe, warum Deutschland einen Leistungsbilanzüberschuss und damit einen Kapitalexport aufweist. Der wichtigste ist die Demographie: Wir sind eine alternde Gesellschaft und sorgen uns um die Altersvorsorge. Gleichzeitig ist Deutschland eine reiche Volkswirtschaft, während viele Schwellenländer für ihr Wachstum noch auf Kapitalzuströme angewiesen sind. Insofern ist es ganz natürlich, wenn Deutschland viel spart und diversifiziert im Ausland anlegt. Aber dieses Argument gilt für viele Länder, die eine ähnliche Einkommens- und Altersstruktur wie Deutschland aufweisen, aber längst nicht so positive Handelsbilanzsalden. Italien oder Spanien etwa, oder das noch schneller alternde Japan.

Der deutsche Überschuss hat schon etwas Spezielles, und das liegt am Euro. Innerhalb der Währungsunion mangelt es mehr denn je an realer Konvergenz. Während bei uns nahezu Vollbeschäftigung herrscht, hält sich die Jugendarbeitslosigkeit in Südeuropa auf bedrohlichem Niveau. Die (Kern-)Inflation ist unter der 2-Prozent-Marke. Somit bleibt die Europäische Zentralbank vorerst bei ihrer ultralockeren Geldpolitik, die den Euro billig hält. Diese Politik ist eigentlich nicht im deutschen Interesse. Sie wird betrieben, um diverse Banken und damit den Euro am Leben zu erhalten. Ein Nebeneffekt ist, dass deutsche Unternehmen wegen des „zu billigen“ Wechselkurses und der bescheidenen vergangenen Lohnrunden derzeit besonders wettbewerbsfähig sind.

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Aber was soll Deutschland dagegen tun? Den starken Unternehmen das Exportieren verbieten? Natürlich nicht! Wir sollten vielmehr überlegen, warum wir die enormen Exporterlöse nicht vermehrt für den Konsum schicker Importgüter oder für inländische Investitionen in Maschinen, Schulen oder Breitbandnetze verwenden. Global lässt sich das schwerlich steuern, denn Leistungsbilanzen ergeben sich im Aggregat aus Millionen von Einzelentscheidungen. Aber wenn es systematische Verzerrungen bei diesen Entscheidungen gibt, dann gilt es dort anzusetzen.

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Wichtig sind konsequente Reformen im Dienstleistungssektor. Hier wird die Zukunft der Arbeit liegen, dafür sorgt schon die Digitalisierung. Aber wie die OECD jedes Jahr aufs Neue feststellt, sind viele Branchen in Deutschland stärker reguliert als anderswo. Dies hat hohe Preise und geringe Investitionen zur Folge. Das Schattendasein von Uber & Co im deutschen Markt ist dabei nur ein Beispiel. Auch die Unternehmensbesteuerung gehört auf den Prüfstand. Das derzeitige System macht es für multinationale Konzerne sehr attraktiv, erzielte Gewinne als Rücklage im Ausland zu horten, statt im Inland auszuschütten. Eine Senkung der Mehrwertsteuer würde die (Import-)Nachfrage anregen, was nebenbei auch Südeuropa hülfe. Sie würde zudem die Schwächsten hierzulande entlasten, die keine Einkommen-, wohl aber Mehrwertsteuer zahlen.

Und schließlich müssen Lücken bei der öffentlichen Infrastruktur geschlossen werden, deren Ausbau seit längerer Zeit stagniert. Bei keiner dieser Maßnahmen verschenkt Deutschland Geld oder verschuldet sich übermäßig. Im Gegenteil: Der Weg zu einer stärker ausgeglichenen Leistungsbilanz über eine höhere Binnennachfrage könnte geradezu freudestiftend sein, denn Konsum macht Spaß. Und eine stärkere Rückbesinnung auf sich selbst ist auch im Sinne von Yin und Yang.

Über die Autoren

Prof. Dr. Jens Südekum lehrt VWL an der Universität Düsseldorf.

Prof. Dr. Gabriel Felbermayr ist Handelsfachmann im Ifo-Institut München.

Quelle: F.A.Z.
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